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Elf Frauen und ein Mann – wie lebt es sich in einer Wohngemeinschaft für Senioren?

Lebensabend in trauter Mehrsamkeit

Hessisch Oldendorf. Wer als Student in einer Wohngemeinschaft gelebt hat, kennt den Ärger, den die anfangs locker anmutende Mehrsamkeit verursachen kann. Der eine kocht ständig Fisch, der andere hält sich nicht an den Putzplan und am Schluss bleibt der Einkauf immer an demselben Mitbewohner hängen.

veröffentlicht am 06.01.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 06:41 Uhr

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Autor:

Julia Rau
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In einer Wohngemeinschaft in Hessisch Oldendorf kommen diese Probleme nie auf. Die Rede ist von der Senioren-WG im Hause Lichtsinn. Elf betagte Frauen und ein Mann wohnen dort in aller Einigkeit zusammen. „Streit gibt es eigentlich nie“, sagt Pflegerin Regina Borchert. „Und wenn doch, dann wird das ausdiskutiert.“

Pflegedienstleiterin Claudia Kleindiek vermutet, dass diese Reibereien im Alter schon wegen der Gelassenheit, die die Menschen mitbringen, nicht mehr so entstehen. „Junge Leute stoßen sich die Hörner ab, aber das haben unsere Bewohner längst hinter sich“, sagt sie. Obwohl jeder der Bewohner schon seine eigenen eingefahrenen Abläufe und kleinen Sturheiten ausgebildet hat, verhindert auch die Anwesenheit von Putzhilfe und Köchin jedweden typischen WG-Stress.

„Die WG unterscheidet sich insofern von einem Heim, als dass die Bewohner hier alles machen können, was sie möchten und wann sie möchten. Wir sind im Prinzip nur Besucher, die ab und zu mit anpacken“, so Borchert. Den Senioren scheint es jedenfalls zu gefallen. Helmut Büttner zum Beispiel freut sich, nicht im Heim gelandet zu sein. „Ich habe zwei Jahre lang alleine im Haus gelebt, als meine Frau schon hier wohnte. Aber wenn man mal merkt, wie es alleine so ist, dann ist das nicht schön“, so Büttner. Margarete Büttner war schon in der Tagespflege, die sich im Erdgeschoss des Hauses befindet. Für sie war klar, dass außer der WG nicht viel in Frage kommt. Deshalb hat sich auch ihr Mann für den Schritt in die Wohngemeinschaft entschieden. Nun teilen sich beide das einzige Doppelzimmer im Haus. „Da muss man sich gewaltig umgewöhnen“, sagt er. Vom eigenen Haus, das der ehemalige Maurer selbst baute, in ein Zimmer einer Wohnung inmitten von zunächst fremden Frauen umzuziehen, sei schon gewöhnungsbedürftig gewesen. „Neidisch ist da keine“, lacht er, als er gefragt wird, wie das Eheleben unter Beobachtung so ist. „Wenn wir unsere Ruhe wollen, gehen wir einfach ins Zimmer, da haben wir auch einen Fernseher. So gibt es nie Streit um das Programm, das die anderen sehen wollen.“ Bislang vermisst er nur seine Katze und den Hund. Die leben noch im alten Haus, in dem auch seine Kinder wohnen. Und ab und zu vermisse er auch seine Margarete, wenn sie mal wieder im Erdgeschoss die Tagespflege besucht. Ansonsten genießt er die Gesellschaft der Damen um ihn herum. „Ich bin ein spaßiger Mensch“, sagt er und fängt an, wieder einen Schwank aus seiner Jugend zu erzählen. Beim Thema Krieg bremst ihn seine Frau allerdings: „Fängst du an zu spinnen?“

Bevor Helmut Büttner zu seiner Frau zog, musste er einige Zeit im Heim überbrücken. „Da gab es nur Waschen, Anziehen und weg.“ Das habe ihm gar nicht gefallen. Bei drei Pflegehelfern, die stets für zwölf Bewohner sorgen, kommt nur selten Hektik auf. „Man hat hier richtig Zeit, sich mit den Menschen zu befassen“, sagt Borchert. Früher, als sie noch im Heim arbeitete, wäre ein kurzer oder langer Plausch zwischendurch oft nicht möglich gewesen.

„Früher bin ich immer mit schlechtem Gewissen nach Hause gegangen – weil ich, obwohl ich natürlich stets versucht hatte, alles richtig zu machen, immer das Gefühl hatte, ich hätte mehr tun, mir mehr Zeit für den Einzelnen nehmen können. Aber das war einfach nicht drin. Hier weiß ich, nach mir kommt die Nachtschicht, die Küche wird nicht zugesperrt wie im Heim, wo nach 22 Uhr niemand mehr was essen kann. Und den Bewohnern geht es gut. Und wenn der eine oder andere doch mal was auf dem Herzen hat, dann kann man darüber reden. Wenn der eine bis zehn Uhr schlafen will und der Nächste zweimal täglich duscht, dann machen wir das eben. So ein Arbeiten habe ich im Heim immer vermisst. Hier müssen wir auch alles dokumentieren für die Ärzte und so weiter, aber wir haben genügend Zeit, uns mit jedem zu beschäftigen.“

Kleindiek meint, dass trotz der intensiven und persönlichen Betreuung die konventionellen Altenheime auch zukünftig den Alterswohnsitz Nummer eins bilden werden. „Wo sollen die ganzen Leute auch hin?“ Andererseits beobachte sie den Trend, dass Angehörige ihre Verwandten, so lange es geht, zu Hause pflegen.



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