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Pilgerboom hält weiter an / Stift Fischbeck gilt während der Saison als gefragte Zwischenstation

Eine unbewusste Sehnsucht nach Stille

Wesertal (ah). Vermehrt begegnet man ihnen jetzt wieder: Menschen mit festem Schuhwerk, Wanderstöcken, einem Rucksack auf dem Rücken, darin ihren Pilgerpass verstaut. Der Frühling ruft die Pilger auf den Plan – und das nicht erst seit Hape Kerkeling in seinem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela beschrieb.

veröffentlicht am 04.06.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 17:21 Uhr

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„Es geht beim Pilgern nicht um Kilometer, sondern darum, Orte der Kraft wahrzunehmen, eine Verbindung zwischen Himmel und Erde herzustellen“, erklärt Marie-Luise Wilke. Sie gehört zu einer Frauengruppe aus der St.-Johannis-Gemeinde Groß Berkel, die regelmäßig pilgert, kürzlich von Hameln nach Fischbeck. „Am Ende solch eines Tages fühlt man sich einfach gereinigt und erholt“, sagt Marie-Luise Wilke, die schon bis nach Santiago de Compostela gepilgert ist. Dabei habe sie die Zeit vor allem, als sie wieder zu Hause war, als „ein ganz besonderes Erlebnis“ erfahren. „Durch die Beschränkung auf das Wesentliche hat man sich verändert, man fängt an, in seinem Leben aufzuräumen, zu erkennen, was wirklich wichtig ist“, erzählt sie. „Beim Pilgern kommt man zu den Ursprüngen zurück, findet innere Ruhe – und zu sich selbst“, fasst es eine andere aus der Gruppe zusammen.

Werner Evers aus Schleswig weiß besonders „die Erfahrung der Langsamkeit und der Ruhe, aber auch das Erleben der Natur und den Austausch mit Menschen“ zu schätzen. Gerade ist er wieder mit einem befreundeten Pastor unterwegs, den er vor Jahren beim Pilgern kennengelernt hat.

Pilger lassen sich nicht über einen Kamm scheren, sie kommen aus ganz unterschiedlichen Alters- und Berufsgruppen. Bei den „Einzelgängern“ handele es sich aber vor allem um Männer um die 50, sagt Ruth Wendorff, Ansprechpartnerin der Pilger im Stift Fischbeck. Nicht alle Pilger empfindet sie etwa bei Andachten in der Stiftskirche als geübt im Schweigen oder Beten. „Ich vermute, dass sie eine unbewusste Sehnsucht nach Stille, nach Entschleunigung zum Pilgern gebracht hat“, so die Seniorin des Stifts.

In der Saison von Ostern bis Ende Oktober ist die schöne Pilgerwohnung auf dem Stiftsgelände fast durchgehend belegt, häufig wird sie erst kurzfristig gebucht. „Pilger sind doch meist ganz modern mit Handy ausgerüstet“, erklärt Äbtissin Uda von der Nahmer. Sie hat errechnet, dass es 300 Pilger pro Jahr seien, „die sich bei uns den Pilgerstempel holen.“ Ruth Wendorff ergänzt: „In den letzten Jahren hat das Pilgern zugenommen.“

Entschleunigt auf Abstand zum Alltagstempo gehen, sich mit der eigenen Religiosität oder mit persönlichen Problemen auseinandersetzen – die Gründe, sich auf den Pilgerweg zu begeben, sind vielfältig. Wohl alle Pilger, die man im Stadtgebiet antrifft, beschreiten eine Teilstrecke des 290 Kilometer langen Pilgerweges, der die ehemaligen Zisterzienserklöster in Loccum und im thüringischen Volkenroda verbindet. Der durch das blau-weiße Radkreuz gekennzeichnete Weg, auf dessen Strecke viele „offene Kirchen“ liegen, ist ein Projekt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers in der Trägerschaft des Hauses kirchlicher Dienste. Jährlich werden von dort um die 3000 Pilgerpässe ausgegeben, berichtet Pastorin Susanne Behnke aus Fuhlen, die Pilgerbeauftragte ist. Mit Pilgerbegleiter Hermann Meier gestaltete sie am „Pilgertag“, Pfingstmontag, eine „Wegeliturgie“ für die 46-köpfige Gruppe, die sich von Hohenrode zum Kloster Möllenbeck aufmachte.

Ruth Meyer-Gattermann aus Rumbeck pilgerte Anfang Mai zum ersten Mal, nahm an einem Pilgertag für Frauen unter dem Motto „Sehnsucht nach Leben“ teil, der die Gruppe von Fuhlen nach Fischbeck führte. Dieser Tag sei etwas ganz Besonderes gewesen, er habe sie erfüllt und bereichert, fasst sie ihre Eindrücke zusammen. Sie erzählt vom Pilgersegen, dem schweigenden Gang bei strömendem Regen durch die Feldmark ebenso wie von der Strecke, auf der jede eine ihr nicht bekannte Gesprächspartnerin an der Seite hatte.

„Am meisten hat uns die 85-jährige Elisabeth beeindruckt, sie strahlte noch so viel Lebensfreude aus, die sich auf uns übertrug“, erinnert sich Ruth Meyer-Gattermann. Sie vergisst auch nicht „den Genuss einer Orgelprobe“, Gesänge und Gebete zum Abschluss in der Krypta der Stiftskirche. „Für mich steht fest, es war nicht mein letztes Pilgern“, erklärt sie – und schulterte bereits am Pfingstmontag erneut ihren Rucksack.



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