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Martin Zingsheim macht jedes Thema mit spitzer Zunge zu unterhaltsamer Kunst / Hochleistungssport fürs Gehirn

Erfrischend intellektuell und einfach sensationell gut

Hessisch Oldendorf. Kabarett und Chanson, „das ist wie Schweinskopfsülze mit Vanillegeschmack“, definiert Martin Zingsheim. Schon mal davon gekostet? Einmalig! Zingsheims Programm „OPUS MEINS – kabarett und zukunftsmusik“ ist rasant und brisant, witzig und spritzig, politisch wie gesellschaftskritisch, erfrischend intellektuell und einfach sensationell gut.

veröffentlicht am 26.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 21:41 Uhr

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Autor:

Annette Hensel
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Etwas „FDP-Lyrik“, ein wenig „einsingen“, schon hat der Kölner die volle Aufmerksamkeit der 60 Besucher im Kultourismusforum. Und zieht gleich ohne abzulesen den „ersten Stimmungskracher“ aus dem Ärmel: „Lied – man könnte auch sagen autopoetische Präsenzeffekte multiperspektivischer Selbstinszenierungsimmanenz, aber da nehme ich zu viel vorweg, da wissen Sie ja gleich, worum es geht.“ Alles klar?! Zingsheims Beziehungschanson eingebettet in der Sozialromantik des Wilden Westens rückt stark flektierte Verben in den Vordergrund. „Im Plusquamperfekt bin ich imperfekt“, singt er, haut grammatikalisch auf die Pauke, „streitete“ und „tutete“ (tun). Melodische Intimitäten wie seine Tan-Liste vom Online-Banking folgen. Den Blick stets auf das Publikum gerichtet, wirbeln Zingsheims Finger über die Tasten, von Dur bis Moll, von Jazz bis Blues, mit Whitney-Houston-, aber auch einer Flamenco-Gitarren-Einlage. Und einem „WM-Lied für Afrika“. „Mach Du halt, Du brauchst das Geld auch“, habe er damals zu Shakira gesagt, „waka, waka...“, tönt der 28-Jährige.

Das „falltypische Anderssein“ von Politikern, Missbrauch in der katholischen Kirche, Rechtsradikalismus, die 68er, Allergiker oder Bioprodukte, kein Thema, das Zingsheim nicht mit spitzer Zunge zu unterhaltsamer Kunst macht. Dabei ist er mit dem Charme eines großen Jungen gesegnet, dem niemand böse sein kann. „Wie 1968 gehen auch heute die Studenten auf die Straße – unter Heizpilze, statt mit Molotowcocktails mit Pina Colada, als Klang der Freiheit: Komm hol das Lasso raus!“

Flüchtlingsproblematik, laktosefreie Kühe oder „der Teuro“, Aktuelles, das er in einem Atemzug in seiner Komposition „Europa“ verarbeitet, beklemmend deren Wahrheitsgehalt. „Wir hassen unseren Nachbarn und spenden beim Tsunami“, endet er.

Den Meister der (nicht immer sinnigen) Worte wurmt es, im Internet nicht so häufig angeklickt zu werden wie ein kotzendes Känguru mit „Scholl-Latouralschaden“. Mit Christian Wulff als PR-Berater, Philipp Rösler als Rhetoriklehrer und Claudia Roth als Bühnenkostüm-Designerin möchte er auf den Olymp, „die Titelseite der Hörzu.“

Martin Zingsheim stimmt Göttliches an wie sein „Liebeslied mit Choreografie“, das „Leiseste Lied der deutschen Kleinkunst“ oder die Imitation Herman van Veens mit dem abschließenden sanften „Plitschplatsch“. Das Schnurren beherrscht der Doktorand der Musikwissenschaft, auf dessen weißem T-Shirt eine schwarze Symbiose aus Kätzchen und Pistole prangt, genauso gut wie das scharf Schießen.

In seiner neueste Ballade „Die Welt mit den Augen der Kinder zu sehen“ kommt der Vater eines kleinen Sohnes zur Erkenntnis: „Das Schönste scheint mit dem Brei vorbei.“ Zingsheim begeistert, sorgt nicht nur für Hochleistungssport im Gehirn, sondern auch immer wieder für Lachanfälle. So wie beim spontan entwickelten Running Gag mit Heinz Beißner um Hessisch Oldendorfs „goldiges Standesamt“. Das große Finale ist „Adeline“ gewidmet, „die hinter meinem Rücken etwas mit Richard Clayderman hatte“, mit furiosem Klavierspiel von Beethoven über Falco bis hin zu Sting und finsterer Klaus-Kinski-Einlage. Einmalig gut: Zingsheims abschließende Interpretation von „Der Mond ist aufgegangen“. Tosender Applaus verabschiedet einen Meister des Musikkabaretts.



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