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Pflegeheim plant Neubau / Heimleiter setzt auf innovatives Konzept für Demenz-Kranke

Mehr Freiraum für demente Heimbewohner

Hessisch Oldendorf (doro). Er war Künstler. Sein ganzes Leben lang hat er nachts gemalt, wenn die kreative Phase am stärksten war. Als Karl Finke (Name von der Redaktion geändert) alt wurde, fiel irgendwann das Denken schwer, die Erinnerungen wurden blasser, verschwanden zum Teil ganz. Er kam in ein Pflegeheim. Weil er sich dem geregelten Heimleben nicht anpassen konnte, steckte man ihn in die Psychiatrie. Doch er hatte Glück, das Pflegepersonal erkannte sein Problem: Ein Mensch, dem mit Macht seine Lebensgewohnheiten aberzogen werden, wird zwangsläufig unglücklich.

veröffentlicht am 04.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 02:21 Uhr

Wilfried Völz erklärt Ute Wollenberg den Plan: Auf einem Teil de
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„Genau das wollen wir hier verhindern“, sagt Wilfried Völz, neuer Heimleiter des Eberhard-Poppelbaum-Pflegeheims in Hessisch Oldendorf. Der 56-jährige Diplom-Sozialpädagoge, zugleich studierter Gemeinde- und Religionspädagoge, der 25 Jahre eine Pflegeeinrichtung in Rotenburg an der Wümme geleitet hat, will in der Pflege der Demenz-Kranken andere Wege gehen. Erlebnisorientiert soll diese Gruppe von Pflegebedürftigen in Zukunft betreut werden, nach dem sogenannten mäeutischen Konzept.

Bei dem Ansatz der Niederländerin Dr. Cora van der Kooij sind sowohl Intuition als auch Sachverstand des Betreuenden gefragt. Van der Kooij beobachtete, dass Menschen, die Demenzkranke betreuen, sich selten nur einer einzigen Methode bedienen, sondern mehrere kombinieren und dabei ihre Gefühle und Erfahrungen in die Pflege mit einbringen. Ob sie richtig handeln, erkennen sie an der Reaktion des zu Betreuenden, zum Beispiel seinem Lächeln.

Heimleiter Wilfried Völz schreckt nicht davor zurück, mit seinem Arbeitsansatz ausgetretene Pfade zu verlassen – und auch von den Mitarbeitern Umdenken und Kreativität zu verlangen. „Nach meiner Erfahrung wurde im Eberhard Poppelbaum gute Arbeit geleistet, die aber ausbaufähig ist“, sagt der Diplom-Sozialpädagoge. Gemeinsam mit der neuen Pflegedienstleiterin Ute Wollenberg, die seit Anfang Oktober tätig ist, will Völz das stabile Mitarbeiterteam dort abholen, wo es ist, und dahin bringen, wo sich Pflege nach heutigem Standard befinde.

Wilfried Völz mit Bewohnerinnen, die sich geistig fit halten: Da
  • Wilfried Völz mit Bewohnerinnen, die sich geistig fit halten: Das Heim ist nicht nur ein Zuhause für Bewohner mit Demenz, sondern auch für Menschen, die aus anderen Gründen Pflege in Anspruch nehmen.

„Es gibt sehr viele Rituale im täglichen Ablauf einer Einrichtung, davon müssen wir weg“, sagt der Diplom-Sozialpädagoge. Die individuellen Lebensweisen zu integrieren, erfordere zudem eine Menge Biografiearbeit, sei am Ende aber hilfreich, sagt Völz. „Wenn wir lernen, die Gewohnheiten der Menschen in den Alltag zu integrieren, dann werden sie besser zurechtkommen und lernen, ihr Schicksal zu akzeptieren, dann wird das Leben in einer Pflegeeinrichtung wieder lebenswert.“

Dazu gehöre auch das „Leben im Zimmer“. Wer dort das künstlerische Chaos braucht oder einen Kuchenteig vorbereiten will, soll das dürfen, findet Völz. Den anfänglichen Mehraufwand als Gewinn für alle Beteiligten zu betrachten, ist der Ansatz, den der neue Leiter auch in den Köpfen der Mitarbeiter zu verankern gedenkt.

Bis die dementen Heimbewohner ihre Eigenheiten ausleben dürfen, ist es allerdings noch ein langer Weg: Dazu müssen nämlich erst einmal die räumlichen Möglichkeiten geschaffen werden, denn bisher entspricht das Pflegeheim bei der Betreuung von dementen Bewohnern nicht dem Standard, schon gar nicht modernen Ansprüchen. „Der vierten Etage, in der die Demenzkranken derzeit untergebracht sind, fehlt vor allem ein Gemeinschaftsraum“, sagt Wilfried Völz, „diese Menschen brauchen einen Rückzugsraum, aber auch den Kontakt mit anderen.“

Mit anderen, aber nicht unbedingt mit den Bewohnern, die nicht dement sind, wie der Diplom-Sozialpädagoge bemerkt. „Man geht in der Pflege inzwischen wieder davon ab, die dementen und die anderweitig pflegebedürftigen Menschen gemeinsam unterzubringen, denn die Demenz-Kranken werden von den anderen Bewohnern nicht akzeptiert“, sagt der Diplom-Sozialpädagoge. In Hessisch Oldendorf werden etwa zur Hälfte demenzkranke und anderweitig pflegebedürftige Heimbewohner betreut – das soll, auch wenn man in Zukunft der steigenden Zahl der Demenzkranken Rechnung tragen will, so bleiben.

Die neue Konzeption wird einhergehen mit einem Neubau auf dem vorhandenen Gelände in Richtung Stadtwall, dort, wo früher die Altenwohnungen standen. Der Gebäudeteil, in dem die dementen Bewohner bisher untergebracht sind, soll dann anderweitig genutzt werden.

Der Trägerverein, der Mitglied in der Diakonie ist, wird das Haus auch weiterhin betreiben. Allerdings sollen die Neukonzeption und der Neubau möglichst mit einer Neuwahl des Vorstandes Mitte nächsten Jahres abgestimmt werden, wie Vorstandsmitglied Dieter Kaul erklärt. Im Zuge der Wahl werde auch die vakante Stelle des Schatzmeisters, zuvor bekleidet von Friedrich Wilhelm Kaup, neu besetzt. Auch einen Architekten wünscht man sich nach dem Ausscheiden von Dieter Grabbe wieder in den Reihen des Trägervereins.

Geplant ist ein Gebäude, in dem eigene Zimmer mit einem Gemeinschaftsraum und einer Kochgelegenheit kombiniert werden. „Die dementen Menschen sollen sich heimisch fühlen“, sagt Wilfried Völz. Mit der kompletten Fertigstellung wird in zwei Jahren gerechnet.

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