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Martin Zingsheim glänzt mit messerscharfem Wortwitz

Geheimnisvoll, hintersinnig und herrlich unangepasst

Hessisch Oldendorf. Martin Zingsheim fällt gern mal mit der Tür ins Haus. Genauer gesagt schafft er es von der ersten Sekunde an, sein Publikum zu fesseln, selbst dann, wenn er diesen Abend als nordkoreanische Parlamentssitzung deklariert. „Ich bin ja hier, um endlich einmal über die Missstände zu sprechen, die andere gar nicht erst anzusprechen wagen. Das ganze Kabarettgedöns eben.“ Doch von Gedöns keine Spur. Sein „Kopfkino“ wird im Kultourismusforum mit dem humoristischen Stilett serviert und nicht mit dem ungleich derberen Degen. Zingsheim sieht Sprache als persönliche Herausforderung und spielt mit Worten. Und die bringt er dermaßen virtuos über die Bühnenbretter, dass kaum ein Auge trocken bleibt. Sich selbst sieht er als in die Jahre gekommenen Filmhelden der Mystery-Schmonzette „Akne X“ – geheimnisvoll, hintersinnig, treffsicher und herrlich unangepasst. Daraus klöppelt Zingsheim einen unglaublich perfekten Kabarettabend fernab jeglicher Plattheiten. Der ist naturgemäß völlig verkopft, aber genau das macht ja „Kopfkino“ bekanntlich aus. Sein messerscharfer Witz erschließt sich nur demjenigen, der genau zuhört. Als erklärter Anhänger einer selbst auferlegten philosophischen Denkweise, die er als radikalen Konstruktivismus im Gegensatz zur ungleich bekannteren schwedischen Ikea-Ausrichtung sieht, feuert Zingsheim im Sekundentakt Wortkapriolen ab, die nachhaltig das Zwerchfell erschüttern. Und so ganz nebenbei ist der 30-Jährige auch noch ein begnadeter Pianist und Komponist, der mal eben als typisches Kind der 1990er Jahre alle Hits dem Publikum um die Ohren schleudert, die dieses Jahrzehnt kennzeichnen. Er beherrscht sein Instrument perfekt, wettert aber genüsslich über die Klassik-Szene, die sich selbst als Markt der Eitelkeiten mit Aufführungen extrem toter Menschen feiert. Gleiches gelte übrigens auch ansatzweise für die aktuelle Politik, wie er weiter ausführt, denn manche Koalitionsverhandlungen mutieren bei ihm schnell mal zu Sedierungsgesprächen. Köstlich obendrein seine Hommage an das „Enfant terrible“ der Exzentrik-Diva Klaus Kinski, der mit den berühmten Worten „Noch einen Wunsch, Mylady“ in diversen Edgar-Wallace-Filmen den augenrollenden Psychopaten gab. Und wenn der schließlich auf „Gutmensch“ und Liedermacher Ikone Hermann van Veen trifft, der sich mit brechreizender Betroffenheitslyrik hart am Rande des musikalisch Erträglichen bewegt, dreht Zingsheim noch einmal gehörig an der Wortwitzschraube mit pointierter Gestik und ausgefeilter Mimik. „Es ist wichtig, eine Meinung zu haben, wenn es auch nicht meine ist“, stapelt er immer wieder absolut tief. Eine Meinung hat er ohne Zweifel, wechselt rasant wie ein Chamäleon Farbe und gedankliche Perspektiven und nimmt sich als selbst ernannter Veganer – nur weil es chic ist – gekonnt selbst auf die Schippe. Immer ganz dicht am und mit dem Publikum. Wen wundert’s, dass die lautstark geforderten Zugaben dann genau genommen gar keine sind, sondern kurzerhand als „Outtakes“ deklariert werden, die trotzdem irgendwie oder gerade deshalb diesen Abend schwungvoll abrunden.

veröffentlicht am 02.03.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 04:41 Uhr

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Autor:

von Stefan Bohrer
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