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Vor 50 Jahren bricht der Damm des Nährenbachs

Die Hochwasser-Katastrophe von Fischbeck

FISCHBECK. Die Nacht vom 19. auf den 20. Juli 1966 ist vielen Menschen in Fischbeck noch in schrecklicher Erinnerung. Eine Gewitterfront mit Starkregenfällen zieht über das Weserbergland hinweg. Am Süntel fallen innerhalb von nur zwei Stunden 80 Millimeter Niederschlag. Der Damm bricht, der Ortskern wird überflutet. Ein Rückblick auf die Hochwasser-Katastrophe.

veröffentlicht am 18.07.2016 um 07:52 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:30 Uhr

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Autor:

Barbara Jahn
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„Noch heute habe ich bei jedem Gewitter Angst“, sagt Ruth Knissel. Und sie erklärt auch, womit dies zusammenhängt: „Obwohl es nun bereits 50 Jahre her ist, kommt sofort die Erinnerung an das, was ich als junge Frau im Juli 1966 erlebt habe. Wir haben unser Auto geputzt, denn wir wollten am nächsten Tag in den Urlaub fahren. Dann war Abendbrotzeit, und als wir am Tisch saßen, zog ein Gewitter auf und es regnete stark. Plötzlich hörten wir Schreie: ,Der Damm ist gebrochen!‘“

An diesem Dienstagabend, es ist der 19. Juli 1966, zieht in den frühen Abendstunden eine Gewitterfront mit Starkregenfällen über das Weserbergland hinweg. Am Süntel fallen innerhalb von nur zwei Stunden 80 Millimeter Niederschlag. Die abfließenden Wasser füllen im Bereich des Nährenbachs, etwa 300 Meter oberhalb des Ortsrandes von Fischbeck, ein Rückhaltebecken. Etwa eine Stunde nach Beginn des Unwetters spült das erste Wasser über den damals sechs Meter hohen Erddamm des Rückhaltebeckens. Schon kurz danach reißen die Wassermassen das Erdreich sowie die Steinpackung fort und fressen – zunächst von den Bewohnern des Stiftsdorfes unbemerkt – ein 30 Meter breites Loch in den Damm. Es schießt eine gewaltige, bis zu vier Meter hohe Flutwelle in Richtung Ortskern.

Ruth Knissel lief damals mit ihrem Vater in dessen Büro, um wenigstens die wichtigsten Unterlagen des selbstständigen Installateurs vor der Flut zu retten. „Dann sind wir in den ersten Stock gerannt, wir haben beim Blick aus dem Fenster um uns herum nur noch Wasser gesehen. Wir haben bis morgens halb fünf oben ausharren müssen. Dann kam unser Geselle, hat die Haustür freigeräumt und wir konnten das Haus verlassen – es war entsetzlich“, erinnert sich Ruth Knissel. Dabei deutet sie auf die Zeitungsberichte aus den Tagen nach der Hochwasserkatastrophe, die deutlich zeigen, wie verwüstet nicht nur das Haus ihrer Familie am Nährenbach war. „Es blieben nur noch Trümmer“ steht unter einem Foto, das Ruth Knissels Mutter zeigt. „Wir hatten nichts mehr. Der Schaden war auf 45 943 Mark beziffert. Wir haben als Entschädigung 4000 Mark und vom Roten Kreuz einen Schreibtisch und ein Bügeleisen bekommen“, weiß sie noch genau.

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Überall in Fischbeck wurden nach dem Hochwasser die Häuser ausgeräumt. Foto: Archiv

Noch heute beschämt ist Wolfgang Schreiner, wenn er an die Nacht des Hochwassers denkt. „Ich war mit der Feuerwehr im Einsatz, um bei Helmut Peters Tiere und Vorräte vor dem Hochwasser zu retten. Als die Flutwelle kam und das Wasser stieg, sind wir auf den Stallboden geklettert und haben ein paar Ziegel beiseitegeschoben. Da kamen Fernseher an uns vorbeigeschwommen“, gruselt es den Fischbecker noch heute. Als sein Bruder und er um halb fünf den Boden verlassen und nach Hause gehen konnten, „haben wir ‚Auf der Blümenau‘ das ganze Elend gesehen und da erst an unseren Opa gedacht. Der hatte ein steifes Bein und war allein im Haus, wir hatten ihn total vergessen“, erinnert sich Wolfgang Schreiner betroffen. „Der Großvater hat noch das Schwein der Familie im Stall gerettet und konnte dann nicht mehr ins Haus, weil auf der Vorderseite schon alles voll Wasser war. Er ist dann hinten rum, hat mit seinem steifen Bein und einem Knüppel eine Scheibe eingetreten und sich nach oben flüchten können“, erzählt er.

Insgesamt 1000 Fischbecker konnten sich nur in letzter Minute in höhere Stockwerke ihrer Häuser retten und wurden dort von den Fluten eingeschlossen. Die Flutwelle zerstörte vor 50 Jahren Brücken, Häuser und Stallungen. Menschen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden, jedoch ertranken zahlreiche Kühe und Schweine. Über 175 Gebäude wurden von der Flutkatastrophe in Mitleidenschaft gezogen. Im Stiftsdorf wurde der Notstand ausgerufen und Katastrophenalarm gegeben. Dies setzte zahlreiche zivile und militärische Hilfsorganisationen in Bewegung. „Ich erinnere mich an einige sehr junge Helfer, die wussten gar nicht, wo sie anfangen sollten, so furchtbar sah es aus“, sagt Ruth Knissel. Nie wieder wolle sie so etwas erleben müssen.

Beim Gang über ihr Grundstück in der Dorfmitte sei sie jedes Mal sehr skeptisch. Vor allem, wenn sie die Steine der alten Uferbefestigung sieht, die nicht wieder aufgebaut wurde. „Hier ist seit 50 Jahren nichts gemacht worden, die Grundmauer fehlt, das Ufer ist zugewachsen und ich habe Angst, dass das Wasser wiederkommt“, sorgt sich Ruth Knissel.



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