weather-image
28°
Kapitularin Ursula Schröder erzählt vom Wohnen in historischen Mauern

Wie lebt es sich im Stift?

Fischbeck. Als sie und ihr Mann jung waren, scherzten beide oft darüber, dass sie nach seinem Tod ins Kloster gehen soll. Als der 18 Jahre ältere Mann von Ursula Schröder dann tatsächlich erkrankte, herrschte bei dem Ehepaar stille Übereinkunft darüber, dass das Kloster nach seinem Tode ein guter Ort für sie wäre.

veröffentlicht am 19.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 07:41 Uhr

270_008_6807401_lkho103_1912.jpg

Autor:

von julia rAu
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Die heute 68-Jährige blieb noch zwei Jahre im Beruf, bevor sie ins Stift in Fischbeck einzog. „Ich hatte einfach nicht mehr so viel Spaß in meinem Beruf. Heutzutage ist ja alles so streng vorgegeben“, sagt Schröder. Als sie 1973 anfing zu unterrichten, sei die Gestaltung des Unterrichts noch viel kreativer und freier gewesen, der Kontakt zu den einzelnen Schülern umfangreicher. Das war aber schon vor dem Tod ihres Mannes der Fall. Den Anstoß gab ihr eine Anzeige in der Dewezet. „Da gab es eine Reise nach Rom, bei der man mitmachen konnte. Ich habe ein befreundetes Ehepaar gefragt, ob sie mit mir dahinfahren würden – und dann ging es los“, so die Kapitularin. In einer Villa der Medici hatte sie schließlich einen Schlüsselmoment. „Als die Sonne durch dieses Fenster schien, hatte ich das Gefühl, dass es noch mehr geben muss als den Schulalltag.“

Kaum zu Hause angekommen, sprang ihr ein weiterer Zeitungsartikel ins Auge. Das Stift in Fischbeck war auf der Suche nach neuen Gästeführern. „Da hatte ich große Lust drauf“, so Schröder. In der Volkshochschule hat sie sich zur Gästeführerin ausbilden lassen und schließlich an den Wochenenden im Stift gearbeitet. „Die Stiftsdamen und ich kamen sofort gut miteinander aus“, sagt sie. Als diese dann noch erfuhren, dass die Neue Musik- und Englischlehrerin ist, wollten sie Schröder sofort ganz bei sich aufnehmen.

Gesagt, getan. Kurz darauf verfasste die Lehrerin ihr Kündigungsschreiben, ihr Chef hätte damals viel Verständnis für sie gehabt, sagt sie. Ihr Freundeskreis war dagegen weniger begeistert. „Eine alte Freundin hat mich auf Knien angefleht und geweint, als ich ihr gesagt habe, wo ich den Rest meines Lebens verbringen will. Vor zwei Jahren hat sie mich besucht und war ganz begeistert.“ Alle, die sie richtig kennen, hätten ihr bestätigt, dass das genau das Richtige für sie sei.

270_008_6807383_lkho101_1912.jpg
  • Ursula Schröder liest für ihr Leben gern. jmr

Ab März 2009 wohnte sie schließlich im Stift. „Welche Wohnung ich beziehen will, konnte ich mir selbst aussuchen, aber eigentlich sind auch alle fast gleich“, sagt sie. Auf etwa 80 Quadratmetern lebt sie seither mietfrei mit einem Cembalo im Schlafzimmer und einem Klavier im großen Esszimmer. Tiere sind auch erlaubt, Schröder verzichtet aber, „weil ich mein Herz sehr an sie hängen würde“. Musik ist noch immer ihre große Leidenschaft, ihre Aufgabe deshalb auch die Betreuung der Künstler vor und nach deren Gastauftritten im Stift. Mit einem üblichen Angestelltenverhältnis könne man das aber nicht vergleichen, „weil das hier viel selbstbestimmter ist“.

Ihre Beziehung zur Religion habe sich seit ihrem Einzug verändert. „Mein Mann war Pfarrer. Ich habe damals aber auch gern mal eine Predigt geschwänzt“, verrät sie. Ihr Herz habe einfach nicht so stark daran gehangen wie heute. Im Stift hält sie jeden Morgen eine kleine Andacht für sich und freut sich, so sagt sie, auf jeden Gottesdienst. „Dabei kommt es nicht mal so sehr auf die Predigt an, allein dass man sich in diesem Gebäude aufhält und förmlich spürt, wie viele Chöre dort schon sangen und wie viele Menschen beteten. Das ist sehr beeindruckend.“ Auf die Frage, ob das Leben im Stift so ist, wie sie es sich vorgestellt hat, antwortet die 68-Jährige: „Wenn es nicht so wäre, läge es an mir, etwas zu ändern.“ Das selbstbestimmte Leben gefalle ihr am besten. Und natürlich die Gemeinschaft. „Ich kann von meiner Wohnung über den Dachboden in jede andere Wohnung gehen“, sagt sie. Die Kapitularin sagt von sich selbst, dass sie immer schon schön leben wollte, also in einem eleganten Ambiente. Im Pfarrhaus und im Eigenheim in Osterwald sei ihr das gelungen. Eine Wohnung in der Stadt zu nehmen, käme als Alterswohnsitz demnach gar nicht erst in Frage. „Im Stift fühle ich mich angekommen“, sagt sie. Zwar bezeichnet sie sich selbst als „Zweiflerin“, „ich habe aber hier gelernt, dass es durchaus in Ordnung ist, wenn man auch in der Religion mal etwas hinterfragt“.

Ihr altes Umfeld hat die ehemalige Lehrerin noch, sie geht zum gleichen Frisör und empfängt regelmäßig Freunde bei sich. Sonst liest sie viel, und neuerdings lässt sie auch Computer in ihr Leben, obwohl sie sich früher dagegen sträubte. „Eine E-Mail-Adresse einzurichten war das Erste, was mir hier empfohlen wurde. So geht die Kommunikation mit der Äbtissin einfach schneller.“ Auf den Sinn des Lebens angesprochen, sagt Schröder nach einer kurzen Pause: „Ich bin noch auf der Suche.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare