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Stadt will muslimische Beerdigungen in Hessisch Oldendorf ermöglichen / Viele Türken begrüßen das

„Ich möchte lieber hier bestattet werden“

Hessisch Oldendorf. „Die Beerdigung ist die letzte Pflicht einer muslimischen Familie ihren verstorbenen Angehörigen gegenüber.“ Hatice Sert ist 49 Jahre alt. Sie ist Muslima und lebt in Hessisch Oldendorf. „Es ist bei uns Tradition, dass die hier lebenden Verwandten den Leichnam zur Bestattung zurück in die Heimat bringen.“

veröffentlicht am 02.01.2015 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 08:22 Uhr

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Autor:

VON ANNETTE HENSEL
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So lief es bislang immer für die Muslime in Hessisch Oldendorf. Doch das soll sich ändern. Auf Anregung von Ahmet Sönmez, der im Seniorenbeirat der Stadt sitzt, wird derzeit die Friedhofssatzung überarbeitet. Der Entwurf sieht vor, Muslimen die Bestattung ihrer Angehörigen auch in der Kernstadt zu ermöglichen (wir berichteten).

Doch wie reagieren die Mitglieder der Moscheegemeinde „Yesil Cami“ in Hessisch Oldendorf? Ozan Recep (67) lebt seit 41 Jahren in Deutschland, seine Eltern haben in der Türkei ihre letzte Ruhestätte gefunden, seine Familie wohnt in Hessisch Oldendorf. „Ich finde es gut, dass wir zukünftig die Wahl haben und es zwei Möglichkeiten geben wird, wo wir unsere verstorbenen Angehörigen beerdigen können.“ Und er fügt hinzu: „Ich möchte lieber hier bestattet werden, wo mein Sohn und meine Enkel zu Hause sind, sie können nicht jedes Jahr Urlaub in der Türkei machen und dort auf den Friedhof gehen.“

„Wir haben in der Türkei ein Familiengrab – allerdings ist der Gedanke, dort beerdigt zu werden, schon etwas komisch, weil unsere Kinder hier leben“, sagt Hatice Sert. „Wichtig ist jedoch, dass man nicht vergessen wird und die Angehörigen weiter für einen beten.“

„Es ist sinnvoll, dass die Änderung der

Satzung in Arbeit ist.“

„Ich finde es gut, dass Muslime zukünftig hier auf dem Friedhof bestattet werden können, letztendlich muss aber jeder selbst entscheiden, wo er seine letzte Ruhe findet“, meint Hatice Teke (46). Und Ahmet Sönmez’ Tochter Sevcan (31), die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, gesteht: „Ich habe mich mit dem Thema noch nicht so auseinandergesetzt.“ Sie meint aber: „Nicht die Erde, unter der man bestattet wird, ist wichtig, sondern dass man nach den Ritualen seines Glaubens beerdigt wird. Ich vermute, meine Generation und unsere Nachkommen werden das Angebot, verstorbene Angehörige in Hessisch Oldendorf zu bestatten, viel mehr als die Älteren in Anspruch nehmen – und doch ist es gut, dass die Wahl zwischen beiden Möglichkeiten bleibt.“

„Es ist sinnvoll, dass die Änderung der Friedhofssatzung in Arbeit ist, ich denke, viele werden froh darüber sein“, sagt Ümrat Öz und fügt hinzu: „Ich selbst weiß allerdings nicht, was ich mir für mich wünschen würde – ich müsste da mal mit meinen Kindern drüber reden.“

Und wie verläuft eine muslimische Bestattung? „Bei uns wird alles über den Ditib-Beerdigungshilfe-Fond geregelt, sofern man bei der Ditib Mitglied ist und seinen Beitrag bezahlt“, sagt Sevcan Sönmez. Ditib ist die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion. Der Verein arbeitet als bundesweiter Dachverband für die Koordinierung der religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten der angeschlossenen türkisch-islamischen Moscheegemeinden.

„Für meine Mutter war es besser, dass das Grab

so weit entfernt lag.“

Sevcan Sönmez fährt fort: „Im Unterschied zu Deutschland haben wir in der Türkei keine Bestattungsunternehmen, die sich um alles kümmern. Wenn wir einen Todesfall in der Familie haben, melden wir ihn bei der Ditib, die alle Formalitäten für die Überführung und Bestattung sowie die Kosten für zwei Flugtickets in die Türkei, für den Leichnam und eine Begleitperson übernimmt.“ Wer kein Ditib-Mitglied sei, müsse mit Angehörigen, die in der Türkei lebten, alles selbst organisieren. Hatice Sert sagt: „Sofern es von der Entfernung her möglich ist, besuchen Muslime dann traditionell jeweils einen Tag vor dem Zucker- und dem Opferfest ihre Verstorbenen am Grab.“ Ansonsten werde im Koran gelesen und den Toten ein Gebet geschickt.

Vor gut 35 Jahren war die Organisation einer muslimischen Beerdigung noch komplizierter, sagt Ümran Öz (51), deren Bruder 1979 kurz nach seinem 18. Geburtstag gestorben ist. „Wir mussten damals noch zum Konsulat nach Hannover, um uns die Bestattung in der Türkei genehmigen zu lassen“, erzählt sie.

Ihre Mutter sei drei Monate lang in der Türkei geblieben, habe jeden Tag das Grab besucht, bis sie zurückkehren musste, um sich wieder um die Familie zu kümmern. „Letzt-endlich war es für meine Mutter besser, dass das Grab meines Bruders so weit entfernt lag, so fand sie leichter in den Alltag zurück“, fügt sie hinzu.

Dies Artikel können Sie im Internet auch auf Türkisch lesen:

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