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Die IT-Firma „Next Vision“ in Friedrichshagen arbeitet an einer Software für intelligente Maschinen

Wie aus einem Science-Fiction-Film

FRIEDRICHSHAGEN. Seit 2004 führt der gebürtige Friedrichshagener Patrick Söhlke, den es nach dem Studium in die Heimat zurückzog, mit seiner Partnerin das Technologie- und Beratungsunternehmen. Dabei geht es vor allem darum, Geschäftsprozesse für mittelständige Unternehmen zu optimieren und effizienter zu gestalten.

veröffentlicht am 08.10.2017 um 14:00 Uhr
aktualisiert am 11.10.2017 um 12:56 Uhr

Computerfachmann Patrick Söhlke aus Friedrichshagen zeigt, wie seine Software funktioniert. Foto: PR/Next Vision
Johanna Lindermann

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Johanna Lindermann Volontärin zur Autorenseite
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Früher hätte jemand, der versucht, sich mit Maschinen zu unterhalten, als verrückt gegolten. Heutzutage sind Unterhaltungen mit dem Smartphone, dem Fernseher oder anderen elektronischen Geräten dank Software wie Siri oder Alexa schon zum Alltag geworden. Was allerdings noch Mangelware ist, ist die Sprach-, Gesten- und Touch-Bedienung in großen Unternehmen. An solchen intelligenten und autonomen Maschinen arbeitet die IT-Firma „Next Vision“, die ihren Sitz in Friedrichshagen hat.

Seit 2004 führt der gebürtige Friedrichshagener Patrick Söhlke, den es nach dem Studium in die Heimat zurückzog, mit seiner Partnerin das Technologie- und Beratungsunternehmen. Dabei geht es vor allem darum, Geschäftsprozesse für mittelständige Unternehmen zu optimieren und effizienter zu gestalten. Next Vision hat viele Kunden im Weserbergland und in Ostwestfalen-Lippe, einige auch in ganz Deutschland.

Bereits 2013 hatte Next Vision dazu das gemeinsame Projekt „KonSenS“ (kurz für: Kontext Sensitive Schnittstelle) mit der Hochschule Weserbergland (HSW) in Hameln gestartet, um die Arbeit an Computern im Büro-Alltag maßgeblich zu vereinfachen (wir berichteten). Seit Anfang Oktober arbeitet Next Vision nun an einem weiterführenden Projekt mit dem Arbeitstitel „Drops“ (kurz für: Data Mining-basierte Optimierung der Produktion). Es ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der HSW in Hameln und der HS OWL (Hochschule Ostwestfalen-Lippe) in Lemgo.

Erst Ende September war das Projekt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie genehmigt worden, das es gleichzeitig bezuschusst. „Die gesamten Kosten belaufen sich auf mindestens 350 000 Euro, 45 Prozent davon erhalten wir vom Ministerium als Zuschuss zurück, die restlichen 55 Prozent zahlen wir selbst. Denn wir sehen einen großen Wachstumsmarkt für intelligente Software“, sagt Söhlke.

Doch woran genau arbeitet Next Vision? „Unser Ziel ist eine Technologieplattform für mittelständische Unternehmen, die sich autonom steuert, selbstständig Probleme erkennt und Vorschläge liefert, wie diese behoben werden können“, erklärt der Fachmann. Zwar sei es auch möglich, dass sich die Systeme zum Teil automatisch warten, „doch uns ist wichtig, dass immer noch ein Mensch die Entscheidungen trifft.“ So soll die Software beispielsweise erkennen, dass eine Maschine, sollte sie weiter so genutzt werden wie bisher, bald ausfallen wird. „Das würde natürlich einen Produktionsausfall und Kosten verursachen“, sagt Söhlke. Um dem entgegenzuwirken, soll die Lösung dies rechtzeitig erkennen und vorschlagen, das Gerät beziehungsweise eine Komponente bereits jetzt zu reparieren oder auszutauschen, sodass es zu keinen hohen Kosten kommt. Berechnet wird das Ganze mit Algorithmen, die auf Erfahrungswerten aus der Vergangenheit und den wahrscheinlichsten Prognosen beziehungsweise einer Mustererkennung von möglichen Einflussfaktoren beruhen.

