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Schüler sind kaum dazu in der Lage / Horst Schlüter hat alte Kirchenbücher für Nachwelt transkribiert

Wer kann eigentlich noch Sütterlin lesen?

Hessisch Oldendorf (ah). Horst Schlüter öffnet sein „Volksschulzeugnis der Stadt Celle“: Sämtliche Eintragungen sind fein säuberlich mit Tinte in Sütterlin geschrieben. Für den 78-Jährigen kein Problem, die Beurteilungen seit seiner Einschulung im April 1938 zu lesen. Gelingt das auch der Generation seiner Enkel?

veröffentlicht am 24.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 03:21 Uhr

Für das Thema „Schule früher“ besucht eine dritte Klasse aus Hessisch Oldendorf das Heimatmuseum in Hattendorf. Dort
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Ein Test zeigt: Die Fähigkeit nimmt ab: 25 Schülern im Alter von 10 bis 18 Jahren wird ein kurzes Gedicht in Sütterlin vorgelegt. Gestochen gleichmäßig, mit Zacken und dickbäuchigen Schnörkeln zieht sich die Schrift, die der Berliner Grafiker und Pädagoge Ludwig Sütterlin im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums entwickelte, über das Papier - wie ein kleines Kunstwerk. „Das kriegen wir hin“, sagen zwei 16-jährige Gymnasiastinnen, die sich erinnern, die Sütterlinschrift in der Grundschule durchgenommen zu haben. Manche Worte können beide sofort entziffern, manche erraten, aber an einem Wort wie „Seele“, bei dem das E geschrieben aussieht wie ein N, scheitern sie. Keinem der Befragten aus Grund-, Haupt-, Realschule und Gymnasium gelingt es, den Text komplett zu lesen. Anders Pastor Michael Hensel, 49, der die Zeilen flüssig liest. Er habe in der dritten Klasse die Sütterlinschrift richtig gelernt und könne sie heute noch gut lesen, sagt er. Früher habe er die Schrift immer vor Augen gehabt, wenn ein Brief der Oma eintraf oder die andere Oma ihn mit einem handgeschriebenen Zettel zum Einkaufen schickte.

An den Schulen wurde die auch als „deutsche Schrift“ bekannte Sütterlinschrift von 1915 bis 1940 gelehrt. Längst hat sich nach der noch schnörkelreichen „lateinischen Ausgangsschrift die der Druckschrift“ angenäherte „vereinfachte Ausgangsschrift“ an den Schulen durchgesetzt. Um „Schönschriften“ wie Sütterlin richtig zu erlernen, müssen Interessierte Kalligrafie-Kurse belegen. Auch Textverarbeitungsprogramme bieten alte Schriften an; gerne werden sie zu plakativen Zwecken genutzt.

Im Schulplan selbst bleibt heute wenig Raum für die Vermittlung solcher Kenntnisse. Wohl gibt es im Sachunterricht der Grundschulen das Thema „Schule früher“, besuchen Klassen der Grundschule am Rosenbusch das Heimatmuseum in Hattendorf. Dort hält mit Gehrock und Stock „Lehrer“ Jörg Landmann Unterricht wie früher. Im entsprechenden Ambiente bringt er den Kindern bei, ihren Namen in Sütterlin auf eine kleine Schiefertafel zu schreiben. Eine große Karte mit dem Sütterlin-Alphabet dient zur Orientierung. „In der Schule schreiben die Drittklässler dann mit Feder und Tinte kleine Texte in Sütterlin“, erzählt Lehrerin Christel Halle. Auch Zeugnisse von früher würden den Kindern vorgelegt – mit Übersetzung. Das eher spielerische Wissen, das die Schüler mitnehmen, verkümmert, wenn es nicht „gefüttert“ wird. Dass aufbewahrte Tagebuchaufzeichnungen, Briefe der Urgroßeltern irgendwann nicht mehr von den Angehörigen gelesen werden können, befürchtet Lotte Beißner, die 1933 in Hessisch Oldendorf eingeschult wurde und nur Sütterlin lernte. Deshalb appelliert sie: „Junge Menschen sollten in die Lage versetzt werden, alte Dokumente, Briefe, Kriegsberichte lesen zu können.“ Birgit Klein, Leiterin des Kirchenbuchamtes in Hannover, teilt Lotte Beißners Sorge nicht, sie hat andere Erfahrungen gemacht: „Lesekenntnisse alter Schriften sind Voraussetzung für eine Bewerbung im Kirchenbuchamt.“ Da das in ihrer Ausbildung nicht behandelt worden war, musste sie sich das Wissen anderweitig aneignen. „Dafür habe ich keinen Kurs besucht, das habe ich gelernt, indem ich alte Aufzeichnungen immer wieder gelesen habe, schließlich sind das deutsche Schriften.“ Sie verweist auf Hilfsmittel wie Alphabete und ergänzt, auch Familienforscher kämen mit den Handschriften in den Jahrhunderte alten Kirchenbüchern zurecht.

Um die Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Hessisch Oldendorf den Nachkommen leichter zugänglich zu machen, hat sich Horst Schlüter die Mühe gemacht und die Kirchenchronik transkribiert. „Manchmal habe ich mehrere Seiten am Tag übersetzt, manchmal war aber auch die Handschrift so in die Breite gezogen und die Tinte schon so verblasst, dass es seine Zeit brauchte“, berichtet der frühere Kirchenvorsteher. Lebendige Aufzeichnungen über Stadt, Gemeinde, Politik und Privates haben die Pastoren der Jahre 1893 bis 1945 hinterlassen, die Horst Schlüter gleich in den Computer schrieb. Kirchenvorsteher Dr. Uwe Förster entwickelte daraus kleine Geschichten, die unter dem Titel „Weißt du noch...?“ als Serie im Gemeindebrief veröffentlicht wurden. Weil diese Serie so gut ankam, wird sie, mittlerweile in einem kleinen Buch zusammengefasst, als kleine Aufmerksamkeit der Kirchengemeinde zu besonderen Geburtstagen verschenkt.

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