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Reife-Prüfung: Schulstart schon mit fünf ?

Ich freue mich auf die Schule“, sagt Quentin Luca lachend. Der Fünfjährige zeigt dabei seine Zahnlücke. Hätte er im vergangenen Jahr seinen sechsten Geburtstag gefeiert, wäre er nicht schulpflichtig gewesen. 2010 endete die Schulpflicht zum 31. Juli. Für das kommende Schuljahr wurde die Frist auf den 31. August verschoben. Da Quentin Luca am 27. August Geburtstag hat, ist er also gerade noch schulpflichtig. „Wäre er im vergangenen Jahr sechs geworden, hätte ich ihn vorzeitig einschulen lassen“, sagt seine Mutter Katrin Luck-Fromm. „Er braucht ein bisschen Herausforderung“, sagt sie über ihren fünfjährigen Sohn. Während der letzten Monate im Kindergarten sei es Quentin Luca langweilig geworden. „Ich will in die Schule“, lautete sein Wunsch.

veröffentlicht am 20.08.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 11:21 Uhr

Autor:

Monika Dietz
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Ein relativ hohes Einschulungsalter sowie lange Schul- und Ausbildungszeiten – sie waren der Grund, warum 1997 die Kultusministerkonferenz eine Lockerung der Stichtagsregelung für den Beginn der Schulpflicht empfahl. Für das Schuljahr 2012/2013 wird in Niedersachsen die Frist um einen weiteren Monat, bis zum 30. September, verschoben. Kinder, die zu Beginn eines Schuljahres noch nicht schulpflichtig sind, können trotzdem in die Schule aufgenommen werden – auf Antrag der Erziehungsberechtigten und „wenn sie die für den Schulbesuch erforderliche körperliche und geistige Schulfähigkeit besitzen und in ihrem sozialen Verhalten ausreichend entwickelt sind“, heißt es im niedersächsischen Schulgesetz. „Diese Kinder nennt man Kann-Kinder“, sagt Hariet Oetke-Böhm, Rektorin der Basbergschule. Sie können, aber müssen nicht eingeschult werden. In den vergangenen Jahren seien rund zehn Prozent der Erstklässler an der Basbergschule Kann-Kinder gewesen.

Luka Pascal ist am 21. August geboren. Zu seiner Einschulung am 20. August ist er noch fünf Jahre alt, seinen ersten Schultag am 22. August erlebt er als Sechsjähriger. „Ich freue mich auf den Kunstunterricht, auf Sport und auf Mathe“, verkündet der Fünfjährige, der dann zu den Jüngsten in der Klasse gehört.

„Wir haben überlegt, ob wir ihn für ein Jahr zurückstellen“, sagt sein Vater Tobias Müller. Die Erzieherin im Kindergarten habe allerdings versichert, dass Luka Pascal „absolut schulreif“ sei, die Untersuchungen des Gesundheitsamtes auf Schulreife hätten dies bestätigt. Hätte Luka Pascal im vergangenen Jahr seinen sechsten Geburtstag gefeiert, wäre auch er nicht schulpflichtig gewesen. „Dann hätten wir ihn im Kindergarten gelassen“, sagt sein Vater.

An der Pestalozzischule seien in den letzten Jahren durchschnittlich zwei Kinder unter den 30 bis 35 Erstklässlern gewesen, die noch nicht schulpflichtig waren, berichtet Leiter Werner Heuer. Von Vorteil könne die Einschulung mit fünf Jahren sein, wenn das Kind kognitiv weit entwickelt ist und sich für die Unterrichtsinhalte des ersten Schuljahres interessiert, erläutert eine Lehrerin der Pestalozzischule. Hierzu gehörten vor allem Kinder, die entweder schon zu lesen beginnen oder Rechenaufgaben auf der symbolischen Ebene lösen oder auch beides können. „In der Schule erfahren diese Kinder eine Förderung, die ihrer kognitiven Entwicklung entspricht“, so die Lehrerin.

Allerdings seien die Lehrpläne nicht auf die Lernausgangslage von Fünfjährigen zugeschnitten. „Hier spielen die personelle Situation der Schule, Lehrer-Engagement, innerschulische Strukturen und Klassenstärke eine tragende Rolle, um einen guten Schulstart für alle Kinder zu gewährleisten“, so die Lehrerin. Von einem Einschulungsversuch rät Rektorin Harriet Oetke-Böhm ab: „Weil Kinder bei Misserfolg und somit einer folgenden Zurückstellung auch bei allen sozialen Kontakten ganz von vorn beginnen müssen.“

Laut bundesweitem Bildungsbericht 2010 ist der Anteil der vorzeitigen Einschulungen in Niedersachsen von 2,5 Prozent (1995) auf 8,4 Prozent (2005) gestiegen und auf 7,6 Prozent (2008) leicht zurückgegangen. „Immer mehr Eltern setzen sich mit der früheren Einschulung auseinander“, berichtet Reinhild Schimanski, Leiterin der Kindertagesstätte der Marktkirchengemeinde St. Nicolai. Dies habe sicherlich auch mit der allgemeinen Bildungsdebatte zu tun. Bereits vor zwei Jahren stellte Bundesbildungsministerin Annette Schavan fest: „Die Altersgrenze von sechs Jahren führt dazu, dass viele Kinder in Deutschland für ihre Verhältnisse zu spät in die Schule kommen.“ Unterforderung am Ende der ersten Klasse sei die Folge. Deshalb dürfe es keinen „starren Stichtag“ für die Einschulung geben. Kinder sollten früher mit dem Lernen beginnen, „etwa im Alter von vier statt erst mit sechs Jahren“, forderte die Bundesbildungsministerin.

