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Ein glanzvoll-poetischer Abend für Träumer und Romantiker mit dem „Taugenichts“

Sehnsucht nach Ferne

Hessisch Oldendorf. Wer hätte das gedacht? Auch nach fast 190 Jahren, die Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ auf dem literarischen Buckel hat, polarisiert die Novelle noch heute ebenso wie Carl-Maria von Webers „Freischütz“, der ebenfalls 1826 zum ersten Mal über die Bühne ging. Beide Werke sind untrennbar mit der Romantik verbunden. Und die kann man nur lieben oder hassen. Ein „Dazwischen“ gibt es nicht. „Krawehl, Krawehl“, zitiert der Mindener Michael Haas in der Pause der szenischen Lesung von Eichendorffs Novelle im KulTourismusforum einen bekannten Loriot-Sketch, fügt aber an, dass man sich auf romantische Texte eben einlassen müsse. Zu Schulzeiten fand Haas den Taugenichts eher öde. „Diese demonstrative Lustigkeit, dieses penetrante Niedlichkeitsgehabe, und die Beschreibung einer Welt, in der es ein Übermaß an blauem Himmel, unglaublich viel grünem Gras und überall jubilierende Vöglein in den Zweigen gibt. Das hat sich mir damals nicht erschlossen.“ Am Ende der Lesung kommt er aber zu einem anderen Fazit: „Ich kann mich wohl doch auf Eichendorffs Sprache einlassen. Nach dem heutigen Abend finde ich sie nicht mehr hoffnungslos unmodern, sondern entdecke ihren durchaus edlen Charakter.“ Geschafft hat diesen Sinneswandel der Hamburger Schauspieler und Regisseur Joachim Schlösser gemeinsam mit der Pianistin Hitomi Shiraishi und dem Tenor Christian Halseband. Eichendorffs Novelle in ein 80-minütiges Abendprogramm zu packen, ist natürlich ein Wagnis. In diesem Fall ist die Rechnung komplett aufgegangen. Der Taugenichts verkörpert nichts anderes als die Sehnsucht nach Ferne, ein auch heute durchaus nachvollziehbarer Wunsch. Mal märchenhaft, mal naiv entdeckt der Taugenichts unterwegs auf seiner Wanderung über Wien nach Rom den Reiz des „schönen Geschlechts“. Die schönen Damen allerdings bleiben für ihn unerreicht. Die Liebe entfaltet in der Überhöhung ihre Kraft. Aurelia, die der Taugenichts heiratet, ist ihm eine Offenbarung, „wie ein Engel, der lautlos über den tiefenblauen Himmelsgrund zieht.“ Sehr eng verschmelzen die beiden Säulen „Philosophie“ und „Literatur“ in der Novelle miteinander. Der Sprachstil ist zu keiner Zeit kompliziert oder gekünstelt, sondern besitzt eigenwilligen Charme. Die Umsetzung des „Taugenichts“ gerät im KulTourismusforum zum Ereignis. Joachim Schlösser liest perfekt, setzt die richtigen Pausen, lebt in Mimik und Gestik seinen „Taugenichts“ und die Zuhörer kleben an seinen Lippen. Perfekt auch die Musikauswahl. Besonders das schwungvolle „Mattinata“ von Ruggero Leoncavallo, das den Tenor Christoph Halseband in jubelnde Höhe trägt, verleiht dem Eichendorffschen Text zusätzlich ein glanzvolles musikalisches Licht, nicht zuletzt durch das perfekte Klavierpiel von Hitomi Shiraishi. Unterm Strich also ein glanzvoll-poetischer Abend für Träumer und Romantiker und vor allem für solche, die es noch werden wollen.

veröffentlicht am 10.03.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 02:41 Uhr

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Autor:

Stefan Bohrer
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