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Mit alten Steinen mauern sie sich eine Zukunft

Fischbeck (tk). Mauern sind nicht nur da, um unliebsame Blicke der Nachbarn zu vermeiden. Es gibt auch Mauern von kulturhistorischer Bedeutung wie die Berliner Mauer oder die Klagemauer in Jerusalem; sogar die Mauer im Kopf oder Mauern des Schweigens gibt es. Eine ganz andere Bedeutung hat jedoch die Mauer der Stiftskirche in Fischbeck für die acht Jugendlichen, die seit April das alte Gemäuer wieder aufbauen. Für sie ist das Projekt „Sandsteinmauer“ eine Perspektive auf eine Ausbildung, Orientierung im Leben und schlicht ein Test, um festzustellen, was sie eigentlich wollen.

veröffentlicht am 03.09.2009 um 17:48 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 04:41 Uhr

stift
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Fischbeck (tk). Mauern sind nicht nur da, um unliebsame Blicke der Nachbarn zu vermeiden. Es gibt auch Mauern von kulturhistorischer Bedeutung wie die Berliner Mauer oder die Klagemauer in Jerusalem; sogar die Mauer im Kopf oder Mauern des Schweigens gibt es. Eine ganz andere Bedeutung hat jedoch die Mauer der Stiftskirche in Fischbeck für die acht Jugendlichen, die seit April das alte Gemäuer wieder aufbauen. Für sie ist das Projekt „Sandsteinmauer“ eine Perspektive auf eine Ausbildung, Orientierung im Leben und schlicht ein Test, um festzustellen, was sie eigentlich wollen. So sieht es Klaus-Dieter Jösten, Leiter der Hamelner Jugendwerkstatt. Zusammen mit dem JobCenter Hameln-Pyrmont hat er die Arbeitsgelegenheit im Stift auf die Beine gestellt. „Ziel ist es, junge Menschen, die keine Arbeit haben, durch diese Maßnahme zu festigen und ihnen weitere Qualifikation zu geben, um anschließend in eine Ausbildung oder Umschulung überzugehen“, sagt Sven Schönrock. Er ist Leiter des JobCenters und zuständig für Jugendliche unter 25 Jahren.
 In wechselnder Besetzung arbeiten die 18- bis 21-Jährigen seit Anfang April an einem 18 Meter langen Teilstück und sind kurz vor dessen Fertigstellung. In eineinhalb Wochen sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, sagt Norbert Friedrich. Der Maurermeister leitet die Jungen an. 30 Stunden pro Woche hämmern, schleppen, verfugen und spachteln sie. Norbert Friedrich ist ihnen manchmal mehr als nur ihr Meister: „Ich übernehme für die Jungen auch eine Vaterrolle“, meint er. Denn oft kämen die Jugendlichen aus problematischen Verhältnissen und bräuchten daher viel Vertrauen. Das hat Friedrich auch den Stiftsdamen erklärt, die anfangs dem Projekt gegenüber skeptisch gewesen seien und Angst um ihre Ruhe hatten. Ein normaler Arbeitsplatz sei ein Stift ohnehin nicht. Für die Jugendlichen gelten daher bestimmte Regeln. Der Projektleiter hat ein Auge darauf, dass die Jungs nicht zu laut sind und sich den „Umgangston einer Werkstatt“ verkneifen.
 Auch das hat System – Jösten verspricht sich von dem Umfeld, dass die Teilnehmer auf diese Weise richtiges Verhalten lernen – und das bedeutet für ihn, auch pünktlich und verlässlich zu sein. Die Stiftsdamen seien von der Truppe mittlerweile sogar begeistert – besonders jetzt, wo das erste Ergebnis ihrer Arbeit sichtbar sei. „Die Jugendlichen haben einen wirklich guten Job gemacht“, resümiert Friedrich. Die Bauarbeiten hat er von A bis Z begleitet und weiß, wie viel Mühe in dem Projekt steckt. „Die Mauer war an einigen Stellen bis zu einem halben Meter krumm und drohte umzustürzen. Da sie aber unter Denkmalschutz steht, bestand dringend Handlungsbedarf“, erklärt der Lehrmeister. Zunächst musste die komplette Mauer abgetragen werden, die alten Steinfundamente wurden ausgegraben, dann begann der Wiederaufbau. 180 Tonnen Material bewegten die Jugendlichen, um die Mauer in ihren Ursprungszustand zu versetzen.
 Friedrich gerät ins Schwärmen: „Mit Sandsteinen zu arbeiten, ist wie Gemälde malen. Es kommt dabei auf das Gefühl an“, erklärt er. Aus einem riesigen Haufen müssen die passenden Natursteine ausgewählt und dann arrangiert werden, „manchmal sei das, wie die Nadel in einem Heuhaufen zu suchen“. „Für die Jugendlichen ist die Arbeit ein echter Gewinn, nur wenige Handwerker sind noch in der Lage, mit dem Naturstein umzugehen“.
 „Prävention für Morgen“ nennt der Leiter der Jugendwerkstatt die Fischbecker Arbeitsgelegenheit. Und damit meint er nicht nur die Perspektive der jungen Leute, sondern auch den Erhalt eines Kulturgutes. Ein kleines Zugeständnis haben die Bauherren denn doch gemacht. „In Absprache mit dem Denkmalschutz haben wir in die Mauer einen niedrigen Bogen eingebaut, da wo die größten Wurzelstränge einer 250 Jahre alten Linde verlaufen. Die wollten wir auf keinen Fall verletzen“, sagt Friedrich.
 Auf ihn und die Jugendlichen warten schon neue Aufgaben. Eine 35 Meter lange Außenwand des Stifts hat tiefe Risse, Steine sind dort locker. Insgesamt 180 Meter Mauer müssen in den nächsten Jahren saniert werden. Drei Jahre, schätzt Friedrich, werden die Arbeiten dauern. Ob das JobCenter das Projekt so lange finanziert, steht noch aus, die Maßnahme läuft bisher über ein Jahr.

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