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Heinz Beißner findet Ereignis des Jahres 1912 in Pötzer Schulchronik / Erträge 2012 durchschnittlich

Regen vernichtet gesamte Getreideernte

Pötzen. Über das Thema Wetter wird täglich viel gesprochen. Es ist zu kalt, zu heiß, zu trocken, zu nass – so richtig nach dem Geschmack aller ist das Wetter eigentlich nie. Noch vor wenigen Tagen haderten die Bauern mit der Witterung, zu kalt und zu nass war es, die Ernte konnte nicht weitergehen. Weiter östlich beispielsweise in der Magdeburger Börde war das Wetter über einen längeren Zeitraum noch schlechter. Das Getreide ist reif, kann nicht gemäht und eingefahren werden.

veröffentlicht am 15.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 12:21 Uhr

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Autor:

Peter Jahn
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Nasse Perioden auch in der Erntezeit, also im Hochsommer, sind für unsere Region eigentlich normal. Wer konstant Wärme und Sonnenschein haben möchte, der musste schon früher weiter in den Süden fahren. Adria und Mittelmeer sind nicht umsonst viele Jahrzehnte lang beliebte Urlaubsziele für Mitteleuropäer gewesen.

Wer über das Wetter jammert, dem sei dringend geraten, seine Erwartungshaltung dem anzupassen, was für das Weserbergland oder für Deutschland realistisch ist. Oder vielleicht hilft auch der Blick in eine Chronik. Heinz Beißner hat die Chronik der ehemaligen Schule seines Heimatdorfes zur Hand genommen, um zu sehen, wie das Wetter im Sommer 1912 war. Und siehe da: Vor genau 100 Jahren war die Wetterlage in den Sommermonaten noch wesentlich schlechter als in diesem Jahr. Die Menschen in den Dörfern am Süntel schrammten eben Mal an einer Katastrophe vorbei.

In der Chronik vermerkte Lehrer Peter für das Schuljahr 1912/13, das nicht erst im Herbst wie heute sondern bereits im Frühjahr begann: „Die diesjährige Ernte war für die Landleute so schlecht, wie sie wohl noch keiner erlebt hat. Das Korn hatte sich im Frühjahr und Sommer sehr gut entwickelt und versprach eine großartige Ernte. Aber zuerst, als der Roggen in Ähren stand, wurde er zum Teil durch Hagelschlag zerstört. Bei der Ernte gab er darum einen geringen Körnerertrag, aber er kam wenigstens trocken unter Dach und Fach.

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Während der Weizenernte setzte eine Regenperiode ein, die fast ununterbrochen sechs Wochen anhielt, sodass der noch auf dem Felde stehende abgemähte Weizen und Hafer nicht eingebracht werden konnte. Wenn einmal ein guter Tag dazwischen war, so zogen Alt und Jung ins Feld, um die Garben loszubinden, damit sie besser trocknen sollten. Und doch war meistens die Mühe umsonst, denn jedes Mal regnete es am nächsten Tage wieder wie vorher. So kam es, dass das Korn fingerlang auswuchs, und als es endlich auch noch feucht hereingeholt war, hatte es fast keinen Futterwert mehr.“

Es gab im Jahr 1912 aber noch Menschen, für die die Situation noch ärger war: „In anderen Gegenden, zum Beispiel bei Springe, ist es aber noch schlimmer gewesen, da dort auch noch viel Roggen draußen war, und so ist das Getreide von manchem Morgen Land vom Felde direkt auf den Düngehaufen gefahren, weil es weder zum Futtern noch zum Streuen mehr taugte.“ Was es damals bedeutet hat, wenn die Bauern ihre Ernte auf den Misthaufen kippen mussten, das lässt sich heute nur schwer ausmalen. Bei einer solch schlechten Ernte mussten die Menschen selbst Not leiden, denn es fehlte an Geld und an Nahrungsmitteln, und es wurde schwer, das Vieh über den Winter zu bringen.

Angesichts der Situation vor 100 Jahren sind die Menschen im Frühling und in den zurückliegenden Sommerwochen doch zu beneiden. Es gab zwar nicht so viele Sonnentage, doch es gab Gelegenheit zu Schwimmbadbesuchen und Grillabenden auf der Terrasse oder im Garten. Und was die Landwirte betrifft, so ist nach dem kalten Winter mit der fehlenden schützenden Schneedecke und der teilweisen Neuaussaat des Getreides eine gute Gersten- und Rapsernte eingefahren worden. Keine Rekordernte aber doch eine, die gut oder leicht über dem Durchschnitt liegt. Die Sonne scheint in diesen Tagen und die Weizenernte, die Hauptfrucht im Weserbergland, ist in vollem Gang. Das Korn kann bei einer Feuchte um 14.5 Prozent eingefahren werden, getrocknet werden muss es bei diesem Wert nicht. Der Blick auf Mais und Zuckerrüben verspricht heute eine sehr gute Ernte.

Und was die heimischen Landwirte von anderen Berufskollegen in diesem Jahr abhebt: Dadurch, dass Getreide an der internationalen Börse gehandelt wird, wirken sich die Ernteausfälle in anderen Ländern und Kontinenten auf den Preis aus. Gerste und Weizen stehen hoch im Kurs. Im Vorjahr kostete Gerste in der Ernte 17 bis 18 Euro, ein im Vergleich zu den Vorjahren sehr guter Preis. Und er stieg: Jetzt wird der Doppelzentner um 25 Euro gehandelt.

Heinz Beißner liest in der handgeschriebenen Schulchronik, die Lehrer Peter geschrieben hat.

Foto: Wal

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