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Gesundheitsminister Philipp Rösler will den Numerus clausus abschaffen – für Dr. Michael Rosteck ist das okay

Ein guter Abi-Schnitt macht noch keinen guten Arzt

Hessisch Oldendorf (doro). Es ist ein Uhr mittags, noch lange nicht Halbzeit für Dr. Michael Rosteck. Bis jetzt hat der Facharzt für Allgemeinmedizin, Internist und Rettungsmediziner, der seine Praxis in Hessisch Oldendorf am Marktplatz hat, 74 Patienten untersucht. 74 Menschen, bei denen er innerhalb kurzer Zeit entscheiden musste, wie ernsthaft sie erkrankt sind. Gefragt sind neben medizinischem Wissen menschliche und psychologische Qualitäten. Kein Problem für Dr. Michael Rosteck, obwohl er mit seinem Abiturdurchschnitt lange warten musste, bis er seinen Studienplatz hatte. Die Zeit bis dahin hat er mit einem Theologiestudium überbrückt. Das kommt ihm zwar heute zugute, aber den Vorschlag von Gesundheitsminister Philipp Rösler, den Numerus clausus (NC) abzuschaffen, findet er besser. „Der Notendurchschnitt ist kein Indikator für die Fähigkeiten eines Arztes“, sagt der Mediziner, „mit dem NC bekommen lediglich die Fleißigsten und Strebsamsten einen Studienplatz.“

veröffentlicht am 15.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 14:41 Uhr

Dr. Michael Rosteck horcht Stefan Linnert aus Hope ab: Der Hausa
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An der Idee des Gesundheitsministers, den garantierten Studienplatz mit der Verpflichtung zu koppeln, als Landarzt zu arbeiten, hat er jedoch seine Zweifel. „Das reicht nicht“, meint er. Darüber hinaus sei es menschlich nicht gerecht. Den Beruf des Landarztes müsse man mit Überzeugung ausüben und nicht, weil es gerade einen Studienplatz gibt. „Dafür muss man gemacht sein“, sagt Rosteck. Ein Landarzt müsse außerdem körperliche Fitness mitbringen, psychologische und betriebswirtschaftliche Fähigkeiten. Und die Bereitschaft, in einer Gegend zu wohnen, die den anderen Familienmitgliedern selten ideale Entfaltungsmöglichkeiten bietet.

Die Rostecks haben sich trotzdem für das seltener werdende Mehr-Generationen-Modell auf dem Land entschieden. Die Schwiegermutter wohnt mit im Haus und ist für die Enkel da. Ein weiterer Vorteil: „Die Immobilien auf dem Land sind billig“, sagt der Arzt, der sich in Langenfeld in ländlicher Idylle ein Haus gekauft hat. An dieser Stelle stimmt das Vorabend-Serien-Klischee, „allerdings muss man neun Kilometer fahren, um einen Liter Milch zu kaufen.“ Dr. Michael Rosteck hat das Glück, dass seine Frau Ingrid, gelernte Intensivkrankenschwester, in der Praxis mitarbeitet. „Hätten wir beide den Anspruch auf akademische Verwirklichung, wäre das hier nicht möglich“, sagt er. Für Sohn Malte, der die 12. Klasse des Schiller-Gymnasiums besucht, ist längst klar, dass er fortgehen wird: Er möchte Biotechnologie und Umweltwissenschaften studieren, das kann er in der Gegend nicht. „Als Kind fand Malte es auf dem Land toll, aber das ändert sich spätestens mit der Pubertät“, so der Vater. Ein weiterer Nachteil: „Ein Auto ist auf dem Land Pflicht, sowohl für meinen Sohn, meine Frau und mich – anders geht es nicht.“

Und sein jüngster Sohn Finn Alexander? Würde er dem raten, Medizin zu studieren? „Ich würde mich freuen, wenn er sich das menschlich zutrauen würde, aber raten? Nein“, antwortet Dr. Michael Rosteck nach einigem Nachdenken. „Sechs Jahre Studium und fünf Jahre Facharztausbildung sind zu viel für einen Job mit fraglicher finanzieller Aussicht.“ Finanziell attraktiv werde der Job nur über die Zeit, die man investiere, so Rosteck. Der Mediziner arbeitet 60 Stunden Minimum pro Woche, Büroarbeit nicht mitgerechnet. Der enorme Verwaltungsaufwand stört ihn an seinem Job gewaltig. Negativ bewertet er außerdem den Unsicherheitsfaktor. „Nach vier bis fünf Jahren Berufstätigkeit müsste schon eine Verlässlichkeit da sein, aber im Moment kann man noch nicht mal ein Jahr vorausplanen, weil sich ständig etwas ändert.“

Da nützen die bezuschussten Weiterbildungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und die 2006 eingeführte Umsatzgarantie für die ersten beiden Jahre nach der Niederlassung wenig. Vor allem, wenn im Anschluss hohe Regresse auf dem Schreibtisch lägen. Überlegungen, Ärzte direkt bei der KV anzustellen, um dem Mangel auf dem Lande aufzufangen, hält Rosteck für wenig sinnvoll: „Dann entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis, in dem der Arzt noch mehr Zwängen ausgesetzt ist.“

In Hessisch Oldendorf herrscht zurzeit noch kein Ärztemangel. Noch nicht. Allerdings sei die Mehrzahl der Kollegen in einem Alter, in dem man ans Aufhören denkt, so Rosteck. Die Nachfolge ist in keiner Weise gesichert.

Dass es in Zukunft ein Problem bei der Neubesetzung der Arztsitze in Hameln-Pyrmont geben könnte, sieht auch Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Zwar sei die Region momentan bei 158 217 Einwohnern mit 236 Ärzten aller Fachrichtungen sogar überversorgt, doch der Altersdurchschnitt sei sehr hoch. Von den 107 Hausärzten werden in nächster Zeit 44 ausscheiden, das sind 63 Prozent. Nachwuchs in dieser Größenordnung zu finden, sei kaum möglich, so Haffke.

Schwer wiege dabei, dass junge Ärzte heute kaum Lust verspüren, sich auf dem platten Land niederzulassen, „sie ziehen Klein- oder Mittelstädte vor, das ist die Krux“, so Haffke. „Wir können die jungen Ärzte schließlich nicht zwingen, aufs Land zu gehen“. Drei Hauptgründe nennt er für das Desinteresse: Hohe Arbeitsbelastung, schlechte Infrastruktur, zu viel Bürokratie. „Dazu kommt, dass bei den Medizinern inzwischen 70 Prozent der Studienabgänger Frauen sind, und die haben in Hinblick auf Familienplanung oft eine ganz andere Vorstellung vom Arbeitsalltag.“ Aber auch die Männer zögen einen bequemeren Job, beispielsweise in der Pharmaindustrie, vor. Der lässt sich nämlich mit dem Familienleben vereinbaren.

In dem Pilotprojekt „MoNi“ will die KV nun gegensteuern, indem sie Arzthelferinnen ärztliche Tätigkeiten übernehmen lässt, wie zum Beispiel bestimmte Hausbesuche. Das soll die Ärzte entlasten. Ob es reichen wird, moderne Lebensentwürfe angehender Mediziner zu bedienen, ist fraglich.



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