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Mit der Scheidung begann der Albtraum

Von Annette Hensel

Hessisch Oldendorf. „Bloß nicht auf Schnee und Eis ausrutschen oder krank werden“, das sind Gedanken, die Helga Schmidt (Name von der Redaktion geändert) seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die 58-Jährige ist nicht krankenversichert und weiß sehr wohl, welche kostspieligen Folgen ein unbedachter Schritt oder eine schwere Erkrankung haben könnten.

veröffentlicht am 07.02.2010 um 19:33 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 21:41 Uhr

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Von Annette Hensel

Hessisch Oldendorf. „Bloß nicht auf Schnee und Eis ausrutschen oder krank werden“, das sind Gedanken, die Helga Schmidt (Name von der Redaktion geändert) seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die 58-Jährige ist nicht krankenversichert und weiß sehr wohl, welche kostspieligen Folgen ein unbedachter Schritt oder eine schwere Erkrankung haben könnten.
 Seit Jahrzehnten wohnt die Mutter von zwei Kindern im Stadtgebiet, vor gut drei Monaten wurde ihre Ehe nach 38 Jahren geschieden. Damit beginnt in ihrem Leben ein Kapitel, das Verunsicherung, Ängste und unglaublichen Papierkram mit sich bringt.
 Über ihren ehemaligen Mann, einen Beamten, war Helga Schmidt als Ehefrau mit krankenversichert. Das ist nichts Besonderes: Viele nutzen die Möglichkeit der Familienmitversicherung in einer privaten Krankenkasse, wenn ein Partner oder Elternteil Beamter, Richter, Zeit- oder Berufssoldat ist. Für einen günstigeren Beitrag sind Kinder und Ehepartner, deren Einkommen eine klar festgelegte Höhe nicht überschreitet, mit privat versichert und Beihilfe berechtigt. Helga Schmidt hielt sich an diese Regelung, war nur geringfügig beschäftigt und fühlte sich gut versichert – bis zum Tag vor ihrer Scheidung. Da erhielt sie ein Kündigungsschreiben von der Privatkrankenkasse ihres Mannes, die sie mit sofortiger Wirkung und ohne vorherige Benachrichtigung aus dem Versicherungsschutz entließ. „Die Mitversicherung des Ehegatten endet bei Scheidung mit der Rechtskraft des Scheidungsurteils“, konnte sie später in den Unterlagen unter dem Punkt „Mitgliedschaft“ nachlesen.
 In der emotional belastenden Zeit vor ihrer Scheidung hatte Helga Schmidt viel zu regeln, bedachte jedoch nicht das drohende Ende ihres Krankenversicherungsschutzes. Als sie davon erfuhr, setzte sie alle Hebel in Bewegung, um sich anderweitig zu versichern. Ihr Arbeitgeber erklärte sich sofort bereit, ihr geringfügiges Gehalt so weit zu erhöhen, dass er sie pflichtversichern muss. „Das schien mir die beste Lösung zu sein“, erinnert sich die Wesertälerin.
 Die Odyssee, die die frisch Geschiedene seither erlebte, weist auf Schwächen im sozialen System, auf Lücken in der Gesetzgebung hin, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. „Bei fünf renommierten Krankenkassen habe ich mich zu versichern versucht, aber da bin ich auf Granit gestoßen“, erzählt sie. Mit ihren 58 Jahren sei sie nicht mehr berechtigt, in eine gesetzliche Kasse zu wechseln, wurde ihr erklärt. Hintergrund sei, dass Privatversicherte oft versucht hätten, mit zunehmendem Lebensalter in gesetzlichen Kassen aufgenommen zu werden, da diese dann im Vergleich günstiger werden, findet sie heraus. Unfassbar, aber wahr: Das fünfte Buch des Sozialgesetzbuches über die Gesetzliche Krankenversicherung besagt in Paragraf 6 „Versicherungsfreiheit“ unter Absatz 3a: „Personen, die nach Vollendung des 55. Lebensjahres versicherungspflichtig werden, sind versicherungsfrei, wenn sie in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Versicherungspflicht nicht gesetzlich versichert waren.“ Hätte Helga Schmidt somit in jüngeren Jahren, auf jeden Fall vor ihrem 55. Geburtstag, gewusst, dass sie sich mit 58 Jahren scheiden lassen würde, hätte sie noch versuchen können, bei einer gesetzlichen Krankenkasse unterzukommen. Sowohl über ihre Kinder, Arbeitskollegen, Bekannten, als auch über eine Internetrecherche und das Jobcenter, wohin ihre Anwältin sie verwies, erlebte sie in ihrer Notlage Zuwendung und Beratung, helfen konnte ihr aber niemand. Die Privatkasse, bei der ihr geschiedener Mann weiterhin krankenversichert ist, habe sie unfreundlich abgewiesen, als sie dort um ein Gespräch gebeten habe, berichtet sie und ergänzt: „Für andere Privatversicherungen, die einen Grundtarif von 650 Euro nehmen, bin ich aufgrund meiner Vorgeschichte nicht interessant.“ 2002 hatte Helga Schmidt einen Herzinfarkt, ein Jahr später musste ein Herzkatheter gelegt werden. Mithilfe von Medikamenten geht es ihr seither gut. Kürzlich waren ihr Herztabletten, die sie täglich einnehmen muss, ausgegangen. Als Nichtversicherte konnte sie sich den notwendigen Nachschub nicht verschreiben lassen, von ihrem geringfügigen Einkommen kann sie die teuren Medikamente nicht bezahlen. „Mir sind die Tränen gekommen, als mir fürs Erste in einer Arztpraxis weiter geholfen wurde“, erzählt sie bewegt.
 Helga Schmidt könnte versuchen, eine Klage auf Krankenvorsorgeunterhalt anzustreben, sucht aber tatsächlich nur eine Versicherung, die ihr den Schutz bietet, der jedem Menschen wichtig ist. Auch beim Sozialamt war sie an der falschen Adresse. „Dort gelte ich als vermögend“, erläutert sie. Noch lebt sie nämlich in dem Haus, in dem ihre Kinder aufgewachsen sind, das ihr und ihrem Mann zu gleichen Teilen gehört. Sie wird es nicht halten können, bietet es daher jetzt zum Verkauf an.
 „Es widerspricht dem sozialen Gedanken, nach dem niemand unversichert sein darf“, meint Kirchenkreissozialarbeiter Martin Barwich, dem die 55-Jahre-Klausel auch unbekannt war. Die Leute müssten deutlicher auf diese Härteregelung hingewiesen werden, findet er. Helga Schmidts Krux sei, dass sie als vermögend gelte; hätte sie Anspruch auf einen Euro Arbeitslosengeld II, wäre das ihre Chance, wieder krankenversichert zu werden, erzählt er aus seiner beruflichen Erfahrung. Das kann auch Petra Neujahr von der Stadtverwaltung bestätigen. Die Verwaltungsfachangestellte, die früher im Sozialamt auf dem Kirchplatz arbeitete, mochte den Fall von Helga Schmidt kaum glauben. Konfrontiert mit dem ihr fremden Paragraf 6, Absatz 3a erklärte sie sich sofort bereit, sich kundig zu machen. Umgehend telefonierte sie mit dem Landkreis, dem Job-Center, der AOK und kommt zu dem Ergebnis: „Es ist wirklich so, allen sind die Hände gebunden.“ Sie fügt hinzu: „Frau Schmidt kann, wenn sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II hat, nur privat versichert werden.“
 Für Helga Schmidt begann einen Tag vor ihrer Scheidung ein Albtraum, der bis heute nicht ausgestanden ist. „Ich müsste eine Festanstellung finden“, meint die gelernte Bürokauffrau, „vielleicht schaffe ich es so, versicherungstechnisch aus dem Schneider zu kommen.“ 130 Bewerbungen hat sie in den vergangenen Monaten geschrieben, nicht nur einmal erhielt sie Absagen aufgrund ihres Alters. „Ich weiß mir langsam einfach keinen Rat mehr“, sagt sie mit belegter Stimme, hofft aber weiterhin, eine Krankenversicherung zu finden, die sie aufnimmt.

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