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Großenwiedener haben sich in Jahrzehnten mit den Überflutungen arrangiert / Sandsäcke liegen bereit

Land unter – vom Leben mit dem Hochwasser

Großenwieden (ah). Erstaunlich viele Autos parken entlang der Großenwiedener Ortsdurchgangsstraße. An manchen Straßenkreuzungen fallen morastbedeckte Flächen ins Auge. Mit 6,38 Meter hat das Hochwasser am vergangenen Dienstag seinen bisherigen Höchststand erreicht, stand es in vielen Seitenstraßen bis kurz vor der Einmündung in die Hauptstraße. „Hochwasser“ und „Überschwemmung“ prangt auf den zahlreichen im Weserdorf verteilten Verkehrsschildern an den Durchfahrtsperren. Anwohner der Straßen Obernhagen oder Am Steinbrink kommen nicht mehr mit ihren Autos an ihre Grundstücke heran, müssen sie in ungefährdeten Zonen abstellen.

veröffentlicht am 13.01.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 00:41 Uhr

Straßen stehen voll Wasser. Wo es abgeflossen ist, liegt Schlamm. 1946 fuhren Dorfbewohner in Backtrögen durch die Straßen. Foto
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Über Nachbargrundstücke gelangen sie zu Fuß zu ihren von Wasser umschlossenen Häusern. Auch Erwin Ruhe, der an der Ecke Obernhagen, Hauptstraße, in dem Haus lebt, in dem er vor knapp 80 Jahren geboren wurde, kommt nicht mehr in seine Garage, hat sein Auto woanders geparkt. Im Haus der Familie Ruhe, das, orientiert am Wasserhöchststand von 1908, ohne Keller 1913 erbaut wurde, ist alles trocken. Einmal war das allerdings nicht so: Am 10. Februar 1946 stand das Erdgeschoss unter Wasser, reichte die Weser fast bis zur Kirche, wie Erwin Ruhe sich erinnert. In Backtrögen seien die Kinder auf der Ortsdurchgangsstraße, die noch nicht so hoch angelegt gewesen sei, gepaddelt, erzählt er weiter. Was für die Kinder ein Vergnügen war, brachte für viele großen Schaden mit sich: Eine Woche dauerte es, bis das Wasser aus dem Haus der Ruhes entfernt war; „da war bereits der ganze Holzfußboden kaputt“, so Ruhe. Er erinnert sich auch an den Sommer 1956: „Am 14. Juli haben meine Frau und ich bei strahlendem Sonnenschein hier in der Kirche geheiratet, nachmittags setzte Regen ein; am Montag, 16. Juli, stand die Weser vor der Tür und die ganze Ernte unter Wasser.“

Das Hochwasser ist gestern etwas zurückgegangen, die Ortsfeuerwehr hat bislang einen Hochwasser-Hilfeleistungseinsatz durchgeführt: Am Dienstag pumpte sie den Keller von Rosemarie Hicks aus. „Ich hatte nicht mit dem schnellen Ansteigen der Weser gerechnet“, gesteht die Seniorin, die seit 50 Jahren am Wehrweg wohnt. Abends habe sie noch im Keller nachgesehen, morgens um 4 Uhr habe er schon halb voll Wasser gestanden. Mit Gummistiefeln watete sie durch das Nass, setzte ihre im Schacht installierten Pumpen in Bewegung. „Als diese es nach Stunden nicht geschafft hatten, das Wasser aus dem Keller zu pumpen, habe ich die Feuerwehr um Hilfe gebeten“, berichtet sie. Nach dem Absaugen des Wassers und dem Aufwischen habe sie jetzt den saubersten Keller Großenwiedens, scherzt Rosemarie Hicks. Nur etwas müde sei sie, weil sie nun nachts alle zwei Stunden nachsehe, ob alles in Ordnung sei. Da ihr Keller bei Hochwasser immer wieder in Mitleidenschaft gezogen werde, habe ihre Schwester schon prophezeit: „Wenn du später mal das Haus verkaufen willst, nimmt das keiner.“

Ortsbrandmeister Volker Struck rechnet nicht mit allzu vielen Einsätzen, sofern das Wasser nicht weiter steigt. „Die Großenwiedener sind es gewohnt, mit Hochwasser umzugehen und wissen, was sie zu tun haben, um Schäden vorzubeugen“, erklärt er. Der Wasserstand werde im Auge behalten. Kritisch könne es Sonntag oder Montag werden, wenn aus der Edertalsperre Wasser abgelassen werde. Dann stünden für den Ernstfall im Feuerwehrhaus, in dem die Pumpen selbst auf Hochtouren laufen, Sandsäcke bereit, weitere 5000 seien beim Bauhof gelagert und würden bei Bedarf sofort zur Verfügung gestellt, sagt Struck.

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Alle paar Jahre werde das Dorf von Hochwasser heimgesucht, erklärt Ortsbürgermeister Hans-Hermann Beißner und fügt hinzu: „Bislang sind wir vor größeren Schäden bewahrt worden, aber wenn das Wasser noch 50 Zentimeter steigt, sieht das anders aus.“ Er erinnert an das Jahr 1995, als etliche Keller und die Sporthalle unter Wasser standen. Damals rüstete die Feuerwehr eigens ein Löschfahrzeug mit einer Trage aus, um im Ernstfall Kranke durch das Hochwasser befördern zu können. Heute bleibe die Bevölkerung im Weserdorf ruhig, „denn Hochwasser – das kennt man ja hier“, erklärt Beißner. Ähnlich sieht das auch Astrid Dohme-Rügge: „Großenwieden kommt klar“, meint sie, „für unser Dorf gehört Hochwasser schon irgendwie dazu.“

Marie-Luise Ossenkop von der Firma OKO-tech, die hinter dem Feuerwehrhaus liegt, informiert die Kunden, dass sie nicht mit dem Auto auf das Firmengelände fahren können: „Wir holen sie von einem benachbarten Parkplatz ab.“ Über extra angelegte Hochwasserwege ist die Firma trockenen Fußes zu erreichen, wird Material zu den Lieferwagen getragen. „Wir leben mit dem Hochwasser“, so Marie-Luise Ossenkop und ergänzt: „Nur 1995 haben wir wegen des Hochwassers drei Tage lang nicht gearbeitet.“

An jenen Februar 1995 erinnert sich auch noch der Postbote, der momentan über Gartenzäune und matschige Wiesen hinweg Briefe austrägt. „Jeder wird beliefert“, sagt er, „auch wenn alles etwas länger dauert und mühsamer ist als sonst.“

Vom Hochwasser völlig eingeschlossen und nicht erreichbar ist die Sporthalle des mehr als 450 Mitglieder zählenden TSV Großenwieden. Damit entfallen Fußball, Tischtennis, Faustball und alle örtlichen Sportveranstaltungen. „Aber auch den Kindern des Kindergartens und der Grundschule steht die Turnhalle derzeit natürlich nicht zur Verfügung“, bedauert Manuela Söffker vom Vorstand des Großenwiedener Sportvereins. „Wir hoffen, dass der Sportbetrieb möglichst bald wieder aufgenommen werden kann und das Gebäude keinen Schaden genommen hat“, betont sie.



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