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Weil Einkaufsmöglichkeiten in den Dörfern Mangelware sind: Frank Pommer fährt zu seinen Kunden

Wenn der Kaufmannswagen vor der Tür hält

Pötzen / Haddessen (bj). Die Antwort auf die Frage nach der Zukunft unserer Dörfer ist vermutlich nur im Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu suchen. Auch die Tatsache, dass in vielen Dörfern kein Bäcker, kein Schlachter oder kein Kolonialwarenhändler mehr vor Ort ist, mag dabei durchaus eine Rolle spielen. In Zeiten, in denen in den Städten die Geschäfte von 7 bis 22 Uhr geöffnet haben, sind die Einkaufsmöglichkeiten in den Dörfern eher eingeschränkt, wenn überhaupt noch gegeben. Sind die Verkaufswagen, die durch viele Orte des Landkreises fahren, eine Möglichkeit, den Wegfall der Läden im Ort aufzufangen, sind sie eine Ergänzung der bestehenden Einkaufsmöglichkeiten außerhalb des Wohnortes oder aber eine Lösung, wenn es aus den verschiedensten Gründen kein Einkaufen außerhalb des Wohnortes möglich ist?

veröffentlicht am 09.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 12:41 Uhr

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Verkaufswagen sind keine Erfindung jüngster Zeit, „schon meine Eltern hatten einen Backwarenvertrieb, also einen Verkaufswagen, mit dem ich als Kind immer mitgefahren bin“, sagt Frank Pommer. Der gelernte Bäcker und Bäckereifachverkäufer hat sich 1999 seinen eigenen Verkaufswagen gekauft und selbstständig gemacht. „Diese Arbeit kann man nicht bezahlen, es sind die Gespräche mit den Menschen, die mir wichtig sind. Ich habe zwar täglich eine lange Arbeitszeit, aber sie ist schön und ich bin meiner eigener Chef“, erklärt er. Pro Tag sind es 120 bis 130 Kunden, bei denen Frank Pommer Station macht. Der Großenwiedener fährt pro Woche gut 800 Kilometer und das nicht nur im Landkreis Hameln-Pyrmont. Bis nach Eime und Banteln fährt er mit seinem Wagen, in dem es „alles gibt, was es auch im Supermarkt gibt.“

„Heute hängt der Milchpott nicht am Zaun, also kann ich durchfahren“, sagt Frank Pommer, der mit seinem Verkaufswagen regelmäßig in die Sünteldörfer Haddesssen und Pötzen kommt. Er kennt sie alle, die Zeichen, die ihm signalisieren, ob seine Kunden auf ihn warten oder auch nicht. Da ist es der Milchpott am Zaun, dort das Handtuch am Balkongeländer oder der Einkaufskorb, der vor der Haustür steht. Dreimal pro Woche warten die Kunden auf den lauten Klingelton, dann ist es Zeit, das Portemonnaie, den Einkaufszettel und die Tasche zu schnappen. „Was, heute keinen Quark?“ „Na klar, gut, dass Sie mich erinnern.“ „Ich passe schon auf, Sie nehmen wie immer den Sahnequark?“ So oder ähnlich lauten die Dialoge zwischen dem Verkäufer und der langjährigen Kundschaft. „Ich kenne viele Namen nicht, aber die Wünsche kenne ich von jedem“, lacht Frank Pommer. Er weiß auch, ob sein Kunde dienstags, donnerstags, samstags oder nur alle vierzehn Tage etwas am Verkaufswagen kauft.

Zu den Kundinnen, die regelmäßig Brot und Brötchen kaufen, gehört Monika Schulte aus Pötzen. Sie begründet den Einkauf am Wagen mit ihrer Vorliebe für das Brot des Hajener Bäckers, mit dessen Produkten Frank Pommer seinen Wagen bestückt. „Das Brot vom Katzenbäcker schmeckt mir am besten und deshalb hole ich es mir hier am Wagen. Sonst könnte ich mein Brot ja auch anderswo kaufen“, erklärt sie. „Mit ihm klappt einfach alles“, lobt Renate Witte aus Haddessen den Verkaufsfahrer. „Er weiß, dass ich immer dasselbe Brot nehme und unseren Kuchengeschmack kennt er auch. Wenn sechs Sahnestückchen auf dem Zettel stehen, stellt er die Sorten für uns zusammen. Und er bringt mir sogar Post von meiner Freundin aus Hachmühlen mit “, beschreibt Renate Witte das Verhältnis zu Frank Pommer. „Wenn niemand zu Hause ist, liegen ein Zettel und das Geld im Korb. Den stelle ich dann in die Laube“, ergänzt Frank Pommer. „Ja, so etwas geht eben nur auf dem Dorf“, sagt Renate Witte, nimmt ihren Korb und verabschiedet sich bis Samstag.

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  • Auch Helmut Meier gehört zu den rund 130 Stammkunden.

Dass Verkäufer und Kunden ein eingespieltes Team sind, zeigt sich auch, als die dritte Kundin Frank Pommer nach Toastbrot fragt, das er ausgerechnet diesmal nicht dabei hat. Sie nimmt aber seinen Vorschlag an, ein Rosinenbrot oder einen Semmel zu kaufen. „Ich kenne kein Gemecker von meinen Kunden, die sind flexibel und vertrauen mir“, freut sich Frank Pommer, der seit fünf Jahren in die Sünteldörfer kommt. Dem einen oder anderen seiner Kunden ist es allerdings alters- oder krankheitsbedingt nicht möglich, zum Wagen zu kommen. „Dann steht die Haustür offen und ich bringe die Waren ins Haus“, sagt Frank Pommer.

Dass ihm die Arbeit Freude macht, spüren auch seine Kunden. „Er ist immer gut gelaunt, es ist immer alles in Ordnung, uns gefällt das gut“, erklärt eine Kundin. Sie könnte durchaus mit dem eigenen Auto zum Einkaufen fahren, schätzt aber die Möglichkeit, vor der eigenen Haustür einen Teil ihres Bedarfs decken zu können. „Als ich nicht gearbeitet habe, habe ich mir angewöhnt, am Wagen zu kaufen, und das habe ich beibehalten, obwohl ich wieder arbeite“, erzählt Uraula Semel aus Haddessen. Natürlich gehöre das Schwätzchen mit Frank Pommer auch dazu und mache den Einkauf erst komplett, versichert sie.

Ein anderer Kunde schüttet dem Verkaufsfahrer sein Herz aus und erzählt von der Sorge um seine Frau. „Für viele ist das Gespräch genauso wichtig wie ihr Einkauf. Ich weiß viel aus dem Leben meiner Kundschaft, das ist ein Vertrauensbeweis“, sagt Frank Pommer, der täglich erlebt, wie wichtig es für einige Kunden ist, auch einmal ein Wort loswerden zu können. Traf man früher die Nachbarn im Gasthaus, Dorfladen, beim Schlachter oder beim Bäcker, um sich auszutauschen, ist es heute wohl der Verkaufswagen, der diese wichtige Funktion der Kommunikationsmöglichkeit übernimmt.

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