weather-image
23°

Sein Magen knurrt – der Kaffee ist alle: Stefan Bohrer verzichtet einen Tag lang auf Konsum

Die Narbe des Geldes

Hessisch Oldendorf. Der Deutsche liebt es ja, zu feiern. Am zweiten Maisonntag gibt es den Muttertag, den ich mit schöner Regelmäßigkeit vergesse. Außerdem den Vatertag, an dem Väter endlich mal Väter sein können und mit Bollerwagen auf Sauftour gehen. Dem Weltspartag habe ich persönlich schon immer den Kampf angesagt – ich hasse Spardosen. Jetzt las ich unlängst, dass es den „Kauf-nix-Tag“ gibt. Der wird seit mehr als 20 Jahren in über 45 Ländern weltweit am letzten Freitag oder Samstag im November begangen, also heute. Die Erfinder wollen damit erreichen, dass die Leute über ihren Konsum nachdenken und etwas ändern. Nichts einfacher als das, denke ich. Fällt mir doch leicht, auf Konsum zu verzichten – Zeit für einen Selbstversuch.

veröffentlicht am 30.11.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 08:41 Uhr

270_008_6762337_lkho101_2811_2_.jpg

Autor:

Stefan Bohrer
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Mein Wecker klingelt pünktlich um 8.30 Uhr. Beim schleppenden Gang zum Bad fällt mein Blick in den Spiegel. Ich müsste dringend mal wieder zum Friseur. Auf meinem Kopf wuchert das Haupthaar wie ein reetgedecktes Dach. Aber dann fällt mir ein, dass ja heute mein Selbstversuch ist, einen ganzen Tag lang kein Geld auszugeben. Und der Gang zum Friseur wäre ja eine bezahlte Dienstleistung. Zum Glück hat der liebe Gott das Haargel erfunden. So werde ich einen weiteren Tag im Rod-Stewart-Gedächtnis-Look herumrennen.

In der Küche streicht mir Kater Anton um die Beine. Er hat Hunger, ich auch. Ich müsste Katzenfutter kaufen, aber das geht heute nicht. Zwei Packungen hat er noch, wird wohl bis morgen reichen. Was nicht reicht, ist der Kaffee. Fencheltee weckt zwar nicht unbedingt meine Lebensgeister, aber es wird heute schon gehen. Toastbrot fehlt auch. Das Landbrot aus dem Kühlschrank hat schon bessere Tage gesehen. Ich kaue darauf herum, es erinnert mich an Wellpappe. Aber der Hunger treibt es rein.

Eine kurze Inspektion meiner Speisekammer zeigt mir, dass ich heute meinen Magen an den Haken hängen kann. So beschließe ich, in den Wald zu fahren und Pilze zu sammeln. Die kosten nichts, und Zwiebeln habe ich noch im Kühlschrank. Beherzt nehme ich den Autoschlüssel vom Schuhschrank, setze mich in meinen Wagen und starte den Motor. Die Tankanzeige neigt sich gegen null. Und Benzin kostet Geld. Also den Motor wieder abgestellt und zurück ins Haus. Mir dämmert die Erkenntnis, dass es gar nicht so einfach ist, mal einen Tag lang kein Geld auszugeben.

Mittlerweile ist es 10 Uhr durch, ich setze mich vor den Fernseher und zappe mich durch die Programme. Überall werden Waren in den Werbeblöcken angepriesen. Egal, ob es sich um Millionärsgattinnen handelt, die mit „Robert, der Hubschrauber bleibt heute stehen“ Joghurts anpreisen, sich Strahlen von Fruchtsaft aus PET-Flasche in den Himmel ergießen oder Schokoriegel in zwei Werken mit Bröckelkeks und Karamellsoße hergestellt werden. Mein Magen knurrt, aber ich bleibe hart. Mir selbst gegenüber und gegenüber dem Konsumterror.

Gegen Mittag klingelt mein Telefon, mein bester Freund André fragt, ob er vorbeikommen könne. Ich erkläre ihm mein Experiment. Er hält mich für den großen Bruder von Lady Gaga. „Ich komme trotzdem, dann lade ich Dich eben ein.“ Doch das kommt gar nicht in Frage. Weder gebe ich heute einen Cent aus, noch lasse ich es andere für mich machen.

Auf RTL Nitro hat die rotwangige und ebenso rothaarige Richterin Barbara Salesch einen Fall zu verhandeln. Es geht um einen Mann, der in einem Kaufhaus gestohlen hat. Langweilig, denke ich und bevor ich RTL mit Nitro und Glycerin in die Luft sprenge, schalte ich entnervt ab.

Stattdessen setze ich mich an den PC und surfe ein wenig im Internet. Wie von selbst tippen meine Finger die magischen Buchstaben „a-m-a-z-o-n“ und „e-b-a-y“ ein. Nein! Ich lasse mich heute nicht zum Konsumzwang verleiten. Bleibt der Gang in meine Privatbibliothek. Ich könnte ja mal was lesen. Vielleicht heitert mich das auf. Da kommt Kishon immer gut. Wahllos schlage ich eine Seite auf. Ephraim muss der besten Ehefrau von allen einen grünen Eyeliner besorgen, einen ganz speziellen und sündhaft teuren dazu. Er wird nicht fündig. Noch so ein Konsumterrorist, denke ich und lege das Buch wieder zu Seite.

Höre ich eben Musik, das entspannt. Auf Klassikradio läuft Franz von Suppés Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“. Ich weiß auch nicht genau, warum mir gerade jetzt in den Sinn kommt, dass der Komponist für das Stück lediglich acht Gulden erhalten hat, der Verleger damit allerdings ein Vermögen verdiente. Also Radio wieder abgeschaltet. Ich habe Hunger und koche Reis. Da ich nichts dazu habe, wird er einfach mit der Deutschen liebster Flüssigwürze verfeinert. Ich weiß – es gibt ausgewogenere Ernährung. Nur nicht heute.

Inzwischen ist es Abend geworden. André hat noch einmal angerufen, um mir mitzuteilen, dass er doch nicht zu Besuch kommen kann. Auch gut, ich gehe ja ins Konzert. Kostet mich übrigens nichts, ich berichte ja darüber. Auf ein Getränk an der Bar verzichte ich allerdings aus bekannten Gründen.

Spätabends will ich doch noch etwas lesen. Ein Buch, das garantiert ohne Konsumzwang auskommt. Christopher Moores „Bibel nach Biff“. Die brüllkomische Passage über die tatsächliche Entstehung der Bergpredigt zaubert mir ein Dauergrinsen ins Gesicht. Mein Handy vibriert neben mir. Ich bekomme eine SMS von meiner Arbeitskollegin Susanne. Ob ich nicht morgen früh mit ihr frühstücken will? Na klar will ich, aber ich antworte ihr nicht, denn das würde mich 40 Cent kosten. Morgen ist auch noch ein Tag. Und an dem werde ich genüsslich Geld ausgeben. Vor allem für einen kräftigen Kaffee.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?