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Während die Bauern das Milchvieh reduzieren, steigt die Zahl der Pferde

Noch haben die Kühe die Nase vorn

Heßlingen/Krückeberg (fn). Die Älteren kennen sie noch, die Treckergespanne mit zwei angehängten Gummiwagen und den darauf klappernden Milchkannen als Ladung. Bis in die Mitte der 70er Jahre wurde die Milch so zur Hessisch Oldendorfer Molkerei gebracht. In Friedrichshagen, Rumbeck und in einem Teil Heßlingens tauschte Karl-Heinz Söhlke die auf den Milchbänken parat stehenden vollen Kannen gegen leere aus. „Das müssen so über 30 Anfahrtstellen gewesen sein. Auf einer Tour kamen so 350 bis 400 Zwanzigliterkannen zusammen“, erinnert er sich an die täglichen Fahrten seines Vaters, auch sonntags.

veröffentlicht am 09.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 04:21 Uhr

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Die Milch wird schon lange nicht mehr nach Hessisch Oldendorf geliefert, heute werden sie von Tankzügen bis nach Rehburg gebracht, und von den 30 Milchviehbetrieben gibt es heute nur noch eine Handvoll. In Friedrichshagen und Fuhlen weiden schon länger keine Schwarzbunten mehr, und auch in Heßlingen trennt sich wieder ein Betrieb von seinem Milchvieh. „Von unseren ehemals 25 Milchkühen haben wir jetzt noch sechs. Das ist ein gleitender Übergang. In einem Jahr sind alle weg“, sagt Landwirt Peter Sauer.

Nur die 16-jährige Lunette wird wohl ihr Gnadenbrot bekommen. „Die hat schon 140 000 Liter gegeben. Die kann noch solange bei uns laufen, wie sie laufen kann“, sagt der 59-jährige Heßlinger. Ein Trend, den Kreislandwirt Karl-Johann Stukenbrock bestätigt: Für viele Betriebe habe der Milchpreis, der die Kosten längst nicht mehr deckt, eine Rolle bei der Abschaffung des Viehs gespielt.

Neben den schwindenden Kühen fällt noch etwas anderes auf, wenn man den Blick über die Hessisch Oldendorfer Weiden schweifen lässt: Es gibt mehr Pferde. Für sie sind Ingrid und Gisbert Koch von Hameln aufs Land gezogen. 1992 erwarb die Familie einen Resthof in Heßlingen. Endlich konnten die Kutsche, das Pony der Tochter und der Anhänger mal unter einem Dach stehen. „Wir sind mit unseren Turnierpferden immer viel gefahren“, fügt Ingrid Koch hinzu. Nach umfangreichen Umbauarbeiten steht den Pferden jetzt ein 800 Quadratmeter großer Reitplatz und eine 350 Quadratmeter große Reithalle zur Verfügung. Später kam ein Reitsportgeschäft hinzu. Ein Schritt, den Kochs noch nie bereut haben. „Das ist mehr als nur Hobby, das ist Leidenschaft. Das genießt man jeden Tag“, sagt Ingrid Koch.

Ingrid Koch mit Grazie und Hero
  • Ingrid Koch mit Grazie und Hero
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Für die Liebe zu den Pferden muss die ganze Familie mitziehen. Drei Stunden pro Tag gehen für Springpferd Grazie und Vollblut Hero mit Ausritt, Pflege, Stallarbeit und Füttern drauf. Aber die Arbeit lohnt sich: „Von einem Pferd gibt es ein Feedback wie von keinem anderen Tier“, sagt Tochter Sarah-Lena. Auch für Gisbert Koch lohnt sich der Aufwand. Da sei zum einen die Liebe zum Tier als Freund und Partner, aber auch die Freude. Nur einen Wunsch hat Ingrid Koch: Mehr von den kleinen, „frauenfreundlichen“ Heu- und Strohballen. „Die gibt es immer seltener. und die großen Strohrollen kann ich nicht so gut bewegen“, sagt die Pferdeliebhaberin. Gerade die kauft Carola Humpert ein. 50 Stück ist der Bedarf der neun Pferde der „Offenstall-Gemeinschaft Krückeberg“. Humpert und elf Mitstreiter betreiben ihre Stallgemeinschaft im zweiten Jahr. „Wir haben uns in den Reitställen nicht mehr so wohlgefühlt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis passte nicht mehr.“ Den Ausschlag gab dann die Ernährung der Pferde. „Die passte nicht mehr“, sagt die Krückebergerin, die gleich fünf eigene Pferde auf der Koppel stehen hat. Dort haben drei voneinander getrennt stehende Hengste und sechs Stuten 24 Stunden freie Bewegung und freies Fressen mit viel Heu und wenig Hafer. 365 Tage im Jahr. Drei geschlossene Hütten mit Lamelleneingängen sorgen für einen zugfreien Unterstand.

„Seitdem die Tiere hier stehen, war noch nie eines krank, keine Verdauungsschwierigkeiten, kein Husten, gar nichts.“ Vier bis sechs Stunden am Tag bei den Tieren sind für die 41-Jährige nichts Ungewöhnliches. „Normalerweise machen wir die Arbeit zu dritt, dann ist das eine halbe Stunde.“ Vier- bis fünfmal pro Woche reitet die Gemeinschaft ins Gelände, mal nach Fischbeck, dann die Weser lang, nach Pötzen über den Berg oder bei Bensen in den Wald. Ihren Mann Carsten, der nie zum Reiten zu bewegen war, hat Carola Humpert nach zehn Jahren Ehe an einem guten Tag aufs Pferd gesetzt – jetzt hat er ein eigenes und Tochter Alice hat ein Fellpony.

Aber auch, wenn immer mehr Pferde auf den Hessisch Oldendorfer Koppeln weiden: Noch haben sie die „Nüstern“ nicht vorn. Nach einer Viehzählung von 1997 – das ist die aktuellste Statistik – gibt es im Stadtgebiet Hessisch Oldendorf 145 Pferde, aber noch 649 Milchkühe.

Von ehemals 25 Milchkühen hat Landwirt Peter Sauer nur noch sechs. „In einem Jahr sind alle weg“, auch diese drei Prachtexemplare.

Fotos: fn

Carola Humpert mit ihren Pferden Princess Amour und Lucy.

Vier bis sechs Stunden am Tag bei den Tieren sind für die 41-Jährige nichts Ungewöhnliches.

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