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Pächter sollen Hütten abreißen, die seit Jahrzehnten stehen

Kleingarten-Idylle vor dem Untergang

Lachem (ch). Am Ende des kleinen Dorfes bietet sich ein weiter Blick über die Felder, saftig grün leuchten die Wiesen, an die sich mehrere kleine Gärten anschließen. „Willkommen“, steht auf einem grünen Holzstuhl, auf dem ein Blumentopf steht. Doch das Idyll der Gartenbesitzer ist getrübt: Inmitten ihres Gartenparadieses hängt eine Abrissbirne.

veröffentlicht am 16.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 06:41 Uhr

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„Wir haben unseren Garten seit 15 Jahren hier, die Hütte stand schon vor 30 Jahren“, sagt Reinhard Meier. Flüchtlinge aus Ostpreußen hätten die Gärten nach dem Krieg angelegt. Seit Jahrzehnten stehen dort Hütten. Doch die Gärten liegen im Überschwemmungsgebiet. „Die Baumaßnahmen stehen im Widerspruch zur Darstellung im Flächennutzungsplan. Der Flächennutzungsplan weist das Grundstück als landwirtschaftliche Fläche sowie als

Überschwemmungsgebiet der Weser aus“, heißt es in den offiziellen Schreiben des Landkreises an Reinhard Meier, Martina Mull und Familie Buchholz, die Pächter der Lachemer Kleingärten. „Das ist hier unser Freizeit-Paradies“, sagt Britta Buchholz, die baulichen Anlagen seien „materiell und größtenteils auch formell illegal“, sagt der Landkreis. Ein illegales Paradies – seit Jahrzehnten – oder ein heraufbeschworenes Problem, das keines sein müsste?

Schon 2010 hatten die Pächter eine Aufforderung vom Landkreis Hameln-Pyrmont bekommen, die Hütten abzureißen. Von „nicht genehmigten baulichen Anlagen im Außenbereich“ war die Rede. Danach geschah zwei Jahre lang nichts. Die Stadt Hessisch Oldendorf hätte um einen Aufschub gebeten, um einen Alternativstandort für den Jugendtreff, der im angrenzenden Tannenwald in Lachem, ebenfalls im Überschwemmungsgebiet liegt, zu finden, so Sven Beermann, stellvertretender Pressesprecher des Landkreises. Eine Lösung fand sich jedoch nicht. Bis jetzt nicht.

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An der erhöhten Überschwemmungsgefahr, die der Landkreis als eine Begründung, weshalb keine Baugenehmigung erteilt werden könne, aufs Tapet bringt, stören sich die Gartenpächter nicht. „Alle zwei, drei Jahren haben wir mal Hochwasser. Dann haben wir einfach alles in der Hütte hochgestellt“, sagt Martina Mull. Auf Kniehöhe werden empfindlichere Gegenstände in Sicherheit gebracht, abgewartet, bis das Wasser weg ist, und gut ist.

Von den drohenden Abrissverfügungen wussten Britta und Michael Buchholz nichts, als sie 2011 in den Ebay-Kleinanzeigen die Annonce für einen kleinen Garten in Lachem fanden. Obwohl sie rund 30 Kilometer entfernt wohnen und der Abschlag von 2000 Euro für sie nicht einfach zu stemmen war, verliebten sie sich sofort in den kleinen Flecken Grün und pachteten den Garten von der Kirchengemeinde. „Wir wurden hier gleich nett aufgenommen“, sagen sie. Auch Martina Mull und Reinhard Meier freuen sich über die neuen Nachbarn. Wenn irgendwo eine helfende Hand oder ein Werkzeug fehlt, tauscht man sich aus, feiert gemeinsam, während die neunjährige Tochter Cynthia in den Kindern im Dorf neue Freunde gefunden hat. Bis im Sommer dieses Jahres das erste Schreiben des Landkreises eintrifft, das der Idylle ein jähes Ende bereitete. Mit verpflichtetem Baustopp und Abrissverfügung.

In der kleinen Holzhütte herrscht Chaos. Überall stehen Bretter rum, Regale und Schränke sind von den Wänden abgerückt, keine Stühle, Bilder oder ein Tisch, die eine wohnliche Atmosphäre schaffen könnten. Das Holz ist feucht. Nur ein buntes Kinderfahrrad steht verloren mitten im Raum. Britta Buchholz will sich in ihrer Hütte gar nicht mehr richtig umschauen. „Das sollte doch unser kleines Domizil sein“, sagt sie traurig. Doch an den Wänden entdeckte die Familie bald, nachdem sie den Garten gepachtet hatte, Schwarzschimmel, dann Asbest-Platten, die beim Bau verwendet worden waren.

„Das Zeug sollte runter“, erklärt Michael Buchholz. Das Dach wurde abgedeckt, um es zu erneuern. Vergrößern wollten sie nicht. Dann erreicht sie ein Schreiben des Landkreises: „Eine Baugenehmigung liegt nicht vor. Die Baumaßnahme ist formell illegal.“ Konsequenz: Baustopp. Das abgedeckte Dach musste offenbleiben, eine Plastikplane schützt nur unzureichend vor Wind und Regen. „Das können wir alles wegschmeißen“, sagt Britta Buchholz, mit Blick auf ihre restlichen Habseligkeiten in der Gartenlaube. Den Großteil haben sie Stück für Stück wieder abtransportiert. Die Hütte selbst soll ebenso wie die der anderen Gartenpächter Mull und Meier bis zum 31. Dezember entfernt werden, sonst droht ein Bußgeld und es wird kostenpflichtig abgerissen.

Der Jugendtreff im Tannenwald in Lachem, der an die Gärten angrenzt und ebenfalls im Überschwemmungsgebiet liegt, hat noch keine offizielle Abrissverfügung bekommen. Auf eine Anfrage der Dewezet an Landrat und Landkreis heißt es jedoch: „Auch auf dem Grundstück, auf dem sich der Jugendtreff befindet, befinden sich materiell illegal bauliche Anlagen, die beseitigt werden müssen.“ Auch eine offizielle Zusage des Landkreises, dass der Jugendtreff stehen bleiben könne, gebe es nicht, sagt Pressesprecherin Sandra Lummitsch. Man sei mit der Stadt Hessisch Oldendorf im Gespräch. Eine konkrete Lösung gebe es noch immer nicht, bestätigt auch der Hessisch Oldendorfer Bürgermeister Harald Krüger. Die Gespräche würden andauern, über Alternativmöglichkeiten war nichts zu erfahren. Die Verantwortlichen des Jugendtreffs wollten sich dazu nicht äußern.

Britta und Michael Buchholz in der Hütte in ihrem Kleingarten in Lachem. Was früher ein kleines Paradies für sie war, ist heute chaotisch, vieles ist feucht.

Hütte im Kleingarten: Nur noch eine Plane deckt den Raum ab. Fotos: ch



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