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Uda von der Nahmer: „Der Alltag im Stift ist geprägt von vielfältigen, oft anspruchsvollen Aufgaben“

Leben in einer Domäne alleinstehender Frauen

Fischbeck (doro). „Alles beginnt mit einer Sehnsucht…“ So steht es am Anfang des neuen Flyers, mit dem die Äbtissin und ihre Stiftsdamen für ein Leben im Fischbecker Stift werben. Werbung ist wichtig, denn die Suche nach Frauen, die vom Profil ins Stift passen, ist nicht so einfach. Sie müssen bereit sein, bestimmte Regeln zu akzeptieren und mit höchstens 60 Jahren die Berufstätigkeit möglichst hinter sich haben. „Interessierte Frauen haben wir viele“, sagt Uda von der Nahmer, „aber man muss zusammenpassen.“

veröffentlicht am 10.07.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 14:41 Uhr

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Was das genau bedeutet, kann auch die Äbtissin nicht so leicht in Worte fassen. „Die Frauen müssen sich bewusst sein, dass sie in eine christliche Lebens- und Arbeitsgemeinschaft eintreten und das geistige Leben miteinander teilen wollen“, sagt sie. In der Begrenzung, die mit einem Versprechen besiegelt wird, eröffne sich jedoch auch Freiheit: „Jede Frau hat ihre eigene Spiritualität.“

Ein Grund, der viele Frauen hindert, diesen Weg zu gehen, obwohl sie sich von der Gemeinschaft der Christinnen angezogen fühlen, ist der Verzicht auf Partnerschaft. Ändern soll sich daran aber auch künftig nichts, denn „es ist eine der wenigen Domänen alleinstehender Frauen, die es gibt, warum soll man die nicht bewahren?“, fragt Uda von der Nahmer.

Da sei es eher vorstellbar, auch katholische Frauen aufzunehmen, meint Kapitularin Ursula Schroeder auf die Frage nach einer Lockerung der Aufnahmeregeln. Doch das wiederum sieht die Klosterordnung nicht vor.

Ursula Schroeder in ihrer Wohnung im Stift: Eine wichtige Rückzugsmöglichkeit innerhalb der Gemeinschaft.

Um in dem 955 als Kanonissenstift gegründeten Stift aufgenommen zu werden, mussten die Stiftsdamen bis 1924 sechzehn adlige Vorfahren nachweisen. Wenn auch der Stammbaum heute keine Rolle mehr spielt, so ist man dennoch stolz darauf, dass das Stift seine Tradition über ein Jahrtausend gewahrt und lebendig erhalten hat. Noch immer gibt es den einen oder anderen, der meint, bei der Institution einen Dünkel ausmachen zu können. Doch die Anforderungen hinter den Stiftsmauern sind ganz und gar nicht elitär. Wer die Vorstellung hat, in einen intellektuellen Schutzraum flüchten zu können, werde enttäuscht, betont die Äbtissin.

„Der Alltag im Stift ist geprägt von vielfältigen, oft anspruchsvollen Aufgaben“, sagt Kapitularin Ursula Schroeder. Von Arbeit möchten beide Damen nicht sprechen. Zu den Pflichten gehören unter anderem die Führung des stiftseigenen Ladens, die Koordination der Führungen, die Betreuung der Kirchenorgel, die Organisation der kulturellen Angebote und auch die Betreuung der Ehrenamtlichen, die sich beispielsweise um den Kräutergarten kümmern. Die steigende Zahl der Pilger fordert die Stiftsdamen ebenfalls. Gewünscht ist, dass die Frauen ihre Talente und Fähigkeiten einbringen: Ursula Schroeder, die am Albert-Einstein-Gymnasium 36 Jahre lange als Lehrerin für Musik und Englisch unterrichtete, ist auch im Stift die Fachfrau für musikalische Belange. Was im Kreis der Frauen derzeit fehlt, sei eine Archivarin, sagen sie. Im geschichtsträchtigen Stift ebenfalls eine anspruchsvolle Aufgabe.

Das Zusammenleben in der Frauengemeinschaft sei ein immerwährender Lernprozess, sagt Ursula Schroeder. Einer, bei dem man über sich selbst hinauswachsen könne und der die Kompromissfähigkeit fördert. „Die vielen Aufgaben helfen dabei, die halten uns lebendig“, sagt Uda von der Nahmer. Das Gefühl, gebraucht zu werden, spielte für die Äbtissin nach der Berufstätigkeit eine wichtige Rolle: „Was ist mit dem ganzen Know-how, habe ich mich gefragt.“ Dass das Rentenalter kontinuierlich steigt, macht es der Institution nicht leichter, denn bei ihrem Eintritt ins Stift sollten die Damen möglichst nicht über 60 Jahre alt sein. Eine Regel, die sich immer mehr als „Wunschtraum“ erweise, so von der Nahmer. Mit dem Eintrittsalter geht man deshalb inzwischen flexibler um. Der Übergang ist auch gleitend möglich. Das heißt, die Frauen können zunächst zur Probe wohnen, wenn sie nicht mehr voll berufstätig sind. Nach Absprache verbringt die Anwärterin zunächst Ferien und Wochenenden im Stift, bevor sie endgültig umzieht.

Dass es im Alter nicht einfacher wird, sich auf eine neue Gemeinschaft einzustellen, ist eine Binsenweisheit. Vielleicht auch deshalb ist es den Frauen wichtig, dass die Frauen, die im Stift leben, „Profil haben“. Und anders als in einer Senioren-WG können die Damen die Tür ihrer Stiftswohnung auch einfach mal zumachen, wenn sie ihre Ruhe haben wollen.



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