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Madeleine Wertsch und Eduard Rudi sorgen im Baxmannbad für Sicherheit und Ordnung

Die Zwei auf der Brücke

Wenn die halbe Stadt sich im hellblauen Chlorwasser abkühlt, halten die Schwimmmeister die Stellung auf der Brücke. Die beiden im Baxmannbad sind ein Team aus Neuling und Alteingessenen. Eine Stunde mit den beiden am Beckenrand.

veröffentlicht am 05.08.2015 um 14:30 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 17:41 Uhr

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Autor:

von Julia Rau
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Hessisch Oldendorf. Zwei Uhr nachmittags. Schichtwechsel. Regenwolken ziehen auf. Etliche Menschen suchen das Weite. Madeleine Wertsch und Eduard Rudi bleiben entspannt. Sie sind die Schwimmmeister des Baxmannbades. Er: 61, braungebrannt, schon seit der Eröffnung 1998 dabei, Schwimmmeistergehilfe. Sie: 22, Fachkraft für Bäderbetrieb (gleicher Job, neue Bezeichnung) seit einem Jahr da und nun unter „Eddies“ Fittichen. Beide tragen rote Shirts, schwarze Hosen und Sandalen. Er mit Socken. „Das reibt sonst“, sagt er mit seinem sympathischen Akzent. Eduard stammt aus der Ukraine. „Da gab es so einen Beruf gar nicht.“ Durch Zufall ist der gelernte Sportlehrer zum Job am Beckenrand gekommen. Seit 17 Jahren arbeitet er schon von Ende Mai bis Ende August im Baxmannbad.

„Halb sechs geht es morges los, da ist frühschwimmen“, sagt Madeleine. Sie hatte Frühschicht, Eddie hat spät. „Morgens das erste ist die Kontrolle der Anlage, schauen ob alles funktioniert“, sagt Eduard. Da klingelt es aus den Lautsprechern am blauen Schwimmmeister-Häuschen. Madeleine greift zum Telefonhörer, den sie bei sich trägt. „Das ist hier oft so laut, dass wir das Telefon über die Lautsprecher klingeln lassen“, erklärt sie. Meist stehen die beiden Rücken an Rücken auf der Brücke. Bei Affenhitze auch mal unter einem Sonnenschirm. Sonst streifen sie ums Becken. Eduard geht ins blaue Häuschen. „Spielen im Strudel ist nicht gestattet, denk daran, ich sehe das“, sagt Eddie über Lautsprecher. Die Jungen bei der Rutsche waren zu weit weg, um es ihnen Auge in Auge zu erklären. Sonst, sagt Eddie, geht er hin und erklärt, was die Kinder falsch gemacht haben. „Ich versuche, hart aber gerecht zu handeln“, sagt der 61-Jährige. „Und man muss nett sein“ – „JUNGER MANN!“, ruft er plötzlich einmal durchs Bad –„also wie gesagt, man muss nett sein“.

Die Trillerpfeife hat Eddie vor ein paar Jahren an den Nagel gehängt, einige empfänden das als beleidigend, sagt er. Mit zunehmendem Alter und Erfahrung brauche man sie zudem nicht oft. „Jungs muss man ein bisschen abschrecken“, sagt er. Nichtsdestotrotz möchte er einen guten Draht zu den Gästen haben. Was er in eine Richtung über den Platz ruft, macht er an anderer Stelle mit einem Witz oder warmen Worten wieder wet. Als Madeleine als Kind ins Bad ging, habe es dort eine freundliche Schwimmeisterin gegeben, die nicht viel sagte und einen strengen Mann, der die Kinder oft zurecht wies. „Eine gute Mischung“, findet sie. Trotzdem sei das mit Eduard ganz anders. „Er ist nett, ich nenne ihn manchmal Vadder“, sagt sie und lacht. Madeleine ist so alt, wie Eduards jüngste Tochter. „Ich sage manchmal auch Kinder zu ihr und unserem Azubi, aber wir sind auf Augenhöhe.“

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  • Bei den Kindern ist Eduard ziemlich beliebt. Obwohl sie manchmal zurechtweisen muss, behält er einen guten draht zu den Gästen. Foto: jmr
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  • Meist beobachten die Schwimmmeister im Baxmannbad das Geschehen von dieser Holzbrücke aus. Foto: jmr

 

Eduard sprang vor 30 Jahren einem Hilflosen in einen Fluss hinterher

So richtig retten müsse man selten. Manchmal gluckern Nichtschwimmer unter. Aber einmal – nicht im Baxmannbad – hechtete Eddie hinter einem Hilflosen her. „Vor 30 Jahren war ich Musiker auf einem Schiff. Einer der Passagiere wollte über eine Treppe an Land. Er stürzte und verletzte sich am Kopf. Leblos fiel er ins Wasser. Da sind ich und meine Musikerkollegen ins Wasser gesprungen.“ Zu retten gab es nichts mehr. Die Kopfverletzung tötete den Mann. Eduard habe trotzdem Wiederbelebungsmaßnahmnen eingeleitet, um die umstehenden Passagiere zu beruhigen. „Dieses Bild werde ich nie vergessen“, sagt Eddie andächtig ... „Er braucht ein Pflaster.“ Eine Mutter steht vor Madeleine, ihr blonder Sohn mit Schwimmflügelchen hat sich am Finger geschnitten. Pflaster kleben, das sei die hauptsächlich medizinische Versorgung, und Wespenstiche behandeln. „Wir sind hier Mädchen für alles“, sagt Eduard; Techniker, Psychologen und Aua-Puster.

Madeleine geht zum Becken. Dort treiben ein paar Jungs mal wieder Unfug im Strudel. Die 22-Jährige geht hin, ruft die Burschen an den Beckenrand und erklärt, was sie eben nicht hätten tun dürfen. An den Fingern zählt sie ruhig ab, welche Regeln gelten. Die Jungs spuren. In der Zwischenzeit kommt ein klatschnasses Mädchen auf Eduard zu. Sie umarmt ihn, lehnt sich an seine Schultzer. „Das ist Johanna, sie hat vor zwei Jahren bei mir schwimmen gelernt und da sind wir Freunde geworden“, sagt Eduard. Die Neunjährige lässt ihn ewig nicht mehr los. Selbst, als ihre Freundinnen sie wieder zum Spielen abholen wollen, winkt sie ab. Sie will noch etwas bei Eddie bleiben. „Ich sage aber Herr Rudi“, sagt sie. „Der Schwimmkurs muss für die Kinder ein Erlebnis sein“, sagt der darauf. Er lobe die Kinder viel und albere. Er selbst hatte keinen Schwimmlehrer. „Ich wurde so lange immer wieder ins Wasser geworfen, bis ich endlich anfing, zu schwimmen“, sagt er. Madeleine hatte es da deutlich angenehmer. „Ganz normal, Unterricht in der Schule und mit den Eltern im Schwimmbad“. Eduard verschwindet derweil im blauen Häuschen und kommt mit einer Papierblume und einem Papierauto zurück. „Das haben Schwimmschüler für mich gebastelt“, sagt er stolz und hält die Geschenke hoch.

Selbst mal ins Wasser können die beiden nur vor und nach der Arbeit. „Fast immer nach dem Rasenmähen – Zack! – ab ins Wasser, ein paar Hundert Meter schwimmen“, sagt Eduard. Zu Dienstbeginn stehen sie wieder auf der Brücke.



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