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Kehrtwende in der Schulpolitik: CDU/FDP-Koalition setzt auf Verzahnung / Kurssystem wie in der Orientierungsstufe

Haupt- und Realschüler sollen bald gemeinsam lernen

von Dorothee Balzereit

veröffentlicht am 09.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 00:21 Uhr

In der Computer AG lernen Haupt- und Realschüler bereits gemeins
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Hessisch Oldendorf/Niedersachsen. Unser Konzept hat allein wegen der Schlichtheit mehr Charme“, begründete CDU-Kultusminister Bernd Busemann einst die Rückkehr zum dreigliedrigen System und sagte über die Orientierungsstufe (OS): „Niemand in diesem hohen Haus trauert dieser Schulform wirklich nach.“

Das war 2003. Inzwischen drohen durch den demografischen Wandel und drastisch sinkende Schülerzahlen an der Hauptschule vielerorts Schulschließungen. Vor allem die kommunalen Spitzenverbände fordern die konsequente Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen, um die Kommunen zu stärken. Der Druck von außen ist angekommen: Die CDU/FDP-Koalition will gemeinsamen Unterricht für Haupt- und Realschüler. Ein entsprechender Erlass ist auf dem Weg.

Er sieht vor, dass zusammengelegte Haupt- und Realschulen im Sekundarbereich mit integrativen Elementen entwickeln können. Auf gut Deutsch: Von Klasse 5 bis einschließlich 8 können die Schüler, außer in Mathematik, Deutsch und Englisch, gemeinsam lernen. Wahrscheinlich ist auch, dass die Kinder der Klassenstufe 5 und 6 auf Antrag bald auch in den Kernfächern im Kurssystem zusammen lernen. Das sagt Karl-Heinz Klare, Mitglied des Landtages und stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion.

Der ehemalige Schulamtsdirektor und Nachfolger von Ursula Körner (CDU) gilt als Fachmann für Kultusfragen. Klare geht davon aus, dass der Erlass am 1. August 2010 in Kraft tritt. Die erweiterte Zusammenarbeit sieht vor, tragfähige Lerngruppen zu bilden, wenn sich nur wenige Hauptschüler anmelden. Flexible Schulen könnten so in den Hauptfächern A- und B-Kurse einrichten, sagt Klare. Ähnlich wie in der viel kritisierten OS, nur dass es zwei statt drei Abstufungen im Kurssystem gibt.

„Natürlich begrüße ich den Erlass”, sagt Günter Höfelmann, Leiter der Hauptschule am Hohenstein. „Pädagogisch ist das sinnvoll. Gerade in den unteren Klassen gibt es in der Hauptschule keine Zugpferde mehr.” Abzuwarten bleibe die praktische Umsetzung, denn auf das nötige Mehr an Lehrerstunden in den Kernfächern folge die Frage: „Wo soll gekürzt werden?”

Sinnvoll wäre, den Schulen zugleich die Möglichkeit für ein verpflichtendes Ganztagsangebot zu geben, sodass mehr Angebote erstellt werden könnten, sagt Höfelmann. Den Erlass erstmal abwarten will dagegen Ottmar Framke, Leiter der Wilhelm-Busch-Realschule. „Bei einer Schule, für die es nur noch fünf Empfehlungen gibt, mag das sinnvoll sein, aber bei funktionierenden Haupt- und Realschulen habe ich meine Zweifel.”

Wenn das Land der Schule hilft, die notwendige Stundentafel zu erstellen, hält auch Schulausschussvorsitzender Karl-Heinz Brandt (SPD) den Erlass „für einen guten Weg”. Auch für Hessisch Oldendorf, wo die Haupt- und Realschule 2011 zusammengelegt werden sollen. Er sieht in dem Modell keine verkappte OS, sondern eher eine getarnte IGS ohne Gymnasium.

„Das ist ein Riesenschritt”, betont Karl-Heinz Klare, der diese Entwicklung nach eigener Aussage massiv vorangetrieben hat – „auch gegen erbitterte Widerstände“. Er geht sogar davon aus, dass die Zusammenarbeit auch nach der 8. Klasse auf Antrag fortgeführt werden könne.

„Der eigenständige Bildungsauftrag muss erhalten bleiben”, sagt dagegen Ursula Körtner. Während sie sich eine engere Zusammenarbeit in dem einen oder anderen Kernfach durchaus vorstellen kann, müssten die Schüler in den höheren Klassen den Weg ihrer Schulform verfolgen. Eine Zusammenarbeit in dieser Stufe – „das wollen die Eltern und der Elternrat nicht”, sagt Körtner.