„Ich halte nicht viel von einer vorzeitigen Einschulung“, sagt Dieter Krause, Leiter der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Hameln-Pyrmont. Der Bruch vom Kindergarten zur Schule sei „sehr rapide“. Die Schule bedeute für Kinder eine große Veränderung. Bisher hätten sie zu Hause und im Kindergarten beim Spielen eigenständig und selbst gesteuert gelernt. „In der Schule sagen die Lehrer, was gemacht werden soll.“ Je besser ein Kind vorbereitet sei, desto leichter werde es für das Kind in der Schule, sagt Tina Sujka, Diplom-Psychologin bei der Erziehungsberatungsstelle. Könne ein Kind nicht stillsitzen oder sich nicht in der Klasse durchsetzen, habe das Einfluss auf das Befinden und auch auf die Erfüllung der Aufgaben in der Schule. „Ein Jahr macht ganz viel Unterschied“, betont Sujka. „Die Erfahrung, im letzten Kindergartenjahr zu den Großen zu gehören, ist ganz wichtig für ein Kind“, erklärt Krause. Denn als Ältere lernten sie, soziale Verantwortung zu übernehmen und sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre Gefühle und Stimmungen zu spüren und auch die Fähigkeit, sich zurücknehmen zu können. „Man sollte den Kindergarten nicht als verlorene Zeit sehen, denn das Spielen ist wichtig für die Entwicklung in allen Bereichen“, fordert Sujka.

Ein bis zwei der insgesamt 100 Kinder der Kita Marktkirchengemeinde werden pro Jahr vorzeitig eingeschult. Leiterin Schimanski ist der Meinung, dass unser bestehendes Schulsystem in der Regel eher für die Aufnahme von sechsjährigen Kindern ausgelegt sei. Nimmt man also einem Kind ein Stück der Kindheit, wenn es mit fünf statt mit sechs Jahren eingeschult wird? „Dem kann ich nur zustimmen“, sagt die Erzieherin. Ein weiteres Jahr in kindgemäßer Form lernen, nämlich im Spiel, damit werde „eine wichtige Voraussetzung und ein ganz solides Fundament für erfolgreiches Lernen in der Schule geschaffen“.

Bei einer vorzeitigen Einschulung seien die Jüngsten auch oft die Kleinsten und Schmächtigsten, wendet Sujka ein. „Das hat zur Folge, dass mehr Kinder eine Klasse wiederholen müssen.“ Es fehle oft die Reife, Entscheidungen zu treffen. Auch machten weniger dieser Kinder eine „Gymnasialkarriere“, so Krause. Überlegten sich Eltern, ihr nicht schulpflichtiges Kind trotzdem einschulen zu lassen, sollten sie in jedem Fall mit dem Kinderarzt und den Erzieherinnen vom Kindergarten sprechen, rät die Psychologin. „Die Erzieherinnen können das in der Regel gut einschätzen. Sie sind Experten vor Ort, denn sie kennen das Kind über Jahre und sehen seine Entwicklung aus einer anderen Sicht als die Eltern.“

„Die kognitive Entwicklung steht bei den Eltern meist im Fokus“, sagt Kita-Leiterin Schimanski. Dabei sei es für das Kind auch wichtig, bei der Sache bleiben zu können, bei Schwierigkeiten nicht aufzugeben und sich selbst etwas zuzutrauen. Es gehe weniger um das Abspeichern von Fakten und Wissen als um situationsbezogenes Fragen, Erforschen und Lernen. Für manche Kinder könne es auch die richtige Entscheidung sein, mit fünf eingeschult zu werden, schränkt Schimanski ein. Man sollte dabei die Beobachtungen auf das Kind abstimmen, und nicht auf äußere Merkmale, andere Kinder oder Nachbarkinder. Manchmal seien es auch die eigenen Erfahrungen, die die Eltern in der Schule gemacht haben und die sie auf ihre Kinder übertragen.

Sollte die Frist für das schulpflichtige Alter eines Kindes noch weiter verschoben werden wie in Bayern, wo sie bis zum 31. Dezember gilt? „Es sollte bei dem bestehenden Schulsystem, was wir haben, nicht weiter ausgeweitet werden“, sagt Schimanski. Dann müssten die Strukturen in der Schule überarbeitet werden und dem jüngeren Kind angeglichen werden. „Das passiert leider nicht.“

Soll mein Kind schon mit fünf in die Schule? Hat es die notwendige Reife? Oder ist es im Kindergarten für ein weiteres Jahr besser aufgehoben? Diese Fragen haben sich wohl einige Eltern vor der Schulanmeldung ihres Kindes gestellt. Experten aus Hameln sagen ihre Meinungen dazu.

Quentin Lucas (li.) Eltern hätten sich für eine vorzeitige Einschulung entschieden, wenn er noch nicht schulpflichtig wäre. „Ich freue mich auf die Schule“, sagt der Fünfjährige, der am 27. August sechs Jahre alt wird. Luka Pascal (re.) ist am Einschulungstag noch fünf Jahre alt, seinen ersten Schultag wird er als Sechsjähriger erleben. Seine Eltern haben überlegt, ihn ein weiteres Jahr im Kindergarten zu lassen.Fotos: mod



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