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Weser-Radweg touristisches Pfund

Fluss-Idylle in Kleinenwieden

KLEINENWIEDEN. Natürlich: Um nach Kleinenwieden zu gelangen, dem per Dart-Wurf ermittelten neuen Einsatzort von Dewezet-Reporter mit 1967er VW-Käfer, hätte es auch die B 83 getan. Doch auf der linken Weserseite entlangzutuckern, bei Großenwieden überzusetzen und der Flussschleife zu folgen, weckt wahre Urlaubsgefühle.

veröffentlicht am 09.07.2018 um 19:05 Uhr
aktualisiert am 09.08.2018 um 10:48 Uhr

Marc Fisser

Autor

Reporter zur Autorenseite

Kitschig-schön dreht die Weser ihre Runde um Kleinenwieden. Was wäre es für eine Verschwendung, wenn sich dieses Naturgemälde niemand ansähe. Tatsächlich: Oben an der Uferkante sitzen Karin (67) und Mike Harris (75) auf Klappstühlen unter dem Blätterdach einer mächtigen Ulme, genießen das Fluss-Feld-Hügel-Panorama. „Es ist wunderschön im Weserbergland“, schwärmt das Ehepaar aus Hampshire, das sich auf einer Reise entlang der Weser befindet. Im vorigen Jahr hatten die beiden Engländer den Abschnitt von Hannoversch Münden bis Hameln mit Auto und Fahrrad erkundet (und waren etwas überrascht, in Bodenwerder auf den ihnen aus Büchern bekannten Lügenbaron Münchhausen zu treffen). In diesem Sommer folgt Teil 2 bis zur Mündung bei Bremerhaven. Für zwei Nächte sind sie Gäste im „Hotel Garni Weserlounge“, das direkt am Weser-Radweg liegt. „Wir kommen selbst vom Lande und sind gerne im Grünen“, erklärt Karin Harris. Deshalb hat Kleinenwieden den Vorzug vor Hameln oder Rinteln erhalten, wohin sie nun Ausflüge unternehmen. Den Ausschlag für das Landhotelchen gaben die Beschreibungen und Bewertungen auf der Internetseite Booking.com. Ein besonderes Lob gilt neben der Idylle und Sauberkeit dem „sehr guten Frühstück“.

Elke Biermann (59) weiß, dass den meisten Gästen ein angenehmer Start in den Tag wichtig ist – ihr gehe es anderswo genauso. Sie ist in der Weserlounge als Hausdame oder gute Seele tätig, seitdem Margot Frank das Hotel vor zehn Jahren übernommen hat. Biermann serviert Marmelade aus Früchten des eigenen Gartens und versucht, keinen Frühstückswunsch unerfüllt zu lassen. Die sieben Zimmer sind im Sommer bei Radlern beliebt, es gibt zudem Stammgäste und Messebesucher, erzählt Biermann. „Es kommen auch viele Leute, die ursprünglich in der Gegend gewohnt haben. Manchmal buchen Familien das gesamte Hotel.“

Isabella und Thierry Teuma aus Friedberg in Hessen sind seit Samstag auf dem Weser-Radweg in Richtung Cuxhaven unterwegs. „Jedes Jahr nehmen wir uns einen Fernradweg vor“, schildert der Elektronik-Ingenieur, der vor 30 Jahren aus dem Kamerun nach Deutschland gekommen ist. Ihre Tour – auch die Übernachtung in dem 93-Einwohner-Ort – haben sie über das Internet organisiert. Am Weserbergland gefällt dem Ex-Afrikaner das viele Grün. Das war allerdings auch schon mal saftiger. Auf den Feldern ist es staubtrocken, wie sich direkt hinter den Häusern erkennen lässt. Horst Söffker ist gerade dabei, mit dem Trecker Gerstenstroh abzufahren. Die Dürre hat auch bei ihm große Einbußen verursacht. Das schmerzt den Landwirt doppelt, weil er 18 Pferde und 100 Schafe zu füttern hat und der Zukauf des raren Materials richtig teuer sein wird. Wäre der Einstieg ins Tourismusgeschäft eine Option? „Wir haben über eine Vermietung nachgedacht“, bestätigt Gattin Stephanie Söffker auf der Rundbank unter der Linde des Hofes. Aber einen Pensionsbetrieb für Radfahrer, die meist nur eine Nacht blieben, könnte sie nicht leisten – schließlich ist sie beruflich als Fachkrankenschwester in Minden eingespannt. Eine Ferienwohnung für Selbstversorger sei jedoch denkbar. „Vor zehn Jahren haben hier oft Leute angehalten und nach einem Bett gefragt“, schildert die 50-Jährige. Dann sei kurzerhand das Gästezimmer der Familie hergegeben worden. „Doch inzwischen planen die Leute ihre Touren vorher ganz genau“, weiß die Bauersfrau: Mit Computer und Smartphone ist die Spontaneität auf der Strecke geblieben.

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„Herzlich willkommen im Hotel Weserlounge.“ Elke Biermann kümmert sich mit Freude um die Gäste. Foto: mafi

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Oder auch nicht, wie das Gespräch am Gartentisch von Dieter Bobbe (47) zeigt. Nach vier Jahren als Hausmeister in München hatte der gebürtige Sachsen-Anhaltiner genug vom Stadtleben – seine Ehefrau Elena (60), die aus Moskau stammt, ebenso. Über das Internet suchten sie „ein bezahlbares frei stehendes Einfamilienhaus in ländlicher Region“. Ein 1967 in Kleinenwieden errichtetes Haus mit 1300 Quadratmeter großem Grundstück erfüllte alle Kriterien. Dass das Weserbergland lebenswert ist, wusste Bobbe von früheren Dienst- und Urlaubsreisen. Der Garten ist eine Blumenpracht, soll sogar noch schöner werden. Das Paar überlegt, das Areal für die Radler-Rast herzurichten – „nicht, um damit Geld zu verdienen, sondern als Aufgabe für das Rentnerdasein“, wie Dieter Bobbe sagt. Er mag es, wenn Fahrradtouristen stoppen, den Namen von Blumen erfragen und sich daraus nette Gespräche ergeben.

Kleinenwieden mag für die allermeisten Hameln-Pyrmonter abseits liegen, seine Bekanntheit gerade einmal als Endstationsname der Buslinie 20 beziehen. Radreisende aus halb Europa jedoch werden besonders die Szenerie aus Birkenreihe und Weserlauf am nordwestlichen Ortseingang genießen – und verewigen.



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