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Bei Rückearbeiten am Hohenstein Waldboden durchpflügt / Kreisbehörde eingeschaltet

Naturschutz im Holzhackerstil

Hessisch Oldendorf. Ein nicht zu übersehendes Schild weist am Eingang zum Naturschutzgebiet Hohenstein Besucher darauf hin, sich im FFH-Gebiet 112 „Süntel, Wesergebirge, Deister“ gesittet zu benehmen, Hunde anzuleinen, die Wege nicht zu verlassen – kurzum, sich so zu verhalten, „wie Du wünschst, dass sich auch Dein Besuch bei Dir zu Hause benehmen sollte.“ Was den Bückeburger Franz-Josef Adrian, als Biologielehrer an der Bewirtschaftung naturnaher Wälder stets interessiert, jetzt aber bei einem Winterspaziergang am Nordhang des Wendgeberges zwischen Parkplatz Försterlaube und der Baxmannbaude zu Augen bekam, spottete dem frommen Ansinnen des Hinweisschildes in jeder Beziehung.

veröffentlicht am 22.03.2013 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:15 Uhr

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Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Coppenbrügge-Salzhemmendorf zur Autorenseite
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In dem Naturschutzgebiet werden zurzeit Buchen und Eichen gefällt. Ein über 13 Tonnen schwerer Forstspezialschlepper hat beim Abtransport der Bäume aber in dem Areal, das zu einem der bedeutendsten Kalkfels- und Buchenwaldgebiete Niedersachsens mit seltenen natürlichen Waldgesellschaften und sehr seltenen Pflanzen zählt, wenig Rücksicht auf Verluste genommen: Ohne die Rückegassen zu beachten, so will Adrian beobachtet haben, wurde in dem etwa zwei Hektar großen Einschlagsgebiet kreuz und quer durch den Bestand gefahren und dabei bei nicht gefrorenem Waldboden schwere Verwüstungen angerichtet. Überall im Wald finden sich tiefe Fahrspuren im Matsch, die Reifenspuren auf den Forstwegen sind bis zu 40 Zentimeter tief.

Für den Waldbiologen handelt es sich hier um einen klaren Verstoß gegen das niedersächsische Gesetz über den Wald und die Landschaftsordnung – zumal in einem hochrangigen Naherholungsgebiet der Region, das zudem auch noch im Europäischen Vogelschutzgebiet V 69 „Uhu-Brutplätze im Weserbergland“ liegt. Gerade hier müsste das staatliche Forstamt Oldendorf darauf achten, dass die Regeln der gesetzlichen ordnungsgemäßen Forstwirtschaft beachtet werden. Und die schreiben eine „bedarfsgerechte Walderschließung unter größtmöglicher Schonung von Landschaft, Boden und Bestand“ sowie die „Anwendung von bestands- und bodenschonenden Techniken, insbesondere bei Verjüngungsmaßnahmen, Holznutzung und -transport“ vor, klagt Adrian die Verantwortlichen an.

Der Bückeburger hat deshalb auch die beim Landkreis Hameln-Pyrmont zuständige untere Naturschutzbehörde informiert. Und dort hat sich auch schon Rainer Halbauer der Sache angenommen, hat die ihm zugeschickten „eindrucksvollen Beweisfotos“ (so Halbauer) gesichtet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass hier wohl „Bedarf zur Klärung des Sachverhalts mit dem Forstamt“ besteht. Klärung darüber, wer die Schäden zu verantworten und sie zu reparieren hat. Denn, so der Umweltschutzexperte, schweres Gerät sei bei der Holzernte zwar zulässig, dürfe aber abhängig von den Boden- und Witterungsverhältnissen nur so eingesetzt werden, dass keine Schäden entstehen. Nach der Schneeschmelze soll Anfang April ein Ortstermin am Wendgeberg stattfinden.

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  • Die Holzernte hat Spuren hinterlassen. Dana

Christian Weigel, Amtsleiter im Niedersächsischen Forstamt Oldendorf, kann sich den Flurschaden, den der Lohnunternehmer im Wald der Försterei Langenfeld angerichtet hat, momentan nur so erklären, dass dieser zwar morgens aus hart gefrorenem Boden mit dem Holzrücken am Wendgeberg begonnen hat; dann gegen Mittag, habe er wohl bei Plus-Temperaturen nicht rechtzeitig seine Arbeit beendet, vermutet der Forstamtsleiter. Als Erklärung fügt er an, dass man bei der Holzernte in Naturschutzgebieten eben auch unter besonderem Zeitdruck steht. Um nicht in die Brut- und Setzzeit sowie die Vegetationsperiode zu kommen, müsse in Naturschutzgebieten ab 31. März Ruhe rund um den Hohenstein herrschen, erklärt Weigel.

Für den Biologen Adrian, der bei seinen Exkursionen in naturnahen Waldgebieten die Forstarbeiten mit geschultem Auge und Kenntnis des Waldgesetzes beobachtet, sind die rüden Holzhackermethoden am Hohenstein jedoch keineswegs die Ausnahme: Gerade jetzt in der besuchsarmen Zeit im Wald sei es gang und gäbe, dass gefälltes Holz „unter Ausschluss der Öffentlichkeit“ auch recht wild gerückt werde, hat er beobachtet: „Das ist eben die übliche Praxis.“ Und auch wenn damit gegen Waldgesetz und Naturschutzbestimmungen verstoßen werde, habe das für Forstämter und beauftragte Lohnunternehmen kaum Konsequenzen: „Nach Beobachtungen vom BUND ist dafür bislang noch niemand verurteilt worden, denn die Staatsanwaltschaft stellt in der Regel die Verfahren immer ein,“ merkt Franz-Josef Adrian als Kenner der Materie verärgert an.



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