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Mit Hilfe eines Spenders hat der an Leukämie erkrankte Stefan Otto eine Chance bekommen

Die ersten hundert Tage waren kritisch

HESSISCH OLDENDORF. Vorige Woche hat Stefan Otto seinen ersten Geburtstag gefeiert – auch wenn er das Alter längst überschritten hat. Am 25. Januar 2017 hat die Transplantation von Stammzellen eines unbekannten Spenders dem an Leukämie Erkrankten „das Leben gerettet“.

veröffentlicht am 28.01.2018 um 17:02 Uhr

Transplantationspatient Stefan Otto
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Autor

Annette Hensel Reporterin
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Genau so schreibt er das seinem Spender in einem anonymen Brief, der über das Klinikum in Göttingen weitergeleitet wird, und fährt fort: „Ihre Zellen haben sehr schnell ihre Arbeit aufgenommen. Nicht ich bin der Chef in meinem Körper, sondern das neue Immunsystem.“ Im Rückblick sagt der Hessisch Oldendorfer: „Ich habe sehr viel Glück gehabt, hatte einen tollen Spender, tolle Ärzte und – ganz wichtig – meine Familie immer an meiner Seite.“

Im September 2016, nach Erhalt der Diagnose Akute Myeloische Leukämie, einer bösartigen Erkrankung des blutbildenden Systems, teilen die Ärzte ihm mit: „Ohne Behandlung sind Sie im Februar 2017 tot.“

Familie, Freunde und Kollegen organisieren DKMS-Aktionen, bei denen sich 1450 Personen im Herbst 2016 typisieren lassen. Mehr als 16 000 Euro werden gespendet - nicht für Ottos Behandlung, sondern zur Finanzierung der Untersuchung der Blut- und Speichelproben im Labor. Ein Stammzellenspender kann bei den Aktionen nicht gefunden werden, doch vor Weihnachten erhält Stefan Otto die frohe Botschaft, dass es einen Spender mit einer 92-prozentigen Übereinstimmung gibt.

Drei hochdosierte Chemotherapien im Isolationszimmer des Sana-Klinikums in Hameln und des Göttinger Klinikums sind zur Vorbereitung auf die Transplantation notwendig, um die Anzahl der Leukämiezellen, in der dritten dann Ottos Immunsystem komplett herunterzufahren. Danach wird seinem Blut tierisches Eiweiß zugeführt, damit sich der Körper an „Fremdes“ gewöhnen kann. „Mit einem Beutel mit rot-orangenem Inhalt, Stammzellenkonzentrat des Spenders, kamen die Ärzte zu mir. Die Transplantation fand über einen Venenkatheder statt, dauerte 75 Minuten und war für mich eine Erlösung“, berichtet Stefan Otto. „Seine Reaktion auf die Frage der Ärzte, wie es ihm gehe, war: „Mir geht’s gut, aber wie geht es dem Spender?“, erzählt Ehefrau Karin. Akribisch führt sie in einem Kalender Tagebuch über die gesundheitliche Entwicklung ihres Mannes und bringt ihm täglich keimfrei gewaschene Unterwäsche, T-Shirts und Strümpfe in verschlossenen Zip Beuteln ins Göttinger Krankenhaus. „Hygiene geht bei solchen Erkrankungen über alles, täglich wurde Stefans Zimmer von zwei Frauen gereinigt“, fügt sie hinzu.

Nach der Transplantation beginnt das Hoffen, dass die Stammzellen anwachsen, am 8. Februar steigt erstmals die Anzahl der Leukozyten. Dennoch: Die ersten hundert Tage seien kritisch