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Hessisch Oldendorfer sucht nach seinen Verwandten – und hat Erfolg auf Zypern

Familie nach 60 Jahren gefunden

HARSEWINKEL/HESSISCH OLDENDORF. Suchanfragen nach Erben sind im Stadtarchiv Harsewinkel nichts Ungewöhnliches. „Aber was mir passiert ist, war unglaublich“, sagt George S., der heute in Hessisch Oldendorf lebt. Was mit einer Suchanfrage im Archiv beginnt, wird zu einer Geschichte „voller Zufälle, Glück und Emotionen.“

veröffentlicht am 08.04.2017 um 10:00 Uhr
aktualisiert am 08.04.2017 um 15:55 Uhr

Von links: Aristoteles, George und Vassos vor einem Restaurant auf Zypern nach dem ersten Kennenlernen. Foto: Stadtarchiv Harsewinkel

Autor:

Eckhard Möller und Johanna Lindermann
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Das Stadtarchiv der lippischen Stadt Harsewinkel wird häufig kontaktiert: Sei es, dass ein Rechtsanwalt in einem Erbfall nach einem weiteren, weit entfernten Verwandten eines Verstorbenen sucht oder ein Patenkind sich seiner aus den Augen verlorenen Harsewinkeler Patentante erinnert und nach Jahrzehnten wieder Kontakt aufnehmen will. Soweit es der Datenschutz zulässt, helfen Stadtarchivar Eckhard Möller und seine Mitarbeiterin Nicole Kockentiedt den Suchenden gerne weiter. In allen Fällen leisten die alten, bis 1985 reichenden Meldekarteien den Rechercheuren des Stadtarchivs gute Dienste. Die Anfrage von George S., die das Stadtarchiv Anfang Januar erreichte, stellte jedoch eine besondere Herausforderung dar. „Meine Frau und ich reisen gerne, und als wir einen Urlaub in Zypern gebucht hatten, beschlossen wir, beim Archiv eine Nachfrage zu stellen“, erklärt George S. Denn: Sein Vater stammt aus Zypern, doch die beiden lernten sich nie kennen.

Ein Rückblick: Vom Herbst 1957 bis zum Sommer 1958 wohnte George Vassou aus Zypern bei der Familie S. in Harsewinkel zur Untermiete, um ein Praktikum bei der Firma Claas zu absolvieren. Bald hatte sich der damals 19-Jährige in die etwa gleichaltrige Tochter seines Quartiergebers verliebt – eine Romanze, die nicht ohne Folgen blieb. Als George S. Ende 1958 geboren wurde, lebte sein Vater schon wieder in Zypern und seine Großeltern wollten nicht, dass seine Mutter weiterhin Kontakt zum Vater des Kindes hielt, das aber immerhin dessen Vornamen bekam. „Als Kind wurde mir erzählt, dass mein Vater nicht mehr am Leben sei“, erzählt George S., der 1969 nach Grömitz an der Ostsee und 1984 nach Hessisch Oldendorf zog. „Irgendwann findet man sich damit ab.“ Erst vor wenigen Jahren erfuhr er dann nach langem Drängen von seiner Mutter den Namen seines Vaters und seinen zyprischen Wohnort: Yerolakos.

Ich dachte mir: Egal, wie alt er wurde, ein Mensch hinterlässt ja doch Spuren.

George S.

Mit diesen Informationen wandten sich George S. und seine Frau an das Harsewinkeler Stadtarchiv – mit Erfolg: Dort fand sich nicht nur die alte Karteikarte des Meldeamtes von George Vassou, sondern sogar ein kleiner ausländerrechtlicher Vorgang in einer Akte. Dieser dokumentierte alle bürokratischen Hürden, die vor 60 Jahren zu überspringen waren, damit er sein Praktikum in Harsewinkel absolvieren konnte. Nur eine entscheidende Information fehlte: die Heimatadresse auf Zypern. Mehr Information zu dem Vater war daher nur bei Behörden auf Zypern zu erwarten.

