weather-image
22°

Als die Amerikaner von Hessisch Oldendorf aus den Luftraum sicherten / Hauptfeldwebel blieb nach Pensionierung in Welsede

Richard Combs und der Kalte Krieg

Hessisch Oldendorf. Als Soldat kam Richard Combs 1976 von Arkansas nach Hessisch Oldendorf. Sein Auftrag: den Luftraum über Norddeutschland nach anfliegenden russischen Militärjets und Raketen absuchen. Es war die Zeit des Kalten Krieges.

veröffentlicht am 17.12.2015 um 17:26 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 08:41 Uhr

270_008_7810763_lkho122_1812_ah.jpg

Autor:

Annette Hensel
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Cowboyhut, Jeans und Westerngürtel – für Richard Combs, der mit seiner Frau Annemarie in Welsede lebt, ist das keine Karnevalsverkleidung. Er gibt sich gerne als US-Amerikaner zu erkennen. Schließlich wurde er in Oklahoma geboren. 1976, mit 28 Jahren, verschlug es ihn aber aus Arkansas nach Hessisch Oldendorf. Es war die Zeit des Kalten Krieges – und Combs gehört fortan zu den Soldaten der „600. Tactical Control Group“, die in Norddeutschland den Luftraum nach anfliegenden russischen Militärjets und Raketen absuchten.

Im Abstand von 150 Kilometern waren längs des Eisernen Vorhangs zwischen Nato und Warschauer Pakt Luftabwehrraketen-Stationen verteilt. In Hessisch Oldendorf war bereits 1965 nach zweijähriger Bauzeit eine Kasernenanlage für vier feste Abschussstationen mit jeweils fünf Ausweichplätzen fertiggestellt und durch die vierte niederländische Lenkwaffengruppe bezogen worden. An der Segelhorster Straße entstanden auch Wohnungen: der Keukenhof. Es gab ein Soldatenheim und eine Schule. Nach zehn Jahren verließen die Holländer die Garnisonsstadt, weil das Luftabwehrsystem technisch veraltet war. Ihren Platz nahm die US Air Force ein. Der Truppe in Hessisch Oldendorf unterstanden Radarstationen in Bad Münder, Schwelentrup und Bremerhaven.

Wie eine kleine Stadt in der Stadt wirkte die Nato-Kaserne am Rosenbusch. Unvergessen sind die Tage der offenen Tür, an denen sich Interessierte das Gelände genauer anschauen durften. Richard Combs war 1976 in das Junggesellengebäude der Kaserne eingezogen. Er erinnert sich: „Die Segelhorster Straße hinauf Richtung Barksen sah man auf der linken Seite das große Tor, in dessen Mitte sich ein kleines Überwachungsbüro befand. Durch das Tor hindurch ging es geradeaus die Hauptstraße entlang, an deren Ende linker Hand das Offizierskasino, die Kantine mit der Bowlingbahn und die Wiese lagen, auf der wir Baseball spielten. Rechter Hand standen drei lange Gebäude. Dort konnten wir Elektroartikel, Kleidung, Lebensmittel und Bücher einkaufen, es gab eine Wäscherei, das Junggesellengebäude und eine Station mit Zahnarzt und Allgemeinmediziner.“

Die Luftaufnahme aus den 1960er Jahren zeigt die damals neue Nato-Kaserne in Hessisch Oldendorf. Rechts das Wohnviertel Keukenhof, im Vordergrund verläuft die Bergstraße. Archiv

Rund 250 Soldaten wohnten auf dem Gelände mit der großen Funkantenne, darunter auch das in Bad Münder und Schwelentrup eingesetzte Personal. Häufig starteten und landeten Hubschrauber, mehr war für die Zivilisten von außen nicht wahrzunehmen. Junge Familien, anfangs auf Hotels verteilt, bezogen die Häuser im Keukenhof. Die Kinder gingen bis zum sechsten Schuljahr im „KMT-Heim“ zur Schule. „Die Holländer hatten alles in sehr gepflegtem Zustand zurückgelassen“, erzählt Combs. Er wurde als Lastwagen- und Busfahrer sowie als Fahrschullehrer eingesetzt. Und er schwärmt vom geselligen Leben, dem monatlichen Stammtisch mit bis zu 300 Menschen, darunter auch vielen Bürgern der Stadt, von Thanksgiving, der Teilnahme am Karnevalsumzug oder an Stadtfesten. „Da brachten wir immer einen selbstgebauten elektrischen Bullen mit“, schildert er.

Das Ende des Kalten Krieges führte das Ende der Air Station herbei. „Für uns kam das völlig überraschend“, sagt Combs. „In unserer Kantine hatten wir gerade erst eine neue Küche und eine nagelneue Bowlingbahn eingebaut, die Junggesellenwohnungen waren alle neu ausgestattet worden – und dann war nach 15 Jahren plötzlich Schluss.“ Es war kurz nach dem Fall der Mauer, und die Hoffnung auf entspanntere Zeiten war angesichts der sowjetischen Reformen unter Staats- udn Parteichef Michail Gorbatschow war groß.

Hauptfeldwebel Combs bekam vor 25 Jahren seine Pensionierungsurkunde überreicht – und auch seiner Ehefrau dankte die amerikanische Luftwaffe schriftlich dafür, dass sie ihrem Mann den Rücken für seine berufliche Tätigkeit freigehalten hat. Combs schied also noch vor dem offiziellen Ende der Kaserne aus. „Ab Januar 1991 wurden die Familien nach und nach abgezogen und versetzt, zur Air Base nach Ramstein oder in die USA zurück“, erzählt er. Buchhändler Bernd Stegemann, der in Kasernennähe wohnt, erinnert sich an die Abschiedszeremonie am 15. September 1991: „Der letzte Offizier hat das Kasernentor geschlossen, mit einer Kette verriegelt und mit einem Lächeln gesagt: ,It’s done.‘“ Von diesem Tag an war die Nato-Kaserne in Hessisch Oldendorf Geschichte.

Das Gelände wurde danach zunächst als Auffanglager für Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion genutzt, später wurden die Gebäude abgerissen. An jenem Standort entstand die Wohnsiedlung am Rosenbusch, außerdem befinden sich dort jetzt die VfL-Halle und die Kinderkrippe.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?