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Nach einer Krebserkrankung schreibt Jan-Niklas von Aulock sein Drama „Sommertrendfieber“

„Was ist eigentlich wirklich wichtig im Leben?“

Hessisch Oldendorf. „Ich habe nie zu den Coolen gehört“, erklärt Jan-Niklas von Aulock. Eher ruhig und unkompliziert sei er, sagt der 21-Jährige mit dem langen dunklen Haar. Nicht ganz so unkompliziert ist dagegen sein erstes Buch. Der gerade veröffentlichte Essayband ist sogar hochphilosophisch. In „Der Pinienzyklus“ hat der Hessisch Oldendorfer keine Scheu, tief zu blicken und keine geringere, als die ewige Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. In der Welt der Träume, Gedanken und Gefühle, in die er die Lesenden eintauchen lässt, ist die Suche nach Orientierung ein zentrales Thema: „Das nie erlöschende Feuer meines suchenden Geistes ist mein Fluch und meine Gabe“, erklärt Professor Sisyphos (nomen est omen) im Drama „Abseits der Pinien“.

veröffentlicht am 22.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 03:21 Uhr

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Autor:

Annette Hensel
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„Wo das Universum aufhört, wollte ich schon als Kind wissen“, erzählt Jan-Niklas von Aulock. Als Jugendlicher beginnt er, sich intensiv mit Philosophie, Religion und Gott auseinanderzusetzen. „Ich persönlich glaube an Gott, weiß, dass es ein Glaube ist, der mir Halt gibt“, erklärt er.

Im Frühsommer 2010 besteht der Hessisch Oldendorfer am Schiller-Gymnasium in Hameln sein Abitur und nimmt im Herbst sein Deutsch- und Philosophie-Studium in Paderborn auf. Was nach einem geradlinigen Weg klingt, verlief jedoch nicht so: Von Februar bis September 2007 reißt den damals 17-Jährigen eine Krebserkrankung unerwartet aus seinem Alltag. Behandlung und Genesung sind kraftraubend, relativ isoliert lebt er in jenen Monaten im Kreise seiner Angehörigen. Er muss die Klasse wiederholen, neue Freunde finden. Plötzlich bekommt Gesundheit für ihn eine ganz andere Bedeutung. „Man kann nie sicher sein, wann das Leben zu Ende ist“, betont Jan-Niklas von Aulock. In der schweren Zeit vor drei Jahren hat er für sich die Erfahrung gemacht: „Vor allem die Tiefen im Leben lehren einen, erst die Höhen bewusst zu schätzen.“ Intensiv setzt er sich mit der Frage auseinander: „Was ist eigentlich wirklich wichtig im Leben, was kommt nach dem Tod?“

Jan-Niklas von Aulock beginnt zu schreiben; darin hat er sich bereits vor seiner Erkrankung mit einer Fantasygeschichte und Liebesgedichten versucht. Ein ausgedehnter Waldspaziergang, dann setzt er sich Ende 2008 an seinen Computer und fängt an. „Inspiriert von einem düster-romantischen Gefühl“, entsteht innerhalb von 24 Stunden sein Drama „Sommertrendfieber“. „Die Dramenform eignet sich perfekt zum Runterschreiben“, erklärt der Student, der privat gerne Kafka liest, momentan Hans Jonas’ „Prinzip Verantwortung“ durcharbeitet. Was er inhaltlich zu Papier bringt, beschreibt Menschen auf der Suche nach Orientierung und Gruppenzugehörigkeit, ihre Auseinandersetzung mit der Individualität, Menschen, die Demütigung, Neid oder Glück erfahren. Am Ende seines „Wohlfühlstückes in vier Akten“ konfrontiert Jan-Niklas von Aulock die Lesenden schonungslos mit Bezügen zu wahren Begebenheiten.

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Zwei Jugendliche, Brüder, wachsen in einem von Modetrends diktierten sozialen Umfeld auf, in dem nur gesellschaftliche Akzeptanz findet, wer sich vom Schein, von der Masse und deren Maßlosigkeit mitreißen lässt. „Es ist alles so sinnlos, wozu gibt es Menschen?“, fragt Außenseiter Edelbert. Fast warnend klingen seine an Bruder Pat gerichteten Worte „Lass mich niemals allein!“, wenngleich sie den Showdown noch nicht erahnen lassen. Umso schockierender die Szenerie des Amoklaufs, die sofort Bilder an Winnenden hervorruft. Jan-Niklas von Aulock gesteht, sich unter dem Eindruck derartiger Vorkommnisse bewusst mit der Problematik von Außenseitern auseinandergesetzt zu haben. „Toleranz ist ein Thema, das mir wichtig ist; ich möchte kein Moralapostel sein, jedoch trotzdem die Leute zum Nachdenken anregen“, betont er.

Später gibt er das Drama seinem Deutsch-Leistungskurslehrer Stephan Ziesenis zu lesen. „Ehrlich gesagt war ich ein wenig enttäuscht, als er sich nicht dazu äußerte“, erinnert von Aulock sich. „Und dann, eines Tages, kam er in den Deutschkurs und schlug vor, mein Drama im Unterricht durchzunehmen“, fährt er fort und weiß noch, wie seltsam es für ihn gewesen sei, eine Interpretation über sein eigenes Werk verfassen zu müssen - „andere konnten das viel besser...“ Svenja Eberhardt aus seinem ehemaligen Leistungskurs erzählt, wie überrascht und beeindruckt alle waren, dass einer von ihnen ein derartiges Stück geschrieben hatte.

„Herr Ziesenis brachte mich auch auf die Idee, meine Dramen verlegen zu lassen“, sagt der junge Autor, der nie geplant hatte, einen seiner Texte zu veröffentlichen; „das habe ich vordergründig für mich gemacht“. Wie schwierig und kostspielig das sein könnte, davon hat er keine Ahnung. Er schickt sein Manuskript, bestehend aus vier Dramen und mehreren Gedichten, an verschiedene Verlage, sucht lange, bis er beim Magic Buchverlag am Ziel ist. Für 14,90 Euro ist seine 239 Seiten umfangreiche Essaysammlung „Der Pinienzyklus“ nun erhältlich.

„Top secret, auf jeden Fall kein Mainstream“ ist, woran er augenblicklich schreibt. Sollte sich sein Erstlingswerk gut verkaufen, kann er sich vorstellen, auch ein zweites Buch verlegen zu lassen. „Es ist ein tolles, unbeschreibliches Gefühl, sein eigenes Buch in Händen zu halten“, erklärt Jan-Niklas von Aulock und fügt hinzu: „Das ist etwas, was von mir bleibt.“

Der Brocken im Harz inspirierte bekanntlich schon Goethe: Jan-Niklas von Aulock mit seiner Freundin Sophie auf der Walpurgisnacht-Feier im Harz.

„Es ist ein tolles, unbeschreibliches Gefühl, sein eigenes Buch in Händen zu halten“, erklärt Jan-Niklas von Aulock.

Foto: ah

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