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In „Sagen Se noch was, Herr Mork“ erzählt ein pensionierter Postbote Anekdoten aus seinem Berufsalltag

Ja, gebissen wurde er auch

Krückeberg. Telegramme aufnehmen, Zeitungsgeld, Paketzustell- und GEZ-Gebühren einkassieren, Renten auszahlen, Briefkästen leeren und dabei Kondome oder auch einen Ehering herausfischen: Das alles gehörte einst zum Alltag eines Postboten wie Manfred Mork (66), der sich Tag für Tag mit zwei Ledertaschen (für „Langholz“ wie Zeitungen und dem „Handleder“ für Kurzbriefe) auf den Weg machte. Im Stadtgebiet ist er noch heute bekannt wie ein bunter Hund, schließlich war der gebürtige Krückeberger 35 Jahre lang auf beiden Seiten der Weser unterwegs.

veröffentlicht am 18.02.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 10:36 Uhr

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Autor:

Annette Hensel
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Mal befördert der „fahrende Schalterbeamte“ in seinem Postkäfer das Holzbein für einen Prothesenträger, mal Einkäufe aus dem Tante-Emma- Laden für Senioren. „Ach, der Postbote ist da – können Sie mal mit anfassen?“, wird er öfter gefragt, holt einer älteren Dame dann beispielsweise Kohlen aus dem Schuppen. Auf einer Tour durch Fischbeck muss er sogar dabei behilflich sein, einen gewichtigen Toten in den Sarg zu legen.

Sein Leben

lang hat er Tagebuch geführt

Wenn einer so viel herumkommt, kann er viel erzählen, und wenn er zudem sein Leben lang Tagebuch geführt hat, fällt es ihm nicht schwer, seine Erlebnisse aufzuschreiben. So reagiert Manfred Mork begeistert, als er erfährt, dass das Seniorenbüro in Hessisch Oldendorf das Schreibprojekt „Erlebtes vor dem Vergessen bewahren“ anschiebt.

Weil seine umfangreiche Niederschrift darin keinen Platz findet, will es Mork erst recht wissen und erweitert seine „Zeitreise durch ein bewegtes Leben“ auf 300 handgeschriebene Seiten. In „Sagen Se noch was, Herr Mork“ erzählt der Pensionär zahlreiche Anekdoten aus seinem Berufsalltag, bei denen natürlich auch des Postboten „bester Freund“, der Hund, Erwähnung findet.

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Einmal stürmen beim Post-Austragen in Wickbolsen gleich acht bellende Hunde auf Mork zu. Er schreibt: „Wohin? Die Tür des Postautos hätte ich nie und nimmer auf bekommen! Also sprang ich über die Motorhaube und blieb wie angewurzelt auf dem Autodach stehen.“ Angesichts eines unbekannten Schäferhundes beschließt der mehrfach auf seinem Dienstweg von Vierbeinern Gebissene ein anderes Mal, sein Fahrzeug nicht zu verlassen. Um schmerzhaften Begegnungen vorzubeugen, führt die Post sogenannte Merkkarten mit Anschrift der Halter und Namen der beißfreudigen Hunde, etwa „Prinz, Terrier, Kreuzung aus Kamel und Kohlenkasten.“

Morks mit 115 Fotos versehenen Aufzeichnungen geben zugleich einen Einblick in die Geschichte der Deutschen Bundespost: Er berichtet von den Abgabestellen der verplombten Postbeutel, etwa bei der Firma Bothmann in Hessisch Oldendorf, von Zusammenlegungen und Umstrukturierungen.

Beim Lesen wird schnell deutlich, dass Mork nicht nur kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern auch den Humor liebt. So kommt er auf die Idee, Aprilscherze zu verfassen, die in der Tagespresse veröffentlicht werden – wie am 1. April 1981: „Seit Jahrhunderten verwittert eines der schönsten Naturdenkmale im hiesigen Raum, der Hohenstein. Dieser Entwicklung soll nun endlich Einhalt geboten werden, was durch ein Verklinkern des Hohensteins erreicht werden kann. Offen ist lediglich noch die Frage der Farbe…“ Vier Jahre später folgt die Ankündigung, dass Hessisch Oldendorf endlich ein Hallenbad bekomme.

Auf seiner Zeitreise lässt der Zweitgeborene einer siebenköpfigen Familie, die weder Auto noch Kühlschrank besitzt, die Leser auch teilhaben an seinem Privatleben. Er nimmt sie mit in seine Kindheit, lässt längst vergessene Orte und Begebenheiten wiederaufleben, die vor allem Alteingesessene nicht unberührt lassen werden. Er erzählt von den „Schätzen“ aus den Schuttkuhlen der Umgebung, vom Fußballspiel mit der „roten Gumminille“ oder der Volksschulzeit in Weibeck. Er erinnert an Gemeindediener Ellebracht, der mit der Metalltröte „Tollwut“ verkündete, an das Buchenknaster-Paffen und den Duft und Geschmack der Kartoffeln aus der Hemeringer Dämpferei.

Modetrends, erste Liebe, Autos: Mork, der 1977 als Jägermeister-Fotomodell im „Gong“ abgelichtet war, lässt nichts aus. Manchmal geht ihm auf den 199 Buchseiten der rote Faden verloren, weil er eben so schreibt, wie er sprechen würde – Zeitsprünge inklusive.

Für 25 Euro ist „Sagen Se noch was, Herr Mork“ bei Harders Druckservice in Hameln, Telefon 05151/781018, erhältlich.



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