„Langjährige Mitarbeiter kennen ihre Maschinen und merken meist sofort, wenn etwas nicht rund läuft. Ein neuer Mitarbeiter hat diese Erfahrung jedoch nicht. Deshalb wollen wir versuchen, das vorhandene Wissen in die Prozesse zu integrieren, damit die Produktivität bei Personalwechsel oder Krankheit nicht abbricht“, verdeutlicht Söhlke das Prinzip.

Ziel von Next Vision ist es, mit ihrer Lösung eine Verbesserung im einstelligen Prozentbereich zu erzielen. Was wenig klingt, mache in einem Unternehmen allerdings schnell eine Einsparung im sechs- bis siebenstelligen Euro-Betrag aus, da Ausfälle und Qualitätsverluste stets sehr viel Geld kosteten, erklärt Söhlke.

Für große Unternehmen gibt es vergleichbare Software bereits, für kleinere Unternehmen ist diese jedoch viel zu teuer. „Wir möchten diese Möglichkeit auch für mittelständische Unternehmen erschwinglich machen“, betont der Friedrichshagener. In mittelständischen Firmen werden bislang nur getrennte Programme zur Analyse, Prognose und Optimierung eingesetzt – „wir versuchen, das in einer einzigen Software zu kombinieren. Das gibt es so noch nicht, es wäre dann ein Alleinstellungsmerkmal.“

Und das ist keine Zukunftsmusik, denn in der „Smart Factory“ in Lemgo werden solche Prozesse bereits jetzt exemplarisch durchgeführt. Dahinter verbirgt sich ein Anwendungs- und Demonstrationszentrum der Fraunhofer Gesellschaft und der HS OWL. Hier haben Firmen die Möglichkeit, die neue Technologie auszuprobieren, zu testen und später mithilfe eines Expertenteams in ihre Geschäftsprozesse zu integrieren. „Dabei bauen wir auf den Systemen auf, die bei den Kunden schon vorhanden sind“, sagt Söhlke. Die Produktion sei daher bei jedem Unternehmen etwas anders, es komme aber stets dasselbe Ergebnis dabei heraus. „Das macht auch immer großen Spaß.“

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor stellt auch die Bedienung der Lösung dar, die zukünftig um Sprach- und Gestensteuerung erweitert werden soll. Hier sollen die Mitarbeiter und Führungskräfte in Unternehmen künftig in der Lage sein, mit den Maschinen wie mit einem Menschen zu kommunizieren, fährt Söhlke fort. „Das kann man sich ähnlich vorstellen wie auf der Brücke bei Raumschiff Enterprise.“ Gerade für ältere Mitarbeiter sei dies sehr praktisch, denn einfach mit den Maschinen zu reden sei für sie viel leichter, als ein kompliziertes Programm zu bedienen.

Als Probanden für das im letzten Jahr abgeschlossene Projekt „Digital Boardroom“ oder auch „Digitaler Leitstand“ haben sich bereits drei Unternehmen aus der Umgebung angemeldet: die Aerzener Maschinenfabrik, das Simonswerk in Rheda-Wiedenbrück sowie Weidmüller Interfaces in Detmold.

„Das neue Projekt „Drops“ liefert den dazugehörigen ‚Unterbau‘ mit Fokus auf der ‚intelligenten Fabrik‘ der Zukunft“, erklärt Söhlke. Bei wenigstens einem Unternehmen soll dies prototypisch durchgeführt werden, so die Vorgabe des Ministeriums zur Bewilligung der Förderung. Next Vision plant jedoch, Prototypen für drei bis vier Unternehmen zu entwickeln. „Weitere Praxispartner aus dem Mittelstand sind sehr gerne willkommen“, sagt er.

Die ganze Computertechnik des Unternehmens steht übrigens im zweiten Sitz des Unternehmens, in Paderborn, wo Söhlke gemeinsam mit seiner Partnerin studierte. In Friedrichshagen hingegen, wo das Paar lebt, findet die Verwaltung statt – für die Technik reicht die Breitbandversorgung in dem Ort einfach nicht aus. Für die Unternehmer steht trotzdem fest: Weg aus Friedrichshagen möchten sie nicht.

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