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Mehr Gleichberechtigung in der Erziehung sorgt für bessere Integration – sagen zwei türkische Väter

Von fleißigen Mädchen und verwöhnten Jungs

Hessisch Oldendorf (doro). Mesut Özdemir ist hin- und her gerissen. Ein wenig hält die Tradition ihre ordnende Hand über seinem Weltbild, aber nur ein wenig. Denn eigentlich findet er sehr mutig, was seine Landsmännin Selda Yasaroglu über die Integrationsproblematik von Zuwanderern gesagt hat (wir berichteten). Mutig, wie sie ihre eigenen Erfahrungen schildert. Auf der einen Seite kann er nachvollziehen, was sie meint, auf der anderen Seite sei es unter Türken einfach nicht üblich, öffentlich über familiäre Dinge zu sprechen. Doch vor allem, was die Erziehung der Jungen angeht, gibt er ihr recht. „Sie werden oft sehr verwöhnt, das ist später problematisch“, sagt der Vorsitzende der türkischen Gemeinde. Dadurch, dass sie glauben, die Familie hält in jeder Situation ihre schützenden Hände über sie, denken einige, sie können machen, was sie wollen.

veröffentlicht am 29.10.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 04:41 Uhr

Dass sie sich frei entfalten kann, wünscht Ali Yasaroglu für sei
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Natürlich könne man eine solche Aussage nicht verallgemeinern, aber in der Erziehung müsse sich an einigen Stellen etwas ändern, wenn die Integration in Deutschland funktionieren soll, davon ist Mesut Özdemir überzeugt. Die Jungen müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Dass die männlichen türkischen Jugendlichen damit bisweilen ein Problem habe, bestätigt auch Ali Yasaroglu, Selda Yasaroglus Ehemann. Zwar habe sich schon eine Menge getan, aber bei den Stammhaltern werde nach wie vor verwöhnt, was das Zeug hält. Im Gegensatz zu den Mädchen seien sie oft weniger ehrgeizig. Für die Mädchen bedeute ein guter Schulabschluss Freiheit und Unabhängigkeit, etwas, das den Jungen von Anfang an zu Füßen gelegt werde.

Ali Yasaroglu hat bis zu seinem zwölften Lebensjahr in der Türkei gelebt. Mit seiner Mutter und seinen beiden älteren Brüdern wohnte er in der Stadt Bursa, während der Vater als Gastarbeiter in Deutschland war. „Meine Mutter hat alles für uns gemacht, aber wir haben ihr trotzdem immer geholfen“, sagt er über seine Rolle in der Familie. Aber auch sein Vater habe nie ein Problem damit gehabt, den Müll hinauszu bringen.

Als die Familie nach Deutschland kommt, lernt Ali Yasaroglu nicht nur innerhalb eines Jahres Deutsch, er ist auch der erste Türke, der die Oldendorfer Realschule besucht. „Damals gab es eine Klasse, in der ausländische Kinder auf die deutsche Schule vorbereitet wurden“, erinnert er sich. Ali integriert sich ohne Probleme, Freunde findet er sowohl unter den deutschen als auch unter den türkischen Jugendlichen. Nur die Aussage, dass er sich „bei den Deutschen wie ein Deutscher und bei den Türken wie ein Türke verhalten habe“, weist darauf hin, dass er unter der Oberfläche doch noch unausgesprochene ethnische Grenzen gibt, die er einhält.

Mesut Özdemir mit seinem Sohn Daniel (7). Er wünscht sich, dass die Jungen frühzeitig lernen, Verantwortung zu übernehmen.

„Türke sein, das bedeutet, dass die Ehre wichtig ist“, sagt Ali. „Auf besondere Weise, wenn man jung ist. Wenn einer kommt und Dich schief anguckt, dann hast Du darauf zu reagieren.“ Es sei wohl die Kombination aus Tradition und jugendlicher Kraftmeierei, die dazu führe, dass teilweise die Hemmschwelle zur Gewalt niedrig sei. Dazu komme, dass die türkische Erziehung autoritärer sei. „Schläge haben in der Türkei weder in der Schule noch in der Familie etwas Unmoralisches, sie gehören einfach zum Erwachsenwerden.“ Er habe die „friedliche Art“ der Deutschen als Jugendlicher als wohltuend empfunden. „Es war schlicht einfacher“, sagt er.

Für Mustafa Boztüy, der vom Verein für Kinder und Jugendarbeit als Halbtagskraft eingestellt wurde und in Hessisch Oldendorf gerade mit der Integrationsarbeit beginnt, hat respektloses Verhalten muslimischer Jungen vor allem soziale Gründe. „Muslimische Familien, die sich nicht integrieren, leben in ihrer eigenen Realität“, sagt er. Den Jungen fehle es an Identifikationsmöglichkeiten außerhalb der festgefahrenen Familienstrukturen. Aus seiner Sicht ist es deshalb wichtig, für diese Jugendlichen Integrationsmöglichkeiten zu schaffen, zum Beispiel in Vereinen und den örtlichen Feuerwehren. „Die Jungen und auch die Familien müssen sich ernstgenommen fühlen“, umreißt Boztüy das, was seiner Meinung nach der Kern des Problems ist. Fehlende Gleichberechtigung in der Erziehung von Jungen und Mädchen gehört für Mustafa Boztüy nicht dazu. Die sei in türkischen Familien nicht häufiger als in deutschen.

„Es hat sich schon viel verändert“, sagt Ali Yasaroglu. Doch daran, dass das Rollenverständnis schon so weit gediehen ist, zweifelt Ali Yasaroglu, wenn er daran denkt, wie er selbst kämpfen musste, als er sich in eine junge emanzipierte türkische Frau verliebt hat, die gesagt hat, was sie denkt. Mit der er zusammen in die Disco gegangen ist und sich amüsiert hat. „Das war am Anfang nicht so einfach“, sagt Ali, „es hat mich Überwindung gekostet.“ Er habe sich viele Gedanken darüber gemacht, was die anderen über ihn reden werden. „Doch am Ende habe ich mir gesagt, ich lebe nicht mit den anderen, ich lebe mit meiner Frau.“ Echte Pionierarbeit sei das damals gewesen, sagt Ali Yasaroglu rückblickend, „und man braucht viel Kraft, Nerven und Mut“.

Heute lebt Ali Yasaroglu mit seiner Frau Selda und seiner Tochter Jüliet in einem schönen Haus in einem Hessisch Oldendorfer Neubaugebiet, sie fühlen sich integriert. Die Tochter ist ein Wunschkind. Mehr Kinder will das Paar nicht. „Ich will mich auf diese Tochter konzentrieren“, sagt Ali.

Mesut Özdemir hat zwei Söhne, „ich habe gehofft, dass wir noch ein Mädchen bekommen“, sagt der Vorsitzende der Moschee-Gemeinde Hessisch Oldendorf. Für sich und seine Landsleute hätte er sich dagegen gewünscht, dass es damals verpflichtende Deutschkurse gegeben hätte. „Dann hätten wir diese Probleme heute nicht.“



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