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Wegen dubioser Kredite von Internetbanken tappen immer mehr Menschen in die Schuldenfalle

Fernab von Zwegerts Märchenstunde

Hessisch Oldendorf (doro). Auf Peter Zwegerts „Raus aus den Schulden“ ist Silke Schmidt nicht gut zu sprechen. Regelmäßig läuft das Telefon bei der Schuldnerberaterin der Diakonie in Hessisch Oldendorf heiß, wenn Zwegert mal wieder eine Familie rausgehauen hat aus der Schuldenfalle. Zur Seite steht ihm dabei die Fernsehkamera: Wenn RTL kommt, haben Bankvorstände Zeit und Ein-Euro-Kräfte machen sich auf, um Zweit-Wohnungen von Verschuldeten zu renovieren, die sie dann untervermieten können. „Das ist Märchenstunde“, sagt Silke Schmidt.

veröffentlicht am 16.12.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 02:21 Uhr

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Silke Schmidt bearbeitet in diesem Jahr 150 Fälle für das Diakonische Werk Rinteln des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg mit Außenstellen in Hessisch Oldendorf und Bad Nenndorf, dazu kommen rund 50 Kurzberatungen. Die Klientel, die Hilfe sucht, habe sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt, sagt sie. Nach Änderung des Insolvenzrechts 1999, das auch Privatleuten die Möglichkeit gibt, Insolvenz anzumelden, kamen zunächst diejenigen, die sich durch ausufernde Käufe, vorzugsweise im Versandhandel, überschuldet hatten. Seit ungefähr sechs Jahren kommen Klienten mit schwerwiegenden Problemen, sagt Silke Schmidt. Auffällig viele seien dabei, die sich beim Immobilienerwerb verspekuliert haben; sie stellen rund ein Drittel in der Schuldnerberatung. Die meisten seien Opfer von Kredithaien. „Sogenannte Direktbanken vergeben die Kredite, die die Hausbanken meist verwehren“, erläutert die Schuldnerberaterin. Die Vermittlung laufe bei den windigen Finanzierungen meist übers Internet oder einen privaten Finanzberater. „Früher galt die goldene Regel, dass man ein Drittel des notwendigen Kapitals selbst mitbringen muss, heute werden Kredite vergeben, die eigentlich gar nicht vergeben werden dürften“, erklärt Silke Schmidt, die selbst 16 Jahre bei einer Bank tätig war. „Wer heute einen Kredit will und ein regelmäßiges Einkommen hat, bekommt ihn“, kritisiert sie. Nicht ungewöhnlich sei, dass sogar Altschulden mit in den neuen Kredit aufgenommen werden. „Alles, was bei der Finanzierung über den Wert des Hauses hinausgeht, wird allerdings richtig teuer, oft wissen die Leute gar nicht, dass sie nur Zinsen zahlen, weil sie die Tilgungspläne nicht lesen können“, erläutert Schmidt, „die fallen aus allen Wolken, wenn ich ihnen erkläre, was sie unterschrieben haben.“ Fünf Jahre lang habe ein Paar, das zu der Schuldnerberaterin gekommen ist, gedacht, es tilgt Schulden, gezahlt indes habe es nur für die Zinsen und selbst diese Summe war monatlich nicht aufzubringen. Eines jedoch haben die beiden richtig gemacht: Sie sind früh genug gekommen: Sie werden ihr Haus verkaufen und notfalls einen Antrag auf Privatinsolvenz stellen. Die meisten jedoch suchen Hilfe, wenn es zu spät ist; wenn bereits ein zweiter Kredit aufgenommen wurde, um den ersten zu tilgen. „Oft kann man zu diesem Zeitpunkt mit Banken noch über eine Stundung sprechen“, sagt Silke Schmidt. Ein Grund, der junge Familien häufig finanziell in die Enge treibe, sei der Wegfall des zweiten Gehalts, wenn die Familie wächst. Da komme einiges zusammen: Die zusätzlichen Mäuler, die gestopft werden wollen, die laufenden Kosten, die vorher so nicht eingerechnet wurden, mangelnde Betreuungsmöglichkeiten, wenn die Mutter ganztags arbeiten will und nicht auf eine teurere Tagesmutter zurückgreifen will. „Ein 400-Euro-Job ist in diesem Fall oft das Beste, denn auch, wenn die Frau fleißig ist: das meiste frisst sonst die Steuer“, weiß Schmidt. Die zweite große Gruppe der Schuldner bilden die ehemals Selbstständigen: Auch hier liegt das Problem meist schon bei Gründung der Firma vor: Zuwenig Eigenkapital, um die Durststrecke von zwei Jahren zu überwinden, unzureichende Kenntnisse von Buchführung und Steuerrecht. Dann sind da noch die Menschen, die ihre Arbeit verloren haben. Nicht wenige von ihnen sind nunmehr bei Zeitarbeitsfirmen angestellt. „Statt 1500 Euro verdient ein Klient von mir nun 890 Euro“, sagt Silke Schmidt. Zu der Gruppe, deren Geld nicht mehr für die monatlichen Raten ausreicht, gehören in der Schuldnerberatung auch immer mehr Rentner: Nicht wenige, die in ihrem Leben auf vieles verzichtet haben, zahlen immer noch an ihrem Haus ab, erklärt Silke Schmidt. Die Einschätzung der Schuldnerberaterin bezüglich eines Eigenheims ist ernüchternd: „Bauen ist in Deutschland im Vergleich sehr teuer und von nur einem durchschnittlichen Gehalt nicht zu bezahlen.“

Eines liegt Silke Schmidt besonders am Herzen: mehr Aufklärung in den Schulen. „Ein Fach wie Wirtschaft, verknüpft mit Vertragsrecht, wäre wichtig“, sagt sie. Eine Top-Position unter den Schuldenfallen nimmt bei den jungen Leuten übrigens immer noch das Handy ein. „Rechnungen von 3000 Euro sind keine Seltenheit“, weiß Schmidt. Offenbar werden solche Fälle meist nur bei Hartz IV-Empfängern, in anderen Familien wird meist Stillschweigen bewahrt und gezahlt. „Ich hatte aber auch schon jemanden hier sitzen, zu dem die Eltern gesagt haben, „sieh zu, wie du damit klarkommst“.

Schuldnerberatung der Diakonie am Kirchplatz 1, in 31840 Hessisch Oldendorf Telefon: 05152/ 527644.

Sogenannte Direktbanken vergeben die Kredite, die die Hausbanken meist verwehren, erläutert die Schuldnerberaterin Silke Schmidt, die Klienten in Hessisch Oldendorf am Kirchplatz berät.



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