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42 Hessisch Oldendorfer stammen aus der Ukraine / Viele freuen sich über den Umsturz

„Mein Herz blutet“

Hessisch Oldendorf. Friedliche Proteste, gewaltsames Eingreifen durch Regierungs-Einheiten, Flammen über Kiew: Das politische Geschehen in der krisengeschüttelten Ukraine, in der mehr als 45 Millionen Menschen leben, bestimmt die Nachrichten. Heute nun soll sich eine Übergangsregierung bilden, die das Land nach dem Sturz von Staatschef Viktor Janukowitsch zu Neuwahlen am 25. Mai führt. 42 der 18 515 Hessisch Oldendorfer sind in der Ukraine geboren, 19 haben noch die ukrainische Staatsangehörigkeit. Was sagen sie zu den Ereignissen in ihrer Heimat?

veröffentlicht am 28.02.2014 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 03:41 Uhr

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Autor:

VON ANNETTE HENSEL
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Ein Bürger, der sich über das Internet und die täglichen Nachrichten stets auf den aktuellen Stand bringt, erzählt: „Auch wenn ich aus der südöstlichen Ukraine stamme, blutet mein Herz angesichts der Unruhen. Kiew ist eine der schönsten Städte der Ukraine – traurig, was da passiert, das ist doch keine Lösung. Die oben sitzen, wollen nur Macht, hetzen einfache Leute aufeinander los, die mit ihrem eigenen Blut bezahlen.“ Um Geld zu verdienen, hätten Studenten öffentlich in Kiew protestiert – für 50 Dollar am Tag, das wisse er von Angehörigen, sagt der Mann weiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Gestern haben mir Freunde am Telefon berichtet, dass Anhänger der rechten Opposition, Nazis, mit Waffen in die Hörsäle der Universität kamen – da muss schon derjenige Angst haben, der Russisch statt Ukrainisch spricht.“

Viktor Janukowitsch, ein Mann, der bereits zweimal im Gefängnis gesessen habe, habe alle verraten; schon im Wahlkampf habe er Menschen dafür bezahlt, dass sie ihn wählen. Aber auch die aus der Haft entlassene Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko sei nicht besser. „Ich vertraue da niemandem mehr, das sind alles nur leere Versprechen von Menschen, die Macht wollen. Ehrlich: Mich erinnert das politische Geschehen an das Szenario in Ägypten, Libyen und Syrien.“

Aus Gesprächen wisse er, dass seine Schwägerin nur noch zwei Euro in der Tasche habe: „Die Leute arbeiten, aber Geld gibt es nicht mehr, die Banken funktionieren nicht. Auf Dauer wird der Bürgerkrieg die Ukraine in einen West- und einen Ostteil spalten, die Menschen auf der Krim wollen eh lieber zu Russland gehören“, ist er überzeugt und hat erfahren, dass auf der Krim bereits die russische Fahne gehisst worden sei. Insgesamt habe er nicht mit einer derartigen Zuspitzung gerechnet, sei darüber entsetzt, sagt er und fügt hinzu: „Eigentlich wollte ich dieses Jahr zu einem Jahrgangstreffen in die Heimat fahren, jetzt warte ich erst einmal ab.“

„Ich bin nach der Wende nach Deutschland gekommen – seither hat sich in der Ukraine nichts geändert“, erklärt eine Hessisch Oldendorferin, die in Kiew geboren und aufgewachsen ist. Gebannt verfolgt sie im russischen, ukrainischen und deutschen Fernsehen die Ereignisse, steht in engem Kontakt mit Verwandten und berichtet: „Sie sind enttäuscht von der Politik, das Land ist pleite, es gibt kein Vertrauen mehr – aber ich kenne die Ukrainer: Die geben nicht auf! Meine Angehörigen leben in Kiew auf der linken, sozusagen auf der ruhigen Uferseite des Dnjepr, es geht ihnen gut, da läuft alles ganz normal weiter: Schule, Kindergarten. Nur Geld gibt es nicht.“

Doch so wollten gerade die jungen Leute nicht weiterleben: Sie wollten frei leben, arbeiten, Geld zur Bank bringen und ihr Geld auch wieder ausgezahlt bekommen. „Angst haben meine Verwandten keine, am Sonntag haben sie beispielsweise auf dem zuvor noch umkämpften Unabhängigkeitsplatz Majdan an einer Gedenkfeier teilgenommen.“

Insgesamt sei sie froh darüber, dass die Opposition die Augen aufgemacht habe, doch sie meint: „Jetzt müssen sich die Politiker erst einmal Vertrauen verdienen.“ Die Leute fragten sich natürlich, woher Julia Timoschenko so viel Geld und warum die Familie von Vitali Klitschko ihren Wohnsitz im Ausland habe. „Ich denke, er hat wenig Chancen, bei den Wahlen zu gewinnen. Er kann sich ja noch nicht mal richtig auf Ukrainisch ausdrücken. Auf mich macht der Anwalt Arsenij Jacenjuk politisch den besten Eindruck.“ Die Situation in ihrer Heimat mit 77 Prozent Ukrainern und 17 Prozent Russen sei wirklich schwierig, dennoch: „Die Aufräumarbeiten in Kiew sind in vollem Gange und das Leben geht weiter.“



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