weather-image
27°
Über den Zwang, sich zwischen 18 und 23 Jahren für eine Staatsbürgerschaft entscheiden zu müssen

Entscheide Dich: Willst Du Türke oder Deutscher sein?

Hessisch Oldendorf (doro). „Aus welchem Land kommen Sie?“ lautet die immer wiederkehrende Frage, die für Ayse Anil so überflüssig ist wie ein Sandkasten in der Sahara oder ein Kropf. Schließlich ist sie in Deutschland aufgewachsen. Trotzdem brauchen die Leute meist eine Schublade, in die sie die aparte junge Frau mit den dunklen Augen stecken können. Ein Umstand, der sie noch immer verletzt, das ist zu spüren.

veröffentlicht am 24.06.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 11:21 Uhr

Ayse Anil hat sich für die türkische Staatsbürgerschaft entschie
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Ich bin zwar hier geboren, fühle mich aber dennoch als Gast“, sagt sie. „Das wäre auch nicht anders, wenn ich einen deutschen Pass hätte.“ Denn darin stände der türkische Name Ayse Anil, und die Frage wäre am Ende die gleiche. Wichtiger ist der in Deutschland geborenen jungen Frau, dass das Umfeld sie als Deutsche akzeptiert, erst dann könne sie sich deutsch fühlen. Und die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Ayse Anil hat lieber darauf verzichtet und ihren türkischen Pass behalten.

Ein Entschluss, der möglicherweise nicht so ausgefallen wäre, hätte sie sich nicht entscheiden müssen. Wie alle in Deutschland geborenen Türkinnen und Türken, deren Eltern seit mindestens acht Jahren in der Bundesrepublik leben, musste sie sich zwischen dem 18. und 23. Lebensjahr entscheiden, ob sie die deutsche oder die türkische Staatsbürgerschaft annehmen will. Ein Prozess, der mit dem 23. Lebensjahr abgeschlossen sein muss, sonst droht der Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft.

Optionsmodell heißt diese Regelung, die 1999 im Zuge der Abschaffung des alten Abstammungsprinzips („Ius sanguinis“) durch die rot-grüne Bundesregierung als Kompromiss mit der Union ausgehandelt wurde. Inzwischen mehren sich die Stimmen, die das Recht auf eine doppelte Staatsbürgerschaft fordern. 2009 hatte Brigitte Zypries (SPD) als Justizministerin bereits eine Aufkündigung dieses Kompromisses angeregt, da eine große Anzahl von Einwandererkindern in das Alter komme, in dem die Entscheidung für oder gegen die deutsche Staatsangehörigkeit ansteht. „Die integrationspolitischen Vorteile stehen im Vordergrund“, heißt es nun in einem neuen Gesetzentwurf der Sozialdemokraten: „Die Betroffenen werden als Deutsche mit allen Rechten und Pflichten einschließlich des Wahlrechts in die Gesellschaft aufgenommen, ohne ihnen die symbolträchtige und psychologisch belastende Aufgabe ihrer alten Staatsbürgerschaft abzuverlangen.“

270_008_4315595_lkho103_2506.jpg

„Die doppelte Staatsangehörigkeit würde ich begrüßen“, sagt Ayse Anil. Ihre Entscheidung für die türkische Staatsangehörigkeit habe nichts mit Vor- oder Nachteilen in Deutschland zu tun, sie komme auch so gut zurecht, erklärt die 26-Jährige, die nach dem erweiterten Realschulabschluss eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten gemacht hat und das Bürgerbüro der Stadt Hessisch Oldendorf leitet.

„Der türkische Pass ist einfach das einzige, was mir geblieben ist“, sagt sie, und es klingt fast ein bisschen trotzig. Denn als Türkin fühlt sich Ayse Anil eigentlich nicht mehr. Die Stadt Istanbul, aus der ihre Eltern vor 38 Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, ist die Stadt ihrer kulturellen Wurzeln, denen sie durchaus Beachtung schenkt, aber es ist eben nicht ihre Heimat.

Ähnlich geht es Ali Demirkaya aus Hessisch Oldendorf. Doch anders als Ayse wird sich der 19-Jährige wohl für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden. „Ich bin hier geboren und kenne die deutsche Kultur besser als die türkische“, begründet er. Einen Integrationsvorteil aber kann auch er nicht entdecken: „Was nützt die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn in meiner Bewerbung der Name Ali auftaucht?“, fragt er. Wie für Ayse, hat Integration für ihn nicht nur etwas mit Anpassung zu tun, sondern vor allem damit, grundsätzlich akzeptiert zu werden.

Besonders viel Gedanken macht sich Ali über die Entscheidung ansonsten nicht, im Inneren wisse er schließlich, wer er ist, nämlich Ali Demirkaya – ein in Deutschland geborener Türke und in der Türkei der Deutsche. Ein junger Mann, der zu Hause hauptsächlich türkisch spricht, mit seinen Freunden aber deutsch. Der einen sehr guten Realschulabschluss hat und seine Religion so wichtig nimmt wie der durchschnittliche Christ die seine. Der beim TSV Großenwieden Fußball spielt und der der türkischen Küche klar den Vorzug gibt. Eben einer, der zwischen den Kulturen steht.

Besser identifizieren könnte er sich deshalb mit der doppelten Staatsbürgerschaft: „Das wäre ideal, denn sie bildet ab, was wir sind - doppelte Staatsbürger.“ Für die Forderung, das allgemein ungeliebte Optionsmodell in der Bundesrepublik zu beenden, erntete Hamburgs Bürgermeister Ole van Beust vor einiger Zeit Lob von Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen: „Wir müssen schleunigst den Optionszwang beenden, der für viele junge Menschen mit Migrationshintergrund zu einer regelrechten Geißel geworden ist.“ Vielen in Deutschland geborenen Kindern fällt die Entscheidung anscheinend schwer. Zwar gibt es noch keine verlässlichen Zahlen, doch Erfahrungen mit den ersten 2008 volljährig gewordenen Kindern zeigen: Das Optionsmodell überzeugt die Betroffenen nicht. Es ist kompliziert, die Zahlen der Einbürgerungswilligen sind rückläufig und gerade bei den Gebildeten macht die SPD-Bundestagsabgeordnete Aydan Özoguz eine gewisse Sturheit aus.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare