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Erstmals seit ihrem schweren Unfall kann Ingrid Schwarz wieder normale Schuhe tragen

Nach 30 Jahren: „Jetzt habe ich’s geschafft!“

Hemeringen. „Sie passen, was für ein herrliches Gefühl“, jubelt Ingrid Schwarz und zeigt ihre neuen schwarzen Turnschuhe, ihr erstes nicht-orthopädisches Schuhpaar seit langer Zeit. Dieser Einkauf grenzt für die 48-Jährige aus Hemeringen an ein kleines Wunder. Nur zu gut erinnert sie sich an Zeiten, in denen sie ohne die Anfertigung eines Orthopädieschuhmachermeisters morgens nicht einmal vom Bett zum Bad gehen konnte.

veröffentlicht am 25.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 11:41 Uhr

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Autor:

Annette Hensel
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Fast 30 Jahre ist es her, dass sich das Leben von Ingrid Schwarz komplett veränderte. Am 27. Mai 1983 hatte die damals 19-Jährige auf dem Weg zur Arbeit in Hameln, wo sie eine Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin absolvierte, einen schweren Autounfall. „Der bescherte mir einen Freiflug nach Hannover in die Medizinische Hochschule“, erzählt sie. Zehn Tage später, am 6. Juni,wollte sie heiraten. „Aus der Ehe ist nichts geworden“, verrät sie. Auch zur Abschlussprüfung kann sie nicht antreten.

Mit lebensgefährlichen Verletzungen kommt die junge Beifahrerin in die MHH, liegt bis Anfang August im Koma, im Oktober beginnt die Rehabilitationsmaßnahme in Höxter. „Ich hatte ein Schädel-Hirn-Trauma, war halbseitig gelähmt und mein rechter Oberschenkel war zertrümmert“, erzählt Ingrid Schwarz, die zu 70 Prozent schwerbehindert ist. Damit sie stehen und sich ein wenig fortbewegen kann, wird ihr rechtes Bein mittels eines orthopädischen Schuhs um acht Zentimeter erhöht. Es folgen unzählige Operationen, die sie über sich ergehen lassen muss. „Am meisten hatte ich Angst vor einer Amputation“, gesteht sie. Über ihren Vater, der zur gleichen Zeit wie sie einen schweren Unfall hatte, lernt sie im Krankenhaus in Hameln Dr. Zehender kennen. „Der sagte zu mir: Mädchen, das kriegen wir hin – und so war es ja dann auch“, erzählt Ingrid Schwarz voller Dankbarkeit.

Der Mediziner empfiehlt ihr, sich in der Neurologischen Klinik in Hessisch Oldendorf weiter therapieren zu lassen. „Die haben von 1984 bis 1986 hart an mir gearbeitet, außerdem konnte ich in dieser Zeit meine Ausbildung abschließen“, sagt Ingrid Schwarz. Zur Berufsfindung kommt die junge Frau anschließend ins Ruhrgebiet. „Der Austausch mit gleichaltrigen Betroffenen hat mich ruhiger gemacht, mir meine eigene Verzweiflung genommen“, beschreibt Ingrid Schwarz. Sie nimmt ihren ganzen Mut zusammen und beschließt, das gesunde linke Bein kürzen zu lassen, in der Hoffnung, dass danach alles gut wird. „Doch auch nach dieser Operation tat das Laufen weiterhin weh“, sagt sie.

Doch sie gibt nicht auf: In Koblenz bereitet sie sich auf ihren neuen Beruf vor, geht viel schwimmen, nimmt verschiedene Therapien wahr, bevor sie nach Bayern zieht und ihre Umschulung zur Bürokauffrau beginnt. „Aus Angst vor einem erneuten Unfall hatte ich bis dahin mein Auto abgemeldet, war nur Taxi gefahren. Aber dann habe ich mich getraut, im Beisein meines Schwagers mit meinem behindertengerecht umgebauten Wagen bis nach Bayern zu fahren“, erzählt sie stolz. Nach Abschluss ihrer Ausbildung findet sie in einem Steuerbüro im Wesertal Arbeit. Ingrid Schwarz verlässt das Elternhaus, bezieht eine eigene Wohnung, weil sie unbedingt eigenständig und unabhängig leben möchte. Eines Tages habe ihre Mutter gesagt: „Du kriegst einen Bauplatz, dann kannst Du Dir ein Haus bauen.“ 1995 erfolgt der Umzug in das ebenerdige, behindertengerechte 104 Quadratmeter große Haus in Hemeringen, „in mein Reich“, wie sie schwärmt.

Nach viereinhalb Jahren verliert Ingrid Schwarz ihren Job, als die Zuzahlung der Berufsgenossenschaft ausläuft, zugleich treten erneut Probleme am verletzten rechten Bein auf. „In Bad Pyrmont hat Dr. Nagel eine offene Fistel ausgeräumt und dafür gesorgt, dass der Schmerz endlich nachließ“, berichtet sie. Danach findet sie noch einmal eine Anstellung, die aber nicht von Dauer ist. Ihren Lebensunterhalt kann sie über die Berufsgenossenschaft, ihre Unfallrente sowie die Rente, die der Unfallverursacher bezahlt, bestreiten.

Nach einer Unterschenkelfraktur fährt Ingrid Schwarz 2003 zur Kur an den Müritzsee und erhält dort die Empfehlung: „Kauf Dir ein Fahrrad und trainiere.“ Das beherzigt sie. Mittlerweile stehen Schwimmen, therapeutisches Reiten, Ergotherapie, Krankengymnastik und der Gang ins Fitnessstudio auf ihrem Wochenplan. „Ohne regelmäßiges Training wäre ich längst nicht soweit, jetzt bin ich im Gleichgewicht, so wie es jetzt ist, ist es für mich in Ordnung“, sagt die 1,74 Meter große Frau, die noch vor 30 Jahren acht Zentimeter größer war. Dass Aufstehen oder Treppe-Hinabgehen ihr nach wie vor schwerfallen, nimmt sie in Kauf. „Ich habe es sogar geschafft, von Emmerthal bis nach Bad Karlshafen zu radeln“, erzählt sie stolz.

„Ingrid ist immer offen für neue Therapien und Trainingsformen, und was sie nicht kann, nimmt sie als Herausforderung und probiert es so lange, bis es geht“, sagt Sportlehrerin Elgin Stiarwalt vom Fitnessstudio Papillon. Zum Erfolgsrezept der Hemeringerin gehören ihres Erachtens zudem „unheimliche Lebensfreude, starker Lebenswille, Ehrgeiz und Disziplin“.

„Um so weit zu kommen, muss man Mut und unwahrscheinliche Energie aufbringen, ein dickes Fell entwickeln – und man darf nicht verzweifeln“, erklärt Ingrid Schwarz und ergänzt: „Gerne hätte ich manchmal alles hingeschmissen, aber ich hatte immer Leute aus der Familie, aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis sowie Nachbarn zur Seite, die mir Mut gemacht und geholfen haben.“ Mit ihren neuen Schuhen ist Ingrid Schwarz mit dem Zug nach Mainz und von dort mit dem Fahrrad zu dem für ihre Belange Zuständigen der Berufsgenossenschaft gefahren, um ihm zu zeigen: „Jetzt habe ich’s geschafft!“



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