Ob sie es wollen oder nicht, das wird sich im Januar zeigen: Dann nämlich steht im Landtag die Änderung des Grundsatzerlasses zur Debatte. Dann müssen Landeseltern- und Schülerrat sowie die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft eine Stellungnahme abgeben, die „in den Erlass eingearbeitet wird“, so der Sprecher des Kultusministeriums.

Manch einem geht das nicht weit genug: Eine Zusammenarbeit wie in der Gesamtschule sei zu diskutieren, findet das Benser Kreistagsmitglied Torsten Schulte (Grüne), ob man mit einem Kurssystem das Ziel erreicht, bezweifelt er indes. „Damit hat man bei Migranten beispielsweise nicht viel gewonnen”. Auch Karl-Heinz Brandt, in Salzhemmendorf Leiter der KGS, fände es grundsätzlich besser, an allen Schulen alle Abschlüsse zu ermöglichen. „Die meisten Hauptschüler gehen ja nach ihrem Abschluss sowieso weiter zur Schule.” Mehr Durchlässigkeit bedeute auch für die Hauptschule mehr Schüler, mehr Differenzierung und somit mehr Qualität. Und das sei bitter nötig, denn an einigen Standorten sehe es für die Hauptschule ziemlich düster aus. Er gibt auch zu bedenken, dass in Schaumburg, in allen Sekundarstufen 1 die IGS genehmigt worden sei.

Selbst bei Heinrich Fockenbrock, der bisher klar das dreigliedrige Schulsystem in Reinform favorisierte, ist von einer inhaltlichen Änderung die Rede: „Gerade im ländlichen Bereich sind Haupt- und Realschulen nicht nur organisatorisch zusammenzuschließen, sondern ist mit einem differenzierten Unterrichtsangebot zur Förderung der Schüler eine inhaltliche Änderung vorzunehmen“, sagt der FDP-Politiker.

„Ich bin auch nicht gegen eine KGS oder IGS“, sagt Fockenbrock, „aber die Eltern müssen diese Schulform auch wollen, das ist das Entscheidende.” Allerdings setze die FDP auch darauf, dass es zu einer verstärkten Zusammenarbeit der Haupt- und Realschulen mit den Berufsbildenden Schulen kommt, um den Schülern eine entsprechende berufliche Orientierung zu geben oder einen weiteren Abschluss an den Fachgymnasien zu erreichen.

Die Verzahnung der Berufsschule vor allem mit der Hauptschule ist ein Ziel der CDU/FDP-Koalition, dass das Profil dieser Schule stärken sollte. Den Elternwillen scheint das allerdings bisher nicht beeinflusst zu haben – die Hauptschule ist dadurch nicht beliebter, die Zahl ihrer Schüler weiterhin rückläufig.

Kommentar Überraschende Rolle rückwärts

Es brennt. Der Druck, endlich zu handeln, muss enorm groß sein. Man mache sich bewusst: Eine konservative Landesregierung, die bisher gegen alle Widerstände strikt am dreigliedrigen Schulsystem festgehalten hat, entschließt sich plötzlich für eine – zumindest für Niedersachsen – spektakuläre Rolle rückwärts. Dabei haben die Politiker keine Hemmungen, ein Modell, das frappierende Ähnlichkeit mit der viel gescholtenen Orientierungsstufe hat, wieder aus der Schublade zu holen. Dahinter steht jedoch nicht der Mut zu einem ideellen Wandel aufgrund von schulpolitischer Einsicht, als vielmehr die Konsequenzen der demografischen Entwicklung im Lande. Dazu kommt die zunehmende Unlust, die Kosten für die Lehrerbedarfe an den Hauptschulen abzudecken. Klassengrößen mit einstelligen Schülerzahlen sind dort keine Seltenheit mehr. Es rächt sich, dass man den großen Imageschaden der Hauptschule über lange Zeit für reparabel gehalten hat, und die Notwendigkeit, jene zu erhalten, immer aufs Neue beschwor. Dass der Run auf das Gymnasium noch größer wird, ist zu erwarten. Deshalb ist es wichtig, nicht nur populistische Akzente zu setzen, sondern gleich Nägel mit Köpfen zu machen und die Hauptschule gleich ganz zu integrieren anstatt in ein oder zwei Jahren. Denn das ist für Schüler, Lehrer und Eltern das Ärgerlichste: das ewige Hin und Her.

d.balzereit@dewezet.de



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