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Pläne der Stadt stoßen auf heftige Kritik / Pressemitteilung lässt aus Theologensicht Fragen offen

Erklärversuch zum Verbot von Bibelgeschichten

Hessisch Oldendorf (ch). Nach dem Bericht unserer Zeitung über das Verbot biblisch orientierter Lesestunden im Kindergarten Haddessen ist die Stadt unter Erklärungsdruck geraten. Ebenso wie in der Redaktion gingen auch im Rathaus empörte Reaktionen ein. In einer Pressemitteilung bemüht sich die Stadt jetzt um Klarstellung.

veröffentlicht am 26.01.2012 um 17:38 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 01:41 Uhr

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In der vorigen Woche berichtete unsere Zeitung, dass die Stadt untersagt hatte, im Kindergarten Haddessen weiterhin regelmäßig biblische Geschichten vorzulesen und zu erzählen. Bislang wurde genau das einmal im Monat praktiziert. Begründet wurde das Verbot mit dem Hinweis, das Angebot widerspreche dem Gleichbehandlungsgrundsatz.

„Wie sollen die Erzieherinnen denn Weihnachten den Kindern erklären?“, oder: „Sollen die Kinder Nikolaus für eine Erfindung von Coca Cola halten?“, fragen empörte Leser in Briefen an unsere Zeitung. Auch bei der Stadt habe es viele Rückmeldungen von irritierten Eltern und einige „Missverständnisse“ gegeben, sagt Bürgermeister Harald Krüger. Grund genug, eine Woche nach Erscheinen des Artikels eine Pressemitteilung herauszugeben, um „die Aufgaben einer Stadt als kommunaler Träger von Kindertagesstätten“ noch einmal öffentlich darzulegen.

Darin wiederholt die Verwaltung im Prinzip die bekannte Position: „In den kommunalen Kitas in Hessisch Oldendorf findet jetzt und auch in Zukunft keine konfessionell orientierte Erziehung statt.“ Grundlage dieser Maßgabe sei der niedersächsische Orientierungsplan für Elementarpädagogik, nach dem seit 2004 alle Kindertagesstätten in Niedersachsen arbeiteten.

Keine konfessionell orientierte Erziehung, Gleichbehandlung und Religionsfreiheit – die Begründung der Stadt kann auch der Superintendent des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg, Andreas Kühne-Glaser, unterschreiben: „Die Pressemitteilung ist in Ordnung.“ Man wolle nicht missionieren, und die Kirche wolle sich nicht in einen staatlichen Kindergarten hineindrängen. Wichtig sei es jedoch, den Kindern zu vermitteln, woher die Tradition des Zusammenlebens in der Gesellschaft komme. „Was sind unsere Wurzeln, woher kommen wir – das ist wichtig zu wissen“, meint Kühne-Glaser. Dann sei Ostern eben mehr als nur das Bemalen von Eiern.

Ein Widerspruch zu der Haltung der Stadt ist dies jedoch nicht: „Kinder lernen im Kindergarten verschiedene Bräuche und Rituale kennen (...)“, heißt es in der Pressemitteilung. Auf diese Weise könnten nach Ansicht der Stadt muslimische Kinder erfahren, wie Christen Weihnachten feiern, jüdische Kinder würden über Sabbat berichten, christliche Kinder im Kindergarten das muslimische Zuckerfest feiern. „Das finde ich gut“, sagt Kühne-Glaser, „die Traditionen sollen vermittelt werden“.

Ist also die ganze Aufregung umsonst, dreht sich die Debatte nur um ein Missverständnis und alle wollen eigentlich das Gleiche? Nicht ganz, sagen Kühne-Glaser und Pastor Matthias Voigt. Eine entscheidende Frage werde in der Darstellung der Stadt nicht beantwortet: „Wie sollen die religiösen Traditionen und Bräuche vermittelt werden?“ Offenbar nicht durch das regelmäßige, fest institutionalisierte Erzählen oder Vorlesen religiöser Geschichten, wie das Verbot deutlich macht. Nur in Form „vielfältiger religiöser Projekte“, sagt die Stadt.

Doch gerade die Erzählkultur sei Teil der christlichen Tradition, sagt Matthias Voigt. „Auch zum Verständnis der deutschen Literatur, der Geschichte, Musik und Kunst sind Kenntnisse biblischer Geschichten notwendig“, findet auch Dr. Anja Schmidt, Lehrerin für Religion an der Handelslehranstalt Hameln.

Wie das in den Kindertagesstätten in der Praxis aussieht, ist fraglich. Die sogenannte „Erhebung“, eine Umfrage unter den elf der zwölf kommunalen Kindertagesstätten in Hessisch Oldendorf (die Krippe in Haddessen fehlt hier) gibt darüber wenig Auskunft. Viele der Felder, die ausgefüllt werden konnten, sind leer, meist sind nur Stichworte wie „Ist Thema, aber nicht religiös“ oder „Weihnachtsgeschichte“ aufgeführt. Obwohl nach Aussagen der Stadt doch verschiedene Bräuche und Rituale kennengelernt werden sollen, wird in der Erhebung nur nach christlichen Festen gefragt.

Einzig unter dem Punkt „Sonstiges“ hätten andere Religionen Platz finden können – tatsächlich erwähnt wird aber keine.



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