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Erster Vergiss-mein-nicht-Gottesdienst für Demenzkranke

Plötzlich wieder erinnern

Heßlingen. In sich versunken sitzt eine Seniorin im Rollstuhl, die Augen sind geschlossen, sie zeigt keinerlei Reaktion auf das, was um sie herum passiert. Plötzlich richtet sich ihr Körper auf, straffen sich die Schultern und verharren in dieser Haltung. Zeitgleich werden die rastlosen Hände eines älteren, auf Hilfe angewiesenen Herrn ruhig, finden zu- und verschränken sich ineinander. Beides geschieht, als Pastorin Susanne Behnke das Vaterunser im Vergiss-mein-nicht-Gottesdienst in Ramsauers Mühle anstimmt, wo es den beschützten Bereich der Wohngruppe Sonnental gibt. Es sind kleine, aber eindrucksvolle Gebärden für Menschen, die aufgrund einer dementiellen Erkrankung geistig sehr weit weg sind – entsprechend bewegt reagieren Angehörige.

veröffentlicht am 14.04.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 01:41 Uhr

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Autor:

von Annette Hensel
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Die Idee, im Heßlinger Senioren- und Pflegeheim erstmals zu einem Gottesdienst für Menschen mit Demenz, Angehörige und Betreuende einzuladen, kam aus dem Landkreis, vertreten durch Alois Schräder. Seit drei Monaten wirkt er im Rahmen der „Lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz“ mit, einem für zwei Jahre vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Projekt. „Bundesweit gibt es 1,4 Millionen Betroffene, im Kreis Hameln-Pyrmont bin ich damit beauftragt, die Versorgungsstruktur für Menschen mit Demenz zu vernetzen und auszubauen“, so der ehemalige Pflegedienstleiter. Zwei Standbeine sind ihm dabei wichtig: Kirche und Bewegung. „Das Herz wird schließlich nicht dement und wenn wir die Seele erreichen und öffnen, haben wir viel für den Moment gewonnen.“

Die Resonanz auf den Gottesdienst, den Pastorin Behnke mit Schräder, Kirchenvorsteherinnen und Mitarbeiterinnen der Einrichtung vorbereitet hat, ist enorm, auch einige Enkel sind darunter. Sie erleben mit, dass viele der Teilnehmer die Texte der ausgewählten Kirchenlieder, Bibelverse und Sprüche auswendig beherrschen. Auch wenn bei Demenz je nach Schwere der Erkrankung vieles nicht mehr wahrgenommen wird oder Erlebtes schnell in Vergessenheit gerät, bleibt in der Vergangenheit Erlerntes verwurzelt, mitunter abrufbar – wie etwa der Poesiealbum-Spruch „Rosen, Tulpen, Nelken“, den Pastorin Behnke gleich zweimal mit großer „Chorbegleitung“ aufsagt.

Mit Blick auf Albrecht Dürers Bild der betenden Hände, das Bewohnerin Lydia Kuckuck (96) in der Aquarellmalgruppe neu gestaltet hat, sagt die Pastorin: „Hände erzählen vom Leben, sie können eine Verbindung zwischen Himmel und Erde sowie eine Brücke zum anderem sein, sie sind wichtig um uns zu versorgen oder um versorgt zu werden.“

Ihr Dank gilt allen Pflegenden und Angehörigen, deren Arbeit nicht hoch genug zu schätzen sei. Danach werden zur Erinnerung an Natur und Frühjahr zwar keine Vergissmeinnicht-Pflanzen verteilt, dafür aber blaue Tücher, da Menschen, die nicht mehr eigenständig ihr Leben meistern können, gerne etwas zum Befühlen in der Hand halten.

„Seit drei Jahren ist mein Mann in Ramsauers Mühle“, erzählt eine Seniorin, während sie die Hand ihres demenzkranken Gatten hält. „Dieser Gottesdienst hat mir sehr viel bedeutet – und auch wenn mein Mann in einer anderen Welt lebt, so war er heute doch außergewöhnlich ruhig“, sagt sie.

„Manche Bewohner, die sonst nur noch einzelne Worte sprechen, haben sogar Lieder mitgesungen“, berichtet Siegrid Schrader, die den begleitenden Dienst leitet. „Vieles war so greif- und erfassbar, bot einfach ein ganz anderes Wahrnehmen“, lobt Einrichtungsleiter Helmut Stein und Geschäftsführerin Karin Ramsauer-Weydemann erklärt: „Großartig, wie nah die Vorbereitungsgruppe mit bekannten Liedern und Gebeten die Menschen ins Hier und Jetzt geholt hat – gerne möchte ich Demenz-Gottesdienste weiter bei uns anbieten.“

Zum Weltdemenztag am 21. September werden Alois Schräder und der Pflegestützpunkt des Landkreises weitere Veranstaltungen vorbereiten.

Pastorin Susanne Behnke stimmt beim Vergiss-mein-nicht-Gottesdienst Lieder an, bei denen sich etliche Bewohner plötzlich wieder an den Text erinnern.ah

Das blaue Tuch – ein Geschenk zum Festhalten, denn Demenzkranke halten gern etwas in den Händen, wie Pastorin Susanne Behnke erklärte. ah



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