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Das Fest im Taubblindenwerk Fischbeck / Fühlen und Riechen müssen Sehen und Hören ersetzen

Weihnachten – eine Geschichte vom Anderssein

Fischbeck. Auf der Straße vor dem umzäunten Gelände des Deutschen Taubblindenwerkes in Fischbeck liegt brauner Schneematsch. Der Briefkasten vor dem Tor trägt ein weißes Häubchen. Der große Gemeinschaftsraum in Haus 13 ist festlich geschmückt. Ein riesiger Plüschelch hängt über einem weihnachtlich gedeckten Tisch.

veröffentlicht am 23.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 23:41 Uhr

105 Menschen leben in der Wohnanlage in Fischbeck.

Autor:

Johanna Landeck
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Für sieben der insgesamt 105 Bewohner ist heute ein besonderer Tag. Die Hausweihnachtsfeier mit Betreuern, Freunden und Familie steht an. Die Angehörigen der taubblinden Frauen und Männer zwischen 18 und 77 Jahren kommen bis aus dem Ruhrgebiet nach Fischbeck gefahren, um mit ihnen liebevoll das vergangene Jahr zu verabschieden. Die Gelegenheit, einmal so zusammen zu kommen, wird jedoch immer seltener, da auch die Eltern der taubblinden Bewohner älter werden. „Einige können so weite Strecken dann mit dem Auto nicht mehr gut bewältigen“, erklärt Kerstin Trester-Betka, stellvertretende Heimleiterin. „Sie fahren dann mit ihren Eltern nach Hause, um die Feiertage im Kreis der Familie zu verbringen. Das ist dann genauso wie bei uns auch. Die einen haben eine romantische Gesinnung und freuen sich total auf Weihnachten, andere nicht.“ In jedem Fall habe dieses Fest einen rituellen Charakter und ist einfach Tradition.

Und: Es soll so viel Normalität geben wie möglich. Pastor Klaus Sander eröffnet die Weihnachtsfeier mit einer Geschichte. Darin geht es um ein dunkelhäutiges Mädchen, das von seinen Klassenkameraden verspottet wird, weil sie die Maria im Weihnachtsmärchen spielen möchte. Die Geschichte handelt vom Anderssein und darum, trotzdem von seiner Umwelt geliebt und akzeptiert zu werden. Klaus Sander ist seit 2001 in Fischbeck als Pastor tätig. Heute ist Klaus Sander für die hörsehbehinderten oder taubblinden Bewohner ein festes Mitglied ihrer Gemeinschaft. „Hier leben Menschen mit ganz eingeschränkten Möglichkeiten“, erzählt er nachdenklich. „Und das Herausfordernde ist, ihnen in ihrer Welt Begleiter, Seelsorger und Bruder zu sein.“ Auch über die Weihnachtszeit hinaus muss der Pastor geduldig sein. Seine Arbeit im Taubblindenzentrum unterscheidet sich erheblich von herkömmlichen Gottesdiensten. Da viele der taubblinden Bewohner auch geistig behindert sind, müssen er und die Mitarbeiter des Taubblindenwerkes oft mit unwegsamen Situationen zurechtkommen. Improvisation heißt das Zauberwort. „Schwierige theologische Dinge müssen da ganz einfach heruntergebrochen werden. Das ist nicht nur etwas für den Kopf, sondern auch für das Gemüt, für das Fühlen und Riechen.“

Nach der weihnachtlichen Geschichte über Zugehörigkeit und Liebe geht es zur Stärkung ans reichhaltige Buffet. Neben Torten und heißen Grillwürstchen mit Kartoffelsalat gibt es Kaffee und Fanta. Dieter Grauer ist ein taubblinder Bewohner der insgesamt fünfzehn Wohngruppen. Großzügig lässt er sich sein Glas mit Cola nachschenken. „Bei Festen gibt es ausnahmsweise Cola, und die liebt er über alles“, sagt Kerstin Trester-Betka schmunzelnd. „Gerade deswegen ist dieser Tag so besonders für ihn.“ Die Stimmung auf der Weihnachtsfeier in Haus 13 ist ausgelassen, die Atmosphäre entspannt und gemütlich. Hier ein Lachen, dort ein liebevolles Streicheln über die Wange.

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Bunte Schilder weisen Besuchern den Weg.

Taubblinde oder hörsehbehinderte Menschen brauchen viel Zuwendung. „Sie haben von Geburt an oder seit frühester Kindheit starke Defizite im Bereich der Kommunikation und der sozialen Kontakte, die ihnen das Leben sehr schwer machen. Trotzdem sind diese Menschen hochsensibel.“ Stimmungen und Gefühle ihrer Mitmenschen werden von den Behinderten oftmals als besonders stark empfunden. Auch wenn keine Seh- oder Hörfähigkeiten mehr vorhanden sind, spüren sie emotionale Verunsicherungen viel deutlicher als Nichtbehinderte. Dies erfordert auch Sensibilität und Authentizität bei den Mitarbeitern. „Vor allem Respekt ist sehr wichtig“, erklärt Kerstin Trester-Betka. Probleme werden nicht vor den Bewohnern, sondern intern in Mitarbeitergesprächen besprochen.

Das schaffe Vertrauen. Und gerade Vertrauen sei wichtig, in einer Welt, in der nichts gesehen oder gehört werden kann und nicht gesprochen werde. In der ein Mensch vollkommen auf die Hilfe anderer angewiesen sei.

Eine Taubblindheit kann verschiedene Ursachen haben. Besonders bei Frühgeburten kommt es häufig zu dieser Art der Behinderung. Auch eine Rötelninfektion der Mutter während der Schwangerschaft oder eine Hirnhautentzündung kann das Leben eines Kindes im frühen Alter schlagartig verändern, so die medizinische Erklärung.

Harald M. lebt seit der Eröffnung im Jahr 1990 im Taubblindenwerk in Fischbeck. Er erlitt mit achtzehn Monaten eine Meningitis. „Vorher hat er sich wie ein normales Baby entwickelt“, sagt Kerstin Trester-Betka, „Allein durch diese Tatsache ist er in der Lage, abstrakt zu denken.“ Auf sachlichen Gebieten sei er topfit. Er wisse zum Beispiel, dass irgendwo die Wetterdaten gesammelt werden und dass es ein Land namens Amerika gibt, wo man hinfliegen kann. Nur der Umgang mit Mitmenschen sei manchmal schwierig: „Er weiß eben nicht, was andere Menschen empfinden und wirkt deswegen oft rücksichtslos. Aber er meint es nicht so. Mit denen, die vorher nie sehen oder hören konnten, also von Geburt an taubblind sind, verständigen wir uns über gemeinsames Handeln und über Bezugsobjekte.“ In der Praxis bedeutet das, dass ein aufgeklebter Rucksack im Tagesplaner zum Beispiel einen Wandertag ankündigt. Oder eine eingeklebte Tasse auf die regelmäßige Kaffeezeit hinweist.

Aus den Lautsprechern im reich geschmückten Gemeinschaftsraum klingt leise Musik. Lichterketten tauchen den Raum in ein warmes Licht. Es wird geredet. „Denn Sprechen ist ein sozialer Akt und gehört zur Körpersprache. Wir legen sehr viel Wert darauf, uns natürlich zu verhalten“, sagt Kerstin Trester-Betka. Verhält sich ein Betreuer nicht authentisch, kann dies zu Unsicherheiten bei seinem Gegenüber führen.

Pastor Klaus Sander hat sich eine Alternative ausgedacht, um seine taubblinden Schäfchen bei den regelmäßigen Einzelgottesdiensten zu segnen. Er benutzt Parfüm anstatt Weihwasser. Damit haben die Bewohner die Möglichkeit, das Sehen und Hören über die Sinneswahrnehmung Riechen zu ersetzen. Pastor Klaus Sander: „Wichtig ist, dass auch der Schwächste eine Würde hat und von Gott geliebt wird, auch wenn wir manchmal an Grenzen stoßen.“

Auch im Taubblindenheim hat Weihnachten einen rituellen Charakter und feste Traditionen: Bewohner Dieter Grauer liebt Coca-Cola. Die gibt es allerdings nur zu festlichen Anlässen.

Fotos: lan



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