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Folgen jahrhundertelanger menschlicher Eingriffe sollen den Kräften der Natur weichen

Im Süntel wächst ein Urwald

HESSISCH OLDENDORF. Vor etwa eineinhalb Jahren wurde auf dem Höhenzug ein Vollschutzgebiet ausgewiesen – nach dem Harz das größte in Niedersachsen. Durch die natürlichen Mechanismen von Konkurrenz und Selektion soll der Forst nun von allein zu einem „Urwald von morgen“ werden.

veröffentlicht am 17.05.2019 um 07:00 Uhr

Große Teile des Süntels bleiben sich selbst überlassen, sodass sie sich langfristig zu einem Urwald entwickeln können. Foto: dana
Jens Spickermann

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Jens Spickermann Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Ruhe, Frieden und Harmonie – diese Begriffe verbinden Naturfreunde und Romantiker mit dem Wald. Ein einziges „Hauen und Stechen“ sieht dort hingegen Forstamtsleiter Christian Weigel. Ihn erfreuen zwar schöne Wald-Fotografien – doch anders als der Laie bemerkt Weigel bei seinen Rundgängen durch den Forst, wie Tiere und Pflanzen in einem erbitterten Kampf um lebenswichtige Ressourcen konkurrieren. Genau diese Vorgänge sind ausschlaggebend dafür, dass sich im Süntel der „Naturwald“ entwickeln kann: Vor etwa eineinhalb Jahren wurde auf dem Höhenzug ein Vollschutzgebiet ausgewiesen – nach dem Harz das größte in Niedersachsen. Durch die natürlichen Mechanismen von Konkurrenz und Selektion soll der Forst nun von allein zu einem „Urwald von morgen“ werden.

Über Sinn und Zielsetzung des Vollschutzgebietes hat Weigel am Donnerstagabend einen Vortrag im Kultourismusforum gehalten. Aus seinen Berichten wird auch deutlich: Zu einem richtigen „Urwald“ wird sich das Schutzgebiet im Süntel auf absehbare Zeit nicht entwickeln. Die Ausbildung eines Naturraumes, wie er vor den menschlichen Eingriffen in der Region vorherrschte, wird sich nämlich über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinziehen. Weigel spricht lieber von „urwaldartigen Strukturen“, die nach und nach auf dem Süntel heranwachsen werden. In der aktuellen Anfangsphase dieser Entwicklung greifen die Förster noch bis 2020 in geringem Umfang ein, indem sie Bäume wie Lärchen entfernen, die in diesem Naturraum eigentlich nicht heimisch sind. Die Frage, die nun manchen umtreibt, ist jedoch: Werden heute lebende Menschen im Süntel noch einen wirklich naturbelassenen Wald erleben können?

„Es ist klar, wir leben hier in einer Kulturlandschaft“, sagt Weigel. Über Jahrhunderte – ja, sogar Jahrtausende – haben die Menschen den Wald nach ihren Bedürfnissen geformt. Faktoren wie der Eintrag von Stickstoff durch die angrenzende Landwirtschaftschaft werden auch zukünftig noch das Ökosystem beeinflussen. So schnell wird sich der Wald daher nicht auf den Stand vorchristlicher Zeit zurückentwickeln.

Schon die Bevölkerung in vorrömischer Zeit hatte ein Interesse daran, dass im Wald viele Eichen wachsen, weil deren Samen als Futter für die Schweine dienten, weiß Weigel. Trotzdem ist die Absicht, die Natur so lange sich selbst zu überlassen, bis auf dem Süntel wieder der ursprüngliche Wald von vor 2000 Jahren wächst. Von den heute lebenden Menschen werden aber nur die Jüngeren noch an bestimmten Stellen wie dem Totental die ersten „urwaldartigen Strukturen“ beobachten können. Innerhalb der nächsten 40 bis 50 Jahre werde sich dort schon einiges verändern, meint Weigel. Die Verwandlung in einen richtigen Urwald wird aber auch von den Jüngeren niemand mehr erleben.

Trotzdem steht hinter der Initiative nicht nur ein Naturschutz- sondern auch ein Forschungsinteresse. „Man will sehen, wie sich Wälder unter natürlichen Bedingungen entwickeln“, sagt Weigel. Zunächst werde sich in den älteren Beständen wohl eine größere Menge Totholz anfallen, weil kranke und abgebrochene Bäume nicht mehr gefällt werden. Zudem werden sich zunehmend die „stärksten“ Bäume durchsetzen, die beim Wettstreit um das Licht dominieren und nicht mehr die qualitativ hochwertigen gerade gewachsenene Bäume, die durch forstwirtschaftliche Maßnahmen im Regelfall begünstigt werden.

Keine forstwirtschaftlichen Eingriffe – das bedeutet auch kein wirtschaftlicher Ertrag für das Forstrevier. Doch Weigel selbst hat den Süntel als Schutzgebiet vorgeschlagen, denn Uhu und Rotmilan sind hier heimisch; zudem gibt es im Süntel einige endemische Pflanzenarten – die also nur dort vorkommen und sonst nirgendwo. „Von daher ist der Süntel etwas ganz Besonderes“, erzählt Weigel.

Ob der Urwald letzlich gedeihen wird, hängt wesentlich vom Verhalten kommender Generationen ab. Falls sich außerdem irgendwann ein krankheits- oder parasitenbedingtes Massensterben im Wald ausbreiten sollte, müssten die Förster doch wieder eingreifen, um die angrenzenden Bestände zu schützen. Einen noch nicht absehbaren Einfluss dürfte dabei auch der Klimawandel haben. Ein Vorgeschmack darauf bot sich im letzten Sommer mit einer Borkenkäferplage, die durch die extreme Trockenheit begünstigt wurde. Beim Anblick der entstandenen Schäden kann dann auch Weigel ein bisschen emotional werden, ganz ohne ein Waldromatiker zu sein. Wenn jahrzenhtelange Arbeit seiner Vorgänger so zerstört wird, „dann können einem schon finstere Gedanken kommen“, sagt Weigel.



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