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Dubiose Firma verspricht Erhard Kullmann Hinterlassenschaft eines verstorbenen „Verwandten“

Millionenerbe – vertraulich und streng geheim

Hessisch Oldendorf. „So kommt man an keine Millionen“, ahnt Erhard Kullmann, als er aus Manchester ein Fax erhält, das ihm eine Millionenerbschaft ankündigt. Die Anrede „Lieber Kullmann“ macht den Hessisch Oldendorfer stutzig und so liest er weiter. Eine Transaktion, „vertraulich, streng geheim und völlig risikofrei“, möchte die Absenderin namens Sandra Tane vornehmen – mit Erhard Kullmann. Dabei geht es in grammatikalisch fehlerhaftem Deutsch mal eben um 7,5 Millionen Euro, die er von einem verstorbenen Namensvetter erben soll, damit das Geld nicht an die Bank zurückfällt. Da Sandra Tane als „Beraterin“ des Verstorbenen keine Verwandtschaft ausfindig machen konnte, bittet sie um Erhard Kullmanns Einwilligung, sich der Bank als Verwandter präsentieren zu lassen. „Alle legalen Dokumente, die Sie benötigen, werde ich Ihnen zur Verfügung stellen, um diese Transaktion zu ermöglichen“, schreibt sie. Ein leicht verwischter Eingangsstempel an Stelle des Briefkopfes, die Kontaktdaten von Sandra Tane und am Ende ein unleserlicher Stempel verleihen dem Fax etwas Offizielles.

veröffentlicht am 02.03.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 20:41 Uhr

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Autor:

Annette Hensel
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Der frühere Verkaufsleiter faxt das Schreiben an Verwandte weiter; keiner hat je von einem Peter Kullmann, der in England lebte, gehört. „Danke. Welches sind die nächsten Schritte? Welche Bank verwaltet das Vermögen“, faxt er nach England zurück. Genau eine Woche später erhält er das zweite Fax, diesmal in fehlerfreiem Deutsch. Sandra Tane erklärt darin, dass sie Erhard Kullmanns Daten vom britischen Inkassobüro habe. Namensvetter Peter Kullmann habe viele Jahre in England, aber auch in Spanien gelebt, wo der „Bezirksentwickler“ 2008 gestorben sei, schreibt sie. Über eine Bank in Spanien solle Erhard Kullmann sein Geld erhalten, so Sandra Tane weiter, und sie fügt hinzu: „Ist das Geld erstmal in Ihrer Obhut, würde ich in Ihr Land kommen, damit wir dann auch die Barauslagen besprechen können.“

Vier Seiten, die dem Fax anhängen, sollen das Vertrauen des Kernstädters festigen: Kontoauszüge, die einen Zinsertrag von mehr als einer halben Million Euro in vier Jahren belegen, ein „credito“ aus dem Jahr 2004 über 7,5 Millionen Euro bei einer Madrider Bank, eine von einem Doctor Frank Coker ausgestellte Sterbeurkunde jenes Peter Kullmanns aus Catalunya und eine „Abfertigungsbescheinigung“ aus Madrid, die bestätigt, „dass es sich um kein Drogen- oder Wäschereigeld handelt“.

Einen Tag später schreibt Sandra Lane erstmals: „Sehr geehrter Erhard Kullmann“ und schwärmt von der „einzigartigen Aktion“ und dem „pathetischen Projekt“. Sie verspricht zu hundert Prozent Erfolg, „solange meine Anweisungen unverzüglich und sorgfältig eingehalten werden“. Als Anlage werden die Unterlagen, die die Bank fordert, eine Kopie der Kapital-Freigabegenehmigung des Madrider Justizministeriums und die Eidesbescheinigung mitgeschickt. Eine von Übersetzerin Carolina Lopez verfasste „Mitteilung über 8 077 025,12 Euro“ und ein unleserliches Fax von einem Alfred Gama folgen am nächsten Tag, außerdem ein Kapitalfreigabe-Auftragsformular der Uni Caixa Trust. „Dieses werde ich nicht ausfüllen, ich werde nur Scheckzahlungen akzeptieren“, schreibt Erhard Kullmann per Fax zurück und lädt zu einem Besuch bei seinem Rechtsanwalt ein.

Dieser hatte ebenso wie ein Gespräch mit der Polizei die Ahnung des Ruheständers bestätigt, dass es sich in der Erbschaftsangelegenheit um eine ausgekochte Betrügerei handelt. „Enttäuscht war ich nicht, denn ich habe nie wirklich an das Millionenerbe geglaubt“, versichert Erhard Kullmann. Aus Jux und Neugierde spielt er das Spielchen weiter mit, mimt den am Erbe Interessierten, und er recherchiert zugleich, wer da mit ihm Kontakt aufgenommen hat. Jene weltweit operierende Maslin Association, in deren Namen Sandra Tane den Schriftverkehr führt, kann er zwar im Internet finden, jedoch keine Anschrift oder Telefonnummer. Und auch Sandra Tane ist trotz vollständig angegebener Daten nur per Fax zu erreichen. Am 3. Dezember 2009 spitzt sich die Sache zu, Erhard Kullmann erhält eine erste Forderung als „Zahlung für Stempel- und Handlungsgebühr pro Kapital“. Alfred Gama, der seinen Namen mittlerweile mit einem Doktortitel versieht, teilt vertretend für die Madrider Uni Caixa Trust mit, dass „die Bank unwiderruflich die Genehmigung für die Freigabe des Kapitals erteilt“ habe. Dafür werde eine Gebühr in Höhe von 890 Euro für notarielle Beurkundung und die Stempel- und Handlungsgebühr in Höhe von 1786 Euro erhoben; die Summe müsse im Voraus gezahlt werden, steht zu lesen.

Tags darauf meldet sich erneut Sandra Tane. „Ich rate Ihnen, schicken Sie dem Ministerium die Gebühren.“ Am 12. Dezember erhält Erhard Kullmann ein weiteres Kapitalfreigabe-Auftragsformular der Uni Caixa Trust, außerdem einen Brief von Alfred Gama. Auf diesem prangt ein undeutliches Foto eines asiatisch wirkenden Mannes, Alex Cheng aus Hongkong, der die Zahlung in Kullmanns Namen behaupten und auf einem Konto der „Wirtschaftsstandardbank, zentrales Hongkong“ empfangen soll. Für den „Abstand des Kapitals“ müsse der Begünstigte, also der Hessisch Oldendorfer, eine Gebühr in Höhe von 6476 Euro zahlen. Mit dieser unbeantworteten zweiten Forderung aus Madrid endet der Kontakt – und damit auch die Illusion, unverhofft durch Erbschaft Millionär zu werden. „Ich fühle mich genau wie vor dem Faxwechsel“, versichert Erhard Kullmann, lächelt und verrät, dass es viel Freude gemacht hätte, mit Kindern und Freunden den Schriftverkehr von Manchester über Madrid mit Blick nach Hongkong zu verfolgen. „Das hat noch keiner erlebt“, meint der Hessisch Oldendorfer und fügt hinzu: „Natürlich wäre es schön gewesen...“

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