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Rattenfänger knüpft Kontakt / Baxmann und Bruder Hartmut zeigen Ingrid van Meulen Sehenswürdigkeiten

Traum erfüllt: Mit dem Rollstuhl in die Schillat-Höhle

Hessisch Oldendorf. Ingrid van der Meulen interessiert sich für kulturelle Sehenswürdigkeiten und ist entsprechend reiselustig. Um viel zu erleben, stellt die nach eigener Aussage „glücklich Geschiedene“ eine ganze Menge auf die Beine. Dabei machen genau diese ihr das Leben nicht gerade leicht. Seit 2009 sitzt die gelernte Dekorationsnäherin aus Stade aufgrund einer erblich bedingten Ataxie, einer, wie sie erklärt „Koordinationsstörung“, im Rollstuhl, laufen kann sie nicht mehr. Bereits im Alter von 14 Jahren zeigten sich bei ihr erste Symptome jener Erkrankung ihre Lebenslust, Neugier und Offenheit und vor allem ihr Strahlen hat sie dadurch nicht verloren.

veröffentlicht am 01.09.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 11:21 Uhr

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Autor:

Annette Hensel
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Als Ingrid van der Meulen bei einem Reha-Aufenthalt in Höxter von der Schönheit der Schillat-Höhle hört, die allerdings „für Behinderte nur kompliziert zu erreichen“ sei, beschließt sie: „Diese Tropfsteinhöhle will ich besichtigen.“ Dorthin zu gelangen werde sie schon irgendwie schaffen, glaubt sie. Bei der Mobilitätsservicezentrale der Deutschen Bahn erkundigt sie sich, wie sie als Rollstuhlfahrerin nach Hessisch Oldendorf komme. Sie erfährt, dass sich ihre Reisepläne mit dem Zug nicht realisieren lassen, weil sie am Bahnhof in Elze nicht in die Nordwestbahn umsteigen kann: Dort gibt es weder einen Fahrstuhl noch eine Rampe für Behinderte. Zusätzliches Problem: Von Hessisch Oldendorf fahren in den Ferien bis 12 Uhr nur zwei Busse nach Langenfeld. Zur barrierefreien Nutzung für Rollstuhlfahrer müsste das gewählte Fahrzeug auf jeden Fall mit Niederflurtechnik ausgestattet sein.

Ende Juni lernt Ingrid van der Meulen beim Hansetag in Lüneburg Hamelns Rattenfänger-Darsteller Michael Boyer kennen, an dessen Stand sie einen Prospekt der Schillat-Höhle entdeckt. Sie erzählt ihm von ihrem Wunsch, Hessisch Oldendorfs touristisches Vorzeigeobjekt kennenzulernen. „Da muss man doch was machen“, meint dieser, gibt ihr seine Karte und nimmt nach seiner Rückkehr ins Weserbergland Kontakt zu den Gästeführern Lutz-Arnim Simon und Hartmut Brepohl auf.

Die drei Männer beratschlagen, welche Möglichkeit eines Besuches es für die Rollstuhlfahrerin aus Stade gibt, besprechen danach per Telefon-Konferenzschaltung mit der 42-Jährigen die Modalitäten. Dann ist es so weit: Mit dem Zug verlässt Ingrid van der Meulen um 6.55 Uhr Stade, sie kann in Harburg, Uelzen sowie Hannover umsteigen und kommt schließlich nach über vier Stunden Fahrt mit der S-Bahn in Hameln an. Dort empfängt sie zu ihrer großen Freude Michael Boyer, der nach einem Auftritt noch in voller Rattenfänger-Montur ist. Am Bahnhof erleben die beiden die erste Schwierigkeit: „Der Fahrstuhl funktionierte nicht“, erzählt Ingrid van der Meulen und ergänzt: „Aber irgendwann fuhr er dann doch.“

Bevor er zur nächsten Stadtführung antritt, bringt Michael Boyer sie mit dem Auto nach Langenfeld, wo Hartmut Brepohl und Lutz-Arnim Simon den Gast aus Stade bereits erwarten. Im Gewand Bruder Hartmuts sowie des Hessisch Oldendorfer Baxmanns führen die beiden Ingrid van der Meulen durch die Höhle. Der Rollstuhl passt problemlos durch die Gänge, nur über das Plateau kann sie nicht fahren. „Das ist eine der ganz wenigen Höhlen, die auch Rollstuhlfahrer besichtigen können“, erzählt Höhlenforscher Hartmut Brepohl. Schon vor Jahren hatte er mit dem Entdecker der Riesenberg-Höhle, dem Namensgeber der Schillat-Höhle, dem vor einigen Jahren verstorbenen Bodo Schillat, der auch an den Rollstuhl gefesselt war, den 180 Meter langen Weg zurückgelegt.

„Ich hätte nicht gedacht, dass die Tropfsteinhöhle so groß ist, das war so interessant, einfach sagenhaft, wirklich wunderbar“, sprudelt es aus der Staderin heraus, als sie wieder oben im Huthaus ist. „Den Tipp mit der behindertengerechten Höhle werde ich an andere Rollstuhlfahrer weitergeben“, fügt sie hinzu.

Von Langenfeld aus fahren Bruder Hartmut und der Baxmann mit ihr nach Hessisch Oldendorf, zeigen Sehenswürdigkeiten wie das Münchhausenschloss, die alten Fachwerkhäuser oder die Marienkirche. Aufgrund von Sanierungsarbeiten ist der über eine Rampe für Gehbehinderte erreichbare Turmeingang derzeit nicht zugänglich. So kann Ingrid van der Meulen nur vom Haupteingang am Kirchplatz aus in die Kirche sehen, hat aber das Glück, dass die Ausstellung „Brot vom Himmel“ auch von der Tür aus gut zu überblicken ist. Mit dem Info-Terminal vorm Rathaus kann sie nicht arbeiten, schon allein deshalb, weil sich das Tageslicht im Bildschirm spiegelt, sie darauf nichts erkennen und vom Rollstuhl aus die Perspektive kaum verändern kann. „Es ist eine wichtige Erfahrung, unsere Stadt mal aus dem Blickwinkel einer Rollstuhlfahrerin kennenzulernen“, sagt Hessisch Oldendorfs Gästeführer Lutz-Arnim Simon und verweist auf die vielen Patienten der BDH-Klinik, die die Innenstadt regelmäßig besuchen. Mit dem Niederflurbus von Hessisch Oldendorf nach Hameln könne Ingrid van der Meulen rechtzeitig ihre Rückreise antreten, hat Michael Boyer im Vorfeld recherchiert und darauf hingewiesen: Für Rollstuhlfahrer sei dieser aufgrund des Bürgersteigs einfacher an der Haltestelle am Bahnhof als der von am Rathaus zu besteigen. Doch Lutz-Arnim Simon und Hartmut Brepohl lassen es sich nicht nehmen, die aufgeschlossene, lustige Staderin persönlich nach Hameln zu fahren und zur S-Bahn zu bringen. „Dieser Tag hat sich auf jeden Fall gelohnt“, erklärt sie und ergänzt: „Das habe ich noch nie erlebt, dass man sich so um mich kümmert.“

„Das Netzwerk Rattenfänger, Baxmann und Bruder Hartmut funktioniert eben, bei uns allen kam das heute von Herzen“, sagt Lutz-Arnim Simon. „Jetzt weiß ich, dass es kompliziert ist, als Rollstuhlfahrerin zur Schillat-Höhle zu gelangen, aber mit Hilfe ist es eben doch machbar“, sagt Ingrid van der Meulen freudestrahlend.



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