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Neues Format zum Volkstrauertag kommt an: Zeitzeuge berichtet Schülern von seinen Erlebnissen

„Nie wieder Krieg“ – er hat ihn erlebt

Hessisch Oldendorf. Ein 25- Kilometer-Nachtmarsch bei minus 25 Grad, die Wege tief verschneit, an Schlaf nicht zu denken, weil 1,5 Millionen Russen aus Ostpreußen vordringen. Dazu Freunde, die, von Scharfschützen getroffen, tot umfallen und ein „Gauleiter“, der Soldaten aufhängen lässt, wenn sie ihre Waffe wegwerfen. Walter Stocks Erinnerungen an seine Zeit als 16-jähriger Soldat im Kreis Rastenburg rütteln auf.

veröffentlicht am 19.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 06:21 Uhr

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Autor:

Annette Hensel
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Alle Jungen aus Stocks Klasse müssen nach Abschluss ihrer Schulzeit 1944 für den Bau militärischer Flugzeugteile beim Ausschachten von Fabrikhallen unter der Erde helfen. Danach folgen Wehrertüchtigung mit Ausbildung an Panzerfaust und Maschinengewehr und der Einsatzbefehl. „So, Jungs, jetzt geht’s los, wir sind bereits eingekesselt, in Gefangenschaft gehen wir nicht, eher schießen wir uns tot“, habe ein Vorgesetzter mit an die Schläfe gehaltener Waffe gesagt. Ein erster Schock, dem ein zweiter folgt, als ein General befiehlt: „In Stellung gehen, der Weg der Russen geht nur über Leichen.“

In der grünen Mensa der Oberschule ist es mucksmäuschenstill, als Walter Stock sein kleines, mit Bleistift geführtes Tagebuch hervorholt. Unterm Tresen einer Gaststätte schlafend, werden die Soldaten von einem Schrei geweckt: Sieben Panzer rollen auf den Ort zu. Der 84-Jährige beschreibt die Flucht durch den hohen Schnee, die Panik, den Rückzug über Eisflächen, über denen Jagdflugzeuge kreisen. Von Danzig geht es mit dem Schiff nach Rügen – „wissend, dass die Wilhelm Gustloff versenkt worden war“. Als die Soldaten sich in Sassnitz in einer Baracke niederlegen, erfolgt der Angriff englischer Moskito-Bomber und legt die Stadt in Schutt und Asche. Später werden sie in Güterwaggons nach Regensburg gebracht. Als Pioniersoldaten sollen sie Minen an amerikanischen Panzern anbringen. Dank Kriegsende bleiben die Soldaten vom Einsatz verschont, bei der Heimkehr gerät Walter Stock am 17. Mai in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er betont: „Einen Krieg von Deutschland aus darf es nie wieder geben, Konflikte müssen am Verhandlungstisch geklärt werden.“

Von den 100 Gästen in der Mensa, darunter 30 Realschüler, zum Teil in Begleitung der Eltern, sowie 20 Feuerwehrleute erntet Stock lang anhaltenden Applaus. Abkehr vom blinden Gehorsam – damit beschäftigt sich auch ein Lied der Schulband. „Schrecklich, was Jugendliche damals im Krieg erlebt haben“, sagt Tabea Sempf (13). „Ich habe schon manche Geschichte von meiner Oma gehört, mein Opa hat nie von seinen Kriegserlebnissen berichtet“, erzählt ihre Mutter Melanie (43). „Als Walter Stock erzählte, hatte ich die Bilder richtig vor Augen und war erschüttert – es muss gruselig für die Jugendlichen gewesen sein“, fügt sie hinzu. „Interessant“, finden Keno Fricke aus Barksen und Lukas Steger aus Zersen, beide 15 Jahre alt, Stocks Erinnerungen. In der zehnten Klasse haben sie das Thema Zweiter Weltkrieg bereits abgeschlossen, wissen über die geschichtlichen Hintergründe Bescheid. „Ich war in Gedanken wieder in jener Zeit“, sagt Friedrich-Wilhelm Diers (85), der mit 95 Pfund Körpergewicht aus dem Krieg heimkehrte.

Der Ortsverband Volksbund Deutsche Kriegsfürsorge, die Oberschule und die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde haben das neue Format gemeinsam für den Volkstrauertag erarbeitet. Frieden und Toleranz stehen im Mittelpunkt des Gottesdienstes in der Marienkirche, den der MGV Liedertafel Barksen stimmungsvoll begleitet. „Gute Idee, Schüler mit einzubinden, die generationsmäßig den größten Abstand zum Krieg haben“, findet Lutz Göhmann. Seit 27 Jahren ist er bei der Kranzniederlegung am Ehrenmal als Musiker dabei.

„Es war richtig, das Konzept des Volkstrauertages weiterzuentwickeln“, sagt Bürgermeister Harald Krüger und ergänzt: „Der Dialog mit Jugendlichen muss erfolgen, nicht nur um das Feuer der Tradition zu nähren; sie werden dafür sorgen müssen, dass sich der Wahnsinn nicht wiederholt.“



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