Doch die Erwartung, dass der Vater noch lebt, war von Anfang an gering. „Ich habe mir schon gedacht, dass er verstorben ist“, sagt George S., „aber ich dachte mir: Wie alt auch immer er wurde, ein Mensch hinterlässt ja doch Spuren.“

Dem Stadtarchivar Eckhard Möller kam schließlich der entscheidende Gedanke. Er rief Marinos Ioannou, einen Bekannten aus Gütersloh, an, der dort im Integrationsrat sitzt und aus Zypern stammt. Als dieser hörte, aus welcher Gegend der Vater stammt, erinnerte er sich, dass einer seiner Bekannten dort Verwandte habe, und erklärte sich bereit, nachzufragen.

Noch am gleichen Abend hielt George S. eine Telefonnummer in seinen Händen: zwar nicht die seines Vaters, aber die eines Onkels. Das Tragische: „Mein Vater ist erst vor drei Jahren verstorben, und er wollte immer Kontakt zu mir. Aber er hatte meiner Familie versprechen müssen, dass er sich nicht meldet. Darunter hat er sehr gelitten“, erzählt George S., dem sehr nahe geht, wie sehr der Vater unter dem fehlenden Kontakt zu ihm litt.

Doch trotzdem hat die Geschichte ein „Happy End“: „Mein Vater hat seinen Verwandten auf Zypern immer von mir erzählt. Ich war immer ein Teil dieser Familie.“ Bei einem langen Telefongespräch mit seinem zyprischen Onkel und den beiden auf Zypern geborenen Söhnen seines Vaters, Vassos und Aristoteles Kazazis, zeigte sich: Auch einer der Brüder hatte schon einmal versucht, George S. zu finden, doch er hatte nur einen Zettel mit den Angaben „Bielefeld“ und „Nordrhein-Westfalen“ – eine unmögliche Suche. Umso größer war die Freude bei der zyprischen Familie, als George sich meldete. Von da an war klar: Während der Urlaubsreise Anfang Februar würde George S. die beiden Halbbrüder, seinen Onkel und zwei Tanten treffen, kurzum seine ganze große Verwandtschaft auf der Mittelmeerinsel kennenlernen.

Die Reise verlief dann ganz anders als ursprünglich geplant. Schon am Flughafen wurden George und seine Frau von den Verwandten begrüßt. „Es war ein äußerst herzlicher Empfang“, erzählt George S. „Viele Tränen sind geflossen. Es war einfach ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Wir hatten sofort das Gefühl, dass wir zusammengehören, das war unglaublich.“

Wir hatten sofort das Gefühl, dass wir zusammengehören, das war unbeschreiblich.

George S.

Von da war das Ehepaar nur wenig mit ihrer eigentlichen Reisegruppe unterwegs. Die meiste Zeit verbrachten sie bei den Verwandten, die es sich nicht nehmen ließen, den von ihnen lange gesuchten Halbbruder und Neffen zusammen mit seiner Frau mit großer zyprischer Gastfreundschaft zu bewirten und zum Übernachten einzuladen. „Die Stimmung war auch nach Tagen noch genauso emotional wie bei der Begrüßung“, schwärmt George. Gemeinsam besuchte die Familie den Geburtsort des Vaters, die wichtigen Kulturstätten und Konzerte auf der Insel. Der Besuch bei einem Fußballspiel des Vereins Omonia Nikosia musste auf den nächsten Besuch vertagt werden. Damit hat es eine besondere Bewandtnis: George Vassou war regelmäßiger Besucher der Heimspiele des derzeitigen Tabellenfünften der zyprischen ersten Liga – und sein Sohn George S. soll auf dem Sitzplatz, der früher Stammplatz seines Vaters war, Platz nehmen.

Auch nach seiner Rückkehr nach Hessisch Oldendorf hält er über Telefon und Skype weiterhin Kontakt zu seinen „neuen“ Verwandten, und eine erneute Reise nach Zypern ist geplant, diesmal mit den Kindern. Und auch ihrerseits will die Familie seines Vaters George S. besuchen, die den Ort der ersten großen Liebe George Vassous kennenlernen möchte.

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