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Nach früheren Querelen: „Was wollen wir?“ / Auch mit weniger Mitgliedern soll historischer Fundus erhalten bleiben

Die Schlacht ist gewonnen – Heimatbund blickt nach vorn

Hessisch Oldendorf (doro). Der Heimatbund will mit der Vergangenheit abschließen und einen Neuanfang wagen. Dazu gehört zunächst die Entlastung des ehemaligen Vorsitzenden Gerhard Bruns. Der ließ die Zügel des Heimatbundes jahrelang schleifen und berief keine Sitzungen mehr ein. Am Ende hatte keiner mehr einen Überblick über Finanzen und die Anzahl der Mitglieder. Was die Finanzen betrifft, sei Bruns rehabilitiert, erklärt Vorstandsmitglied Bernd Stegemann: „Es ist kein Geld weggekommen.“ Doch was die Anzahl der Mitglieder angeht, gibt Stegemann dem ehemaligen Vorsitzenden zumindest eine Mitschuld. Von ehemals 500 hat sich deren Zahl auf gegenwärtig 70 reduziert. Die Verbliebenen sind alle eingeladen, an der Mitgliederversammlung am Samstag teilzunehmen, auch wenn sie keine Rückmeldung oder bereits eine Kündigung geschickt haben, betont Stegemann.

veröffentlicht am 25.10.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 04:41 Uhr

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Aber nicht allein Gerhard Bruns sei schuld am Mitgliederschwund. „Die Zeit hat den Heimatbund einfach überholt“, sagt Stegemann und kann ein bisschen Enttäuschung nicht verbergen. Vielleicht, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass das Interesse an der Geschichte Hessisch Oldendorfs immer wieder aufflammt – „und dann ist es mühselig, alles wieder herauszusuchen und zusammenzutragen“, seufzt der Buchhändler. Für ihn gehört zur Wiederbelebung des Heimatvereins auf grundlegende Weise die Vergangenheit. „Die Geschichte des Wesertals ist großartig, und wir haben bereits vieles wiederentdeckt, wie zum Beispiel die Fundamente des alten Bürgerzwangturms, den ersten jüdischen Friedhof am Nordwall oder das Baxmann-Grab. Auch die Feststellung, dass der Langenfelder Wasserfall der höchste natürliche Wasserfall Niedersachsens ist, verdanken wir dem Heimatbund.“ Historisch Interessierte müssten also nicht jedes Mal das Rad neu erfinden, sondern könnten den bestehenden, recht großen Fundus erweitern.

Den Heimatbund so zu führen, wie es früher üblich war, also mit Busfahrten, Vorträgen und der Herausgabe von Heimatblättern, sei finanziell und personell allerdings nicht mehr möglich, erklärt Stegemann. Der Verein müsse sich komplett neu definieren und sich fragen „Was wollen wir machen?“

Ein Anfang ist der von Leader geförderte Rundweg, der im Ortskern von Hessisch Oldendorf geplant ist und interessante Punkte im Altstadtbereich beschreiben soll. Für die Informationstafeln und -stelen im Bereich des Stadtwalls hat Bernd Stegemann jetzt historische Themen aufgearbeitet und verständlich verpackt.

Auf der ersten Tafel wird von der Schlacht bei Hessisch Oldendorf im Jahre 1633 erzählt. Das kaiserlich-katholisch besetzte Hameln wurde seit Januar 1633 von einem starken evangelischen Heer unter Führung des Herzogs Georg von Braunschweig- Lüneburg und des schwedischen Feldmarschalls von Kniphausen belagert. Da die Versorgungslage Hamelns immer schwieriger wurde, sollte ein schnell zusammengestelltes Heer unter Führung der kaiserlichen Generäle von Gronsfeld und von Merode Hameln zu Hilfe kommen. Vereinigte schwedische, hessische und braunschweigische Truppen erwarteten vor Hessisch Oldendorf in strategisch günstiger Position – etwa entlang des Barksener Weges – in aller Ruhe den Angriff des kaiserlichen Heeres. Zum Kampf kam es in der Schlucht zwischen Segelhorst und Barksen. Zum glänzenden Sieg über die kaiserlichen Truppen halfen die genaue Ortskenntnis eines Rittmeisters, der in Oldendorf geboren war, und der erste in der Militärgeschichte bekannte Einsatz beweglicher Feldartillerie. Sie war eine der entscheidenden Schlachten des Dreißigjährigen Krieges, bei der an einem einzigen Tag über 7000 kaiserliche Soldaten fielen, die in Massengräbern vor Segelhorst und unterhalb der Schaumburg beigesetzt wurden. Das Schlachtfeld ist auch heute noch vom Barksener Weg aus gut zu übersehen und vom Ausmaß her zu erahnen. Der fast vollständige Verlust der kaiserlichen Armee bedeutete das Ende der meisten kaiserlichen Kriegszüge im Nordwesten Deutschlands und war wesentlich für den Verbleib Norddeutschlands beim Protestantismus. Zum Kampf kam es in der Schlucht zwischen Segelhorst und Barksen.

Auf einer weiteren Tafel hat Bernd Stegemann die Historie des Scharfrichters von Oldendorf nacherzählt, der am Nordwall bis zum Ende der alten ungeteilten Grafschaft Schaumburg seinen Dienstsitz hatte: Das Amt des Schaumburger Scharfrichters ist seit Gründung der Stadt nachweisbar und befand sich auf dem Grundstück Mittelstraße 9, Ecke Paulstraße, neben dem Bürgerzwangturm, der als städtisches Gefängnis ebenfalls der Aufsicht des Scharfrichters unterstand.

Als Grundlage des Strafvollzugs diente die „Carolina“, die peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. Der Beruf des Scharfrichters galt als nicht ehrlich, er gehörte keiner Gilde an und unterlag auch in Familienangelegenheiten besonderen Vorschriften. Im Ratskeller und in der Kirche hatte der Mann mit dem schrecklichen Handwerk seine festen, vom Rat der Stadt bestimmten Sitzplätze. Geheiratet wurde nur innerhalb der Scharfrichtersippen, niemals mit anderen Berufsgruppen. Die „Auslastung“ eines Scharfrichters war verständlicherweise nur gering. Um dem Scharfrichter sein Auskommen aber zu sichern, wurde deshalb das Amt mit den Aufgaben des Abdeckers verbunden. Alles verendete Vieh der gesamten Grafschaft durfte ausschließlich durch den Oldendorfer Abdecker entsorgt werden. Bei Strafe war es den Bürgern verboten, ihr totes Vieh selbst zu vergraben. Die Abdeckerknechte holten dann das Vieh ab und verwerteten es in der „Fillerei“.

Die Sitzung des Heimatbundes findet am Samstag, 30. Oktober, ab 15.30 Uhr im Hessisch Oldendorfer Baxmann-Zentrum, Barksener Weg, statt.

Das Bild von der Schlacht bei Hessisch Oldendorf hat Bernd Stegemann in der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, ausgegraben.

Foto: pr.

In Hessisch Oldendorf hatte der Scharfrichter sein Amt auf dem Grundstück Mittelstraße 9, Ecke Paulstraße, neben dem Bürgerzwangturm.



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