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Fotografin wohnt und fotografiert halbes Jahr im Taubblindenheim

Natürlich, authentisch, liebenswert

Fischbeck. Es ist die emotionale Tiefe, die die aus 25 Bildern bestehende Fotoreportage „Brothers“ über den Alltag von Jörg und Rolf Fischer (49) ausmacht. Fotografin Marlena Waldthausen hat ein halbes Jahr lang die taub geborenen, eineiigen Zwillinge im Taubblindenwerk in Fischbeck begleitet.

veröffentlicht am 27.06.2016 um 17:51 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 12:44 Uhr

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Autor:

Annette Hensel
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Dank Digitaltechnik wird mehr denn je fotografiert: Ein kurzer Blick auf das im Wasser planschende Kind, klick – schon ist das Erinnerungsfoto im Kasten! Bei professionellen Fotografien geht das selten so schnell: Intensiv vorbereitet und gut durchdacht, werden daraus mitunter wahre Kunstwerke, die Geschichten aus dem Leben erzählen. Derartige Arbeiten, aufwühlende Bilder von Kriegsschauplätzen oder auch die berührenden Aufnahmen taubblinder Brüder waren beim fünften Lumix Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover zu sehen.

Die aus 25 Bildern bestehende Fotoreportage „Brothers“ über den Alltag von Jörg und Rolf Fischer (49) stammt von Marlena Waldthausen. Ein halbes Jahr lang hat sie die taub geborenen, eineiigen Zwillinge begleitet, die aufgrund einer schweren Diabetes-Erkrankung auch ihr Sehvermögen verloren und seit 2012 auf dem Landhof des Deutschen Taubblindenwerks in Fischbeck leben. Im Filmbeitrag eines Regionalsenders erzählt sie, dass es sich bei der Reportage um eine emotionale Entscheidung gehandelt habe. „Ich wollte sehen, wie die Welt der beiden aussieht, wie sie trotz ihrer Einschränkung ein normales Leben führen können“, sagt sie.

„Marlena kam auf uns durch Bernd und Heidi Umbreits Film ‚Das Dorf der Stille‘, der 2015 auf Arte ausgestrahlt wurde. Ihr Wunsch war, ein Fotoprojekt mit taubblinden Menschen zu machen, ihre Wahl fiel auf die Zwillinge“, erinnert sich DTW-Betreuungsdienstleiterin Jutta Hennies und erklärt: „Sie ist eine sehr natürliche, authentische und liebenswerte Person – und ihre Arbeit ist genau so auch geworden.“

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  • Mit Hilfe des Lesegeräts kann Rolf den Essensplan lesen und für Jörg übersetzen. Diese Selbstständigkeit ist für beide sehr wichtig. Foto: Marlena Waldthausen
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  • Beim Spaßmachen vergessen die beiden die zunehmenden Einschränkungen durch ihre Behinderung. Foto: Marlena Waldthausen

Für ihr Vorhaben bewohnte die Fotojournalistin (Jahrgang 1987) ein Zimmer auf dem Landhof. Anfangs sei die Hemmschwelle mangels Kommunikation groß, sei sie unsicher gewesen, so Marlena Waldthausen. Also lernte sie das Lormen und die Gebärdensprache und fand auf diese Weise Zugang zu den Fischer-Brüdern. Sie beobachtete ihren Umgang miteinander, begleitete sie mit der Fotokamera beim Essen, beim Schwimmen, bei Ausflügen und anderen Gruppenaktivitäten sowie bei Wochenendfahrten nach Hause nach Einbeck.

In den gemeinsamen Wochen beeindruckte sie besonders, dass die Brüder entgegen der Erfahrung, dass Taubblinde aufgrund der doppelten Sinnesbehinderung isoliert in ihrer eigenen Welt leben, eine enge Beziehung zueinander aufgebaut haben. „Weil sie mit ihrer Umwelt nur schwer kommunizieren können, unterstützen sie sich gegenseitig im Alltag und haben eine eigene Sprache und Humor entwickelt“, hat Marlena Waldthausen festgestellt. Dabei übernehme Rolf, der noch einen geringen Sehrest hat, die Führungsposition beim Gehen oder übersetze für Jörg, wenn es etwas zu lesen gibt – „auch wenn es ihm große Mühe bereitet“.

In Auseinandersetzung mit der situativen und örtlichen Realität offenbaren ihre einfühlsamen Aufnahmen die Nähe der Brüder zueinander. Sie sind in keiner Weise gestellt, sondern mitten aus dem Leben heraus entstanden und zeigen Rolf und Jörg Fischer mal fröhlich, Quatsch machend, mal schlecht gelaunt, dann wieder zärtlich oder friedlich schlafend.

Im April 2016 gehörte Marlena Waldthausen, die ihre Bilder mittlerweile auch in Sarajevo, Belgrad, Perpignan und New York ausstellt, mit „Brothers“ zu den fünf Gewinnern bei den Feature Shoot Emerging Photography Awards. Für das Lumix Festival wurde ihre Fotoreportage zusammen mit 59 anderen aus 1200 Arbeiten von internationalen Fotojournalisten unter 35 ausgewählt. Zur Ausstellung erschien sie übrigens mit einem Fernsehteam, den Zwillingen und deren Eltern.

Zurückblickend sagt sie: „Es war ein unglaublich spannendes Projekt für mich, zwei taubblinde Menschen fotografisch zu begleiten. Dieses Medium kennen die beiden ja hauptsächlich aus der Erinnerung.

Wenngleich Kommunikation doch nur sehr eingeschränkt möglich ist, habe ich das Gefühl, dass es mir dadurch, dass ich sehr viel Zeit mit den beiden verbracht habe, gelungen ist, ihr Leben respektvoll und vielseitig zu dokumentieren – und das war mir sehr wichtig.“

Marlena Waldthausens Geschichte mit den Brüdern ist noch nicht zu Ende: Im Juli begleitet sie die beiden in den Urlaub, um weitere besondere Momente für die Fortsetzung ihres fotografischen Porträts festzuhalten.



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