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Gut fürs Klima – schlecht für Tiere?

In Hessisch Oldendorf wird viel regenerative Energie produziert

HESSISCH OLDENDORF. Das Ziel einer energie-autarken Stadt oder sogar über den Eigenbedarf hinaus zu produzieren, erscheint erreichbar: Ein großer Teil des Stroms wird in Hessisch Oldendorf regenerativ erzeugt: 2016 waren es 71 Prozent. Für die Kohlenstoffdioxid-Bilanz ist das positiv.

veröffentlicht am 29.08.2018 um 17:23 Uhr
aktualisiert am 29.08.2018 um 18:13 Uhr

Besonders im Bereich Fotovoltaik ist Hessisch Oldendorf gut aufgestellt. Foto: dana
Jens Spickermann

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Wer an Hessisch Oldendorf und Fischbeck über die Bundesstraße 83 vorbeifährt, dem fallen die beiden großen Solarkraftwerke auf. Der erste Eindruck täuscht nicht: Besonders im Bereich Fotovoltaik ist die Stadt gut aufgestellt. 19 Prozent der in der Stadt benötigten Energie wird durch private oder gewerbliche Solaranlagen produziert. Verglichen mit mehreren anderen Städten im Landkreis ist der Anteil in Hessisch Oldendorf damit am höchsten. So geht es aus einer Statistik der Westfalen Weser Energie GmbH & Co. KG hervor.

In den letzten Jahren ist der Anteil des CO2-neutral erzeugten Stroms in Hessisch Oldendorf von 54 Prozent (2013) auf 71 Prozent (2016) angestiegen, obwohl er im Vergleich mit manchen Nachbar-Kommunen immer noch deutlich geringer ausfällt. Allerdings ist der Anteil in Hessisch Oldendorf immerhin doppelt so groß wie im bundesweiten Schnitt. Für den Klimaschutz ist das erfreulich, aber die ökologischen Auswirkungen von Biogasanlagen und Windkraftwerken geraten immer wieder in die Kritik von Naturschutzverbänden.

Der Hessisch Oldendorfer Nabu-Vorsitzende Oliver Nacke spricht sich deswegen dafür aus, zwar eine Energie-Autarkie anzustreben, aber nicht mehr Energie regenerativ zu erzeugen, als es rechnerisch für die Versorgung der Stadt erforderlich wäre.

Zwar wird in Hessisch Oldendorf doppelt so viel Energie regenerativ erzeugt wie im bundesweiten Vergleich. Landkreisweit liegt der Anteil aber eher im unteren Bereich. Mit 524 Prozent – also mehr als des Fünffachen – des eigenen Verbrauchs ist er in Coppenbrügge am höchsten. Dort zeigt sich: Vor allem durch eine hohe Anzahl von Windkraftwerken (24) ist viel machbar. In Emmerthal ist die Produktion mit 24 Prozent am geringsten; Aerzen befindet sich mit 74 Prozent auf einem ähnlichen Niveau wie Hessisch Oldendorf.

Dort wo besonders viel Energie regenerativ produziert wird, geschieht das überwiegend durch Windkraft, die in Hessisch Oldendorf nur acht Prozent ausmacht. Die zum Teil weit über 100 Prozent liegenden EEG-Anteile sind möglich, weil der produzierte Strom nicht in der jeweiligen Kommune verbraucht wird, sondern ins Netz eingespeist und überregional gehandelt wird. Es handelt sich also um rein rechnerische Werte.

Den anderen Kommunen nachzueifern und massiv in den Ausbau der Windenergie zu investieren, hält Nacke allerdings für keine gute Idee. Windkraftwerke gefährdeten Tierarten wie den Rotmilan, der regelmäßig von den Rotorblättern erfasst werde. Der Nachteil von Biogasanlagen sei, dass sich dafür angelegte Mais-Monokulturen negativ auf die ökologische Vielfalt auswirken. „Ergibt es Sinn, diese Risiken auf sich zu nehmen, wenn es am Ende eine Überproduktion gibt?“, fragt der Nabu-Vorsitzende und Geschäftsführer des Biogasanlagen-Herstellers Archea und hat die Frage für sich selbst schon beantwortet. Er hält das für „nicht verantwortbar“.

Sofern in einer Kommune über den Eigenbedarf hinaus produziert wird, ist der Strom natürlich nicht unnütz, sondern er wird ins Netz eingespeist und Teil des deutschlandweiten Energie-Mixes – ist also wertvoll für den Klimaschutz. Andererseits entsteht immer wieder Unmut darüber, dass vor allem in Norddeutschland Windkraftanlagen förmlich aus dem Boden schießen, während sie im Süden deutlich seltener sind.

Wie ist der Widerspruch zwischen Klimaschutz und Artenschutz also zu lösen? „Man muss nicht immer weiter ausbauen, sondern intelligent verbinden“, sagt Nacke. Er plädiert für eine virtuelle Vernetzung der Kraftwerke. Wenn gerade die Sonne scheint und der Wind weht, sollten seiner Meinung nach die Biogasanlagen die Stromeinspeisung zurückfahren und das Gas stattdessen in Behältern speichern. So solle erreicht werden, dass die Stromproduktion zu keinem Zeitpunkt über 100 Prozent des Eigenbedarfs liegt. Damit Biogasanlagen umweltverträglicher werden, könnte künftig der Grünschnitt von Wildblumen-Wiesen, die ohnehin für den Insektenschutz angelegt werden sollen, als Gärmaterial verwendet werden, erklärt er. Mit verschiedenen Akteuren habe er schon über die Idee gesprochen.

Bei manchen Bürgern, die die Nachbarschaft zu Windkraftanlagen nicht gerade schätzen, dürfte das gut ankommen. Der lokale Beitrag zum Klimaschutz würde dadurch aber geringer.

Mein Standpunkt
Jens Spickermann
Von Jens Spickermann

Auch Windkraftwerke und Biogasanlagen sind Industrieanlagen, die auf unterschiedliche Weise die Umwelt belasten. Fossile Energieerzeugung oder Atomkraft sind jedoch schlechte Alternativen mit deutlich drastischeren Auswirkungen. Wenn sich Hessisch Oldendorf und Umland-Gemeinden zu Vorreitern in der alternativen Energieerzeugung entwickeln, ist das deswegen vor allem positiv.



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