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Die Vinylplatte hat eine treue Anhängerschaft – Rituale und Erinnerungen inklusive

Von wegen auf der letzten Rille

Hessisch Oldendorf. Sie hat eine Rille pro Seite. Man kann sie auf 33 oder 45 Umdrehungen pro Minute abspielen. Sie entwickelt knackende Patina, wenn sie oft gespielt wird, und zählt zu den Dinosauriern unter den Speichermedien. Hundertfach totgesagt, feierte sie mehrfach Auferstehung – die Schallplatte. Einer, der auf sie schwört, ist Timm Jürgens, Leiter der DRK-Tagespflege in Hessisch Oldendorf. Für ihn haben Schallplatten einen hohen Stellenwert. „Eine Platte aufzulegen, ist ein besonderer Lebensstil. Sie aus der Hülle nehmen, auf den Plattenteller legen, die Nadel aufsetzen – das ist für mich ein Ritual“, sagt er. Mit seiner Plattensammlung verbindet er Geschichten und Erinnerungen. An seine erste Langspielplatte erinnert er sich gut. Allein die Anfangszeilen des ersten Stückes der A-Seite haben Kultcharakter: „Der Pyjama liegt in meinem Bett, sein Kamm in meiner Bürste steckt, was soll das?“, fragt Herbert Grönemeyer auf dem Album „Ö“. Heute steht der 35-Jährige allerdings mehr auf Techno und House. Dass die Platte leicht verkratzt klingt, macht überhaupt nichts. Im Gegenteil, sie verleiht der Musik zusätzlichen Charme.

veröffentlicht am 19.04.2013 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 22:21 Uhr

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Autor:

Stefan Bohrer
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„Natürlich ist ein Format wie MP3 komfortabler“, erklärt Timm Jürgens, aber es wird für ihn nie eine Schallplatte ersetzen können. „Die kann ich in die Hand nehmen. Das Plattencover bietet bereits eine Identifikationsmöglichkeit. Seine Vinylscheiben hegt und pflegt er. „Was mache ich mit MP3-Format, wenn die Festplatte kaputtgeht?“ Die sind unwiederbringlich verloren, eine Schallplatte dagegen hält bei guter Pflege ewig. Manche werden – E-Bay sei Dank – für hohe Summen ersteigert. Eins bedauert Jürgens allerdings. Um sich Schallplatten zu kaufen, muss er weite Anfahrtswege in Kauf nehmen. „Früher gab es zumindest in Hameln Vinylläden. Wenn ich die besucht habe, wusste ich nie, ob ich überhaupt etwas kaufe oder gleich mit einem ganzen Stapel nach Hause gehe.“ Mittlerweile deckt er sich im Internet ein. In Großstädten wie etwa in Berlin schießen Plattenläden wieder wie Pilze aus dem Boden. Und es sind nicht unbedingt die Nostalgiker, die dort ihr Geld ausgeben. Ob Bürgermeister Harald Krüger für die Vinylplatte extra nach Berlin fährt, darf bezweifelt werden, aber an seine erste Vinylscheibe kann er sich noch gut erinnern. Wo der musikalische Hard-rockhammer hängt, wusste er früh.

Der Partykracher „Loud’n’ proud“ von der schottischen Hardrockband Nazareth stand ganz oben auf seiner Wunschliste. Krüger weiß sogar, wie viel Geld er für die Single ausgeben musste: 6,50 Mark. Er besitzt eine umfangreiche Vinylsammlung, „Von A wie Abba bis Z wie Zappa ist alles dabei“, sagt er.

Die Hessisch Oldendorfer Künstlerin Britta Samsen-Huch kann sich nicht mehr genau erinnern, welche Schallplatte sie als erste gekauft oder geschenkt bekommen hat. „Aber ich habe immer gern Musik gehört und habe eine relativ große Plattensammlung. Es könnten die Beatles gewesen sein.“ Sie und ihre Freundinnen seien übrigens zu der Erkenntnis gekommen, dass Männer sich eher an die erste Platte als an den ersten Kuss erinnern können. „Bei uns Frauen ist das natürlich umgekehrt“, sagt sie.

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  • Timm Jürgens
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  • Harald Krüger
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  • Britta Samsen-Huch
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  • Christiane Jahn
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Die erste Platte von Christiane Jahn von der Theatergruppe Haddessen war von France Gall „Zwei Apfelsinen im Haar und an der Hüfte Bananen“, obwohl sie früher eher auf Peter Alexander gestanden habe. Da wundert es wenig, dass „Muttis Liebling“ Heintje mit seinem Hit „Mama“ an ihrem musikalischem Horizont schon früh aufblitzte.

Übrigens: Auch der Schreiber hat musikalische Leichen im Keller. Seine erste Schallplatte war „My boy Lollipop“ von Maggie May, die ihm seine damalige Jugendliebe geschenkt hat. Mit der Liebe war es schnell vorbei, die Freude an der Vinylplatte blieb. Wer Lust verspürt, es am Abend mit der richtigen Schallplatte ordentlich krachen zu lassen – heute ist Weltschallplattenladentag. Und zumindest in Hannover gibt es noch Läden zum ausgiebigen Stöbern.



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