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300 Jahre alter Wetterhahn zurück

Was dieser Hahn erzählen könnte

FUHLEN. Sein Alter ist ihm anzusehen: Die Schwanzfedern sind gestutzt, der Kamm ist ihm abhandengekommen und der Schnabel ist stark verwittert – alles weggerostet. Kein Wunder, trotzte der Wetterhahn doch über eineinhalb Jahrhunderte lang auf der Spitze des Fuhler Kirchturms kräftigen Windböen und Regenschauern.

veröffentlicht am 29.08.2017 um 15:20 Uhr
aktualisiert am 29.08.2017 um 18:30 Uhr

Der Fuhler Wetterhahn trägt die Jahreszahl 1717. Foto: fn
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Er trägt die Jahreszahl 1717 und ein F – offenbar für Fuhlen. Der „Kachelmann-Vorgänger“ ist also genau 300 Jahre alt. Jetzt ist der alte Wetterhahn der Johannes-der-Täufer-Kirche nach über 125 Jahren ins Weserdorf zurückgekehrt – als Leihgabe des Museums Eulenburg in Rinteln.

Wind wehte dem Hahn schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr um die „Federn“. Seit 1908 lagerte das Teil im Rintelner Museum Eulenburg, nachdem er seit etwa 1890 im Besitz des Zweigvereins für Schaumburg für hessische Geschichte und Landeskunde war. Museumsleiter Dr. Stefan Meyer war im Magazin auf die restaurierte Wetterfahne gestoßen. Meyer vermutet, dass ein Schulmeister die blecherne Scherenschnittfigur nach dem Abbau sicherte und dem Verein übergab. Vielleicht war es Friedrich Ludwig Giffhorn, bis 1889 Lehrer an der Volksschule. Zum alten Eisen kam der Hahn also nicht. Als die Figur auf den Kirchturm gesetzt wurde, war das zur Kirchengemeinde gehörende Dorf Friedrichshagen noch nicht gegründet, man sprach von der Fuhler Heide. Fuhlen selbst zählte rund 29 Meier- und Kötnerhöfe sowie zwölf Brinksitzer. In der Kirche predigte zu der Zeit Pastor Johann Wilhelm Dunker.

Gut möglich, dass die Wetterfahne von einem Fuhler Handwerker geschmiedet wurde. „Das ist geschmiedetes Blech mit Nieten. So schlicht, wie der Hahn gestaltet ist, kann man davon ausgehen, dass ihn der Dorfschmied gemacht hat“, vermutet Dr. Heinrich Stiewe, Wissenschaftler im Freilichtmuseum Detmold.

Pastorin Susanne Behnke mit dem 300 Jahre alten Wetterhahn. Foto: fn

Was könnte der Hahn von eindreiviertel Jahrhunderten Dorfgeschichte erzählen. Bereits in seinem ersten Jahr dürften dem Windrichtungsgeber Ausläufer eines Sturmtiefs gehörig zu schaffen gemacht haben. Zu Weihnachten 1717 kamen bei einer verheerenden Sturmflut an der Küste über 11 000 Menschen ums Leben. 1722 zog ein Namensvetter um die Kirche – der „Rote Hahn“ legte den halben Dorfkern in Schutt und Asche. Vom neben der Kirche stehenden Hofes Nummer 1 kommend habe sich das Feuer in nordöstlicher Richtung durch das Dorf gefressen, erzählt Rudolf Wallbaum. Auch der Kirchturm soll vom Großbrand in Mitleidenschaft gezogen worden sein, sagt der Fuhler, der sich viel mit der Geschichte seines Heimatortes auseinandersetzt. „Aber dafür gibt es keinen Beweis. Belege hierzu wurden noch nicht gefunden“, so Wallbaum.

Doch in alten Kirchenbüchern ist einiges dokumentiert, was sich unterhalb des Hahnes abgespielt hat. Auch vom Schicksal der Müllers-tochter Sophie Amalie Brand. Das Mädchen wurde am 23 Januar 1763 in der Kirche getauft. Nur ein Jahr später starb das Kind – an „Auszehrung“, wie zu lesen ist. Die kleine Sophie wurde am 13. März 1764 auf dem Friedhof neben der Kirche zu Grabe getragen. Es ist nur eines von etlichen verstorbenen Kindern, wie Pastorin Susanne Behnke beim Blick in das vergilbte handgeschriebene Buch erkennt. Es gab auch erfreuliche Anlässe. 1782 traten Hermann Heinrich Eikermann und seine Braut Christina Maria Bültemeier vor den Traualtar. Eines von 15 Paaren, die in dem Jahr heirateten. Denkbar ist, dass sie die stattliche Schaumburger Tracht trugen, als sie von Pastor Gottwerth Kahler getraut wurden. Während des Siebenjährigen Krieges stellten sich vor der Schlacht bei Hastenbeck im Juli 1757 Truppen zwischen Lachem und Fuhlen auf, weiß Rudolf Wallbaum. Nicht ausgeschlossen ist, dass sich die Dorfbevölkerung 19 Jahre später in einem Gottesdienst von fünf Fuhler jungen Männern verabschiedeten, die in 1776 in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zogen. Friedrich Austermann, Friedrich Biltemeier, Arend Weiß und Wilhelm Wissell sollen den Krieg überlebt haben. Der Militärmusiker Johann Ludwig Schmidt dagegen kam um, sah seine Heimat nie wieder. Nicht überliefert ist, ob Heimatdichter Wilhelm Busch einmal einen Blick auf den Fuhler Kirchturm mit seinem im Wind drehenden Hahn geworfen hat. Gereist war er oft. Allerdings hat Busch ein Gedicht über einen Wetterhahn geschrieben: „Wie hat sich sonst so schön der Hahn, auf unserm Turm gedreht. Und damit jedem kundgetan, woher der Wind geweht. Doch seit dem letzten Sturme hat er keinen rechten Lauf. Er hängt so schief, er ist so matt und keiner schaut mehr drauf. Jetzt leckt man an den Finger halt und hält ihn hoch geschwind. Die Seite, wo der Finger kalt, von daher weht der Wind.“

Als „Kachelmann-Vorgänger“ war der Wetterhahn übrigens nur bedingt tauglich, lang- und mittelfristige Vorhersagen waren nach einem Blick auf die Windrichtung schier unmöglich. „Die Leute haben auf den Hahn geguckt, beobachtet von wo der Wind her weht, auf die Temperatur geachtet und haben sich ihren Reim aufs Wetter gemacht“, erklärt Dr. Heinrich Stiewe.

Doch warum thront ein Hahn auf einer evangelischen Kirche? Er ist seit jeher auch ein christliches Symbol. Der Grund ist wohl in der Bibelstelle zu finden, in der Jesus dem Apostel Petrus prophezeit: „Ehe der Hahn krähen wird, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Was Petrus dem Bericht des Evangeliums zufolge nach der Verhaftung Jesu aus Angst vor Verfolgung auch dreimal tat. Der Hahn ist also eine Mahnung sich nicht nach dem Wind zu drehen, sondern wie Petrus in seinem weiteren Leben dem christlichen Glauben treu zu folgen.



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