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Zunehmender Fachkräftemangel auf dem Lande – am Beispiel der BDH-Klinik

Kaum noch Bewerbungen

HESSISCH OLDENDORF. Viele Krankenhäuser beklagen einen steigenden Mangel an Ärzten und Pflegekräften. Die BDH-Klinik versucht, die Lücken durch Kräfte aus dem Ausland zu füllen. Doch auch das fällt zunehmend schwer – wegen strengerer staatlicher Anforderungen. Klinikchef Professor Jens Rollnik ist besorgt.

veröffentlicht am 20.11.2017 um 15:15 Uhr
aktualisiert am 21.11.2017 um 19:45 Uhr

Professor Jens Rollnik, Ärztliche Direktor der BDH-Klinik, ist über den Mangel an Ärzten und Pflegekräften besorgt. Foto: ah
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Annette Hensel Reporterin
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Seit fünf Jahren ist Olena Hermann, die aus einer ukrainischen Ärztefamilie stammt, Assistenzärztin an der BDH-Klinik Hessisch Oldendorf. Weil die Arbeitsbedingungen für Mediziner in ihrer Heimat schlecht sind, gab ihr eine in Deutschland lebende Verwandte den Tipp, Deutsch zu lernen. „Ich musste bei Null anfangen, habe aber richtig Gas gegeben“, erzählt sie. Per Internet erfuhr sie über Bekannte von Bekannten, dass in der BDH-Klinik – „einer sehr guten, berühmten Klinik mit sehr freundlichem Arbeitsklima“ – Ärzte gesucht werden. „Ich kam zwar aus der Inneren Medizin, doch im Studium hatte ich auch meine Leidenschaft für die Neurologie entdeckt“, erzählt die 34-Jährige. Nach gerade einmal sieben Monaten des Deutschlernens legte sie die B2-Sprachprüfung ab und freute sich, als der Ärztliche Direktor der BDH-Klinik, Professor Jens Rollnik, ihr eine Stelle anbot.

„Danach hat es drei Monate gedauert, bis ich ein Arbeitsvisum erhielt und einreisen konnte. Ohne die Unterstützung von Professor Rollnik hätte ich den bürokratischen Aufwand nicht bewältigt“, sagt Olena Hermann. „Auch wenn viel Briefverkehr mit der Ärztekammer notwendig war: Da ich die Sprachprüfung und alle Studienunterlagen vorlegen konnte, erhielt ich eine Berufserlaubnis für zwei Jahre, dann die Approbation. Das war längst nicht so kompliziert wie heute für die neuen Kollegen.“ Etwas schwierig sei anfangs die Kommunikation mit den „schnell sprechenden Oberärzten“ gewesen, „doch wenn man sich traut zu reden, lernt man schnell dazu“, sagt die Medizinerin. Längst spricht Olena Hermann fließend Deutsch, genießt die Arbeit im Klinikteam und die entspannte Atmosphäre. Auch ihre Bedenken aufs Land zu ziehen, haben sich zerschlagen: „Hier ist die Welt noch in Ordnung.“

Etwa jeder vierte Mitarbeiter in Pflege und Ärzteschaft hat laut Klinik-Geschäftsführer Uwe Janosch einen Migrationshintergrund. „Internationale Fachkräfte zu finden, funktioniert hier in erster Linie über Mund-zu-Mund-Propaganda“, erklärt Rollnik. „Mehrfach haben bei uns arbeitende ukrainische Ärzte Kontakt zu medizinischem Personal in ihrer Heimat hergestellt, auf diese Weise konnten wir Fachkräfte anwerben.“ Nur ein kleinerer Teil seien Initiativbewerbungen per E-Mail, zuletzt von zwei indischen Kollegen, die das Klinikteam mittlerweile bereichern. „Leider hat die Zahl von Initiativbewerbungen ausländischer Ärzte drastisch abgenommen, seit in Niedersachsen wie auch im Rest der Republik vor etwa zwei Jahren Sprachprüfungen eingeführt wurden, die überaus schwierig sind“, bedauert Rollnik. Reichte zuvor der Nachweis von Sprachkenntnissen auf B2-Niveau, müssen die Interessenten heute Prüfungen auf C2-Niveau ablegen, die deutlich anspruchsvoller sind. „Da gibt es eine Durchfallquote bei der Ärztekammer von rund 50 Prozent“, weiß Rollnik und betont: „Sicher ist es richtig und wichtig, Sprachkenntnisse für Ärzte und anderes Fachpersonal zu fordern, aber die hohen Hürden in Deutschland schrecken sehr deutlich spürbar ausländische Bewerber ab.“ Problematisch ist seiner Meinung nach, dass man selbst als Arbeitgeber beim Niedersächsischen Zweckverband zur Approbationserteilung kaum durchkommt, um die Dinge zu beschleunigen. „Denn wenn die Ärzte jene Sprachhürde überwunden haben, müssen sie meist in ihr Heimatland zurückkehren, um bei der dortigen Botschaft eine Arbeitserlaubnis zu beantragen. Dadurch vergeht oft ein Dreivierteljahr, bevor sie hier arbeiten können“, berichtet Rollnik und kritisiert: „Die Kliniken werden mit dem Integrationsaufwand weitestgehend alleingelassen. Für die Zeit, in der sich die Kandidaten auf die Sprachprüfung bei der Ärztekammer fit machen, müssen wir für Unterkunft, Verpflegung und eine gewisse finanzielle Unterstützung sorgen – das dauert, bis sich diese Investitionen wirklich auszahlen.“ Und natürlich gebe es auch Bewerber, die in der BDH-Klinik hospitieren, sich nach Erteilung der Approbation dann aber dafür entscheiden, nicht auf dem Lande, sondern lieber in der Großstadt zu arbeiten. „Dann hat man den ganzen Aufwand für nichts und wieder nichts betrieben“, meint Rollnik. Er meine, „dass man nur aus einer Position der Stärke heraus Forderungen stellen kann. In puncto Fachkräftemangel ist Deutschland aber im Wettbewerb mit anderen Ländern in Europa und Übersee mit solchen Hürden deutlich unattraktiver geworden.“ Der Fachmann kann das mit Zahlen belegen: „Vor Einführung der C2-Sprachprüfung erhielt ich täglich bis zu fünf Initiativbewerbungen, jetzt gibt es Monate, in denen sich nicht ein ausländischer Bewerber bei uns meldet.“

Ethisch findet es der Neurologe nur schwer vertretbar, „dass wir als wohlhabendes, modernes Industrieland nicht in der Lage sind, für ausreichenden Ärztenachwuchs zu sorgen. Die aus dem Ausland angeworbenen Ärzte fehlen ja in ihren Herkunftsländern, Deutschland lebt auf Kosten wesentlich ärmerer Staaten. Das muss uns als Gesellschaft auch beschämen.“

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich die Gesamtzahl der Medizinstudienplätze 1988, als Jens Rollnik sein Studium aufnahm, im Vergleich zu 2016 nur unwesentlich verändert. „Das bedeutet, dass heute im wiedervereinigten Deutschland in etwa die gleiche Zahl an Studienplätzen vorgehalten wird wie 1988 allein in Westdeutschland – das kann doch nur zu einem Mangel führen“, so Rollnik. „Daran ändern die zusätzlich geplanten 200 Studienplätze in Niedersachsen kaum etwas, die von SPD und CDU vorgeschlagen wurden. Ich halte das für einen Tropfen auf den heißen Stein…“

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