weather-image
19°

Ungewöhnliche Todesfälle im Umfeld der Sagengestalt – Historiker spekuliert in seinem Roman

Tatort Turm: Steckt Baxmann hinter Unfällen?

Hessisch Oldendorf (doro). Umfangreiche Renovierungs- und Restaurierungsarbeiten in der St.-Marien-Kirche haben in diesem Jahr das alte Hessisch Oldendorfer Gotteshaus in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Für Baxmann-Forscher Uwe Pernack Anlass daran zu erinnern, dass von den Gebäuden, in denen einst der sagenhafte „Meister Cordt“ in Oldendorf wirkte, allein der Turm St. Mariens erhalten ist. Über einen Zeitraum von beinahe 150 Jahren sind die Biografien von Mitgliedern der Familie Baxmann mit dem Kirchturm verbunden.

veröffentlicht am 18.12.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 04:41 Uhr

270_008_6056025_lkho102_1812.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Dabei sei es ein eher eigentümlicher Vorfall, dem Cordt Baxmann die Stelle des Türmers verdankte. Im Jahre 1627 wurden der Spielmann und Türmer Columbini (oder auch Columbani) und sein Sohn, der bei ihm tätig war, am selben Tag beerdigt. „In Zeiten von Krieg und Pest wäre daran nichts Ungewöhnliches gewesen. Doch der Sohn ist laut zeitgenössischer Quelle vom Turm gefallen“, sagt Uwe Pernack. Einstürzende Türme, Blitzschlag und Stürze von steilen Stiegen oder Treppen hätten seinerzeit zum Berufsrisiko gehört. „Aber dass ein Türmer unter ungeklärten Umständen vom Turm fällt, ist ein singuläres Ereignis.“

Ob es sich bei dem mysteriösen Sturz um einen Unglücksfall, einen Suizid oder gar um einen Mord gehandelt hat, darüber dürfe der Wissenschaftler mangels beweiskräftiger Zeitdokumente nicht spekulieren, stellt Pernack klar. Aber in dem Baxmann-Roman, an dem der Forscher momentan arbeitet, „wird der sich aus dem rätselhaften Sturz vom Turm geradezu aufdrängende Mordverdacht keinen geringen Platz einnehmen“. Denn stelle man die „Cui-bono-Frage“, sei Cordt Baxmann der übliche Verdächtige. Er hätte schwerlich 1627, spätestens 1628, in Oldendorf das Amt des Spielmanns antreten und seine Familie dort etablieren können, wäre die Stadtpfeiffer-Stelle nicht auf diese ungewöhnliche Weise vakant geworden. Für gewöhnlich hätte in jenen Zeiten der Sohn des verstorbenen Spielmanns dessen Stand und Beruf übernommen.

Die Tätigkeit Cordt Baxmanns als Stadtpfeifer und Türmer ist ein bisher wenig beleuchtetes Kapitel im Leben der Hessisch Oldendorfer Sagengestalt. Baxmann, der außerdem Wirt und Kaufmann war, trug sein Vermögen angeblich durch Raub, Betrug und Mord zusammen. Nach seinem Tod soll er die Hessisch Oldendorfer Bürger erschreckt haben, indem er als Untoter wieder in der Stadt erschien.

Was sein historisch belegtes Dasein als Stadtpfeifer und Türmer betraf, war Cordt Baxmann ein städtischer Bediensteter und kein Kirchendiener, weil der später als Kirchturm St. Mariens fungierende Turm seinerzeit Teil der Stadtbefestigung war. Baxmanns Pflichten sind nicht dokumentiert, aber überlieferten Kontrakten von Spielmännern anderer Städte könne man entnehmen, dass dazu der Turm-Wachtdienst, das Stundenblasen, vielleicht auch feierliche Musik vom Turm bei Trauerzügen für reiche Verstorbene gehörten. Um seine mannigfaltigen Aufgaben als Spielmann und Türmer bewältigen zu können, delegierte Cordt Baxmann einen Teil seiner Pflichten, insbesondere den Wachtdienst auf dem Turm, an seine Gesellen und Lehrlinge. „Eine damals unter Stadtpfeiffern übliche Praxis. Was übrigens ab Mitte des 18. Jahrhunderts dazu führte, dass Stadtpfeiffer kaum noch Lehrlinge fanden, die Spielleute sein und dazu noch den harten Dienst auf einem Wachtturm verrichten wollten.“ Aber den Dienst eines Türmers kennzeichnete nicht nur Entsagung. Den spektakulärsten Blick von seinem Turm herab dürfte Cordt Baxmann während eines welthistorischen Ereignisses gehabt haben – der Schlacht von Hessisch Oldendorf am 8. Juli 1633, vermutet Pernack.

Entgegen einer in Hessisch Oldendorf weit verbreiteten Ansicht habe Cordt Baxmann als Türmer die Berufsbezeichnung „Tornemann“ nie geführt, in den Kämmerei-Rechnungen der Stadt Oldendorf hieß es „Thurnman“, auch „Thurmman“, was so viel bedeutete wie Turmbläser. Aber nicht nur auf dem Turm, auch im Kirchenschiff der Marienkirche sei „Meister Cordt“ tätig gewesen. Und zwar als Handwerker. „Insofern hatten und haben die seither in St. Marien tätigen einen sagenhaften Kollegen“, erläutert der Forscher. 1646 renovierte Baxmann die „Crone in der Kirchen“, einen Leuchter in der Form eines Reifs.

Nach Meister Cordts Tod im Jahr 1690 hat sich 1691 ein namentlich nicht bekannter „Neffe des alten Musicus“ um die vakante Stelle als Spielmann und Türmer der Stadt Oldendorf beworben. Rat und Bürgermeister vergaben das Amt jedoch an den Mitbewerber Christian Eggerding, der Meister Cordt bereits als Geselle gedient hatte. Die Beziehung der Familie Baxmann zum Turm von St. Marien war damit aber noch nicht beendet: Gut 80 Jahre danach verfügte der damals in Amsterdam lebende Kaufmann Johann Samuel Baxmann, ein Urenkel Cordt Baxmanns, in seinem Testament, dass au-

ßer drei in Ol-

dendorf lebenden Verwandten auch die dortige St.-Marien-Gemeinde bedacht werden solle. „Und zwar mit einem Legat von 500 Gulden, wofür man damals ein Haus auf dem flachen Lande erwerben konnte“, erklärt Pernack. Über die Verwendung des Legats kam es jedoch zwischen den Amsterdamer Testamentsvollstreckern und dem Sprecher der Oldendorfer Erben, Ratsherr Johann Wilmans, einerseits und den Oldendorfer Pastoren Dannemann und Kahler andererseits zu einem Disput. Baxmann wollte das Erbe zur Anschaffung einer neuen Kirchturmuhr verwandt wissen, zu der die Oldendorfer Erben sogar noch Geld dazuschießen wollten. Weil im Testament von Johann Samuel Baxmanns aber keine Bedingung aufgeführt war, verhielten sich die Oldendorfer Pastoren reserviert. „Ob sie keinen Baxmann die Stunde schlagen lassen wollten, oder ob sie eine ihrer Meinung nach dringendere Verwendung für das Legat wussten, darüber sagen die überlieferten Dokumente nichts aus“, sagt Pernack. Erben und Testamentsvollstrecker wurde beschieden, dass man das Begehren zwar nach Kräften zu erfüllen suche, den Fall aber zuvor der übergeordneten Kirchenbehörde zur Entscheidung vorlegen müsse. Zuvor aber sollten der Kirchengemeinde „ohne weiteren Anstand“ die vermachten 500 Gulden übereignet werden. Ob am Turm St. Mariens jemals eine Baxmann-Uhr den Oldendorfern die Zeit angezeigt hat, war, so Pernack, leider nicht zu ermitteln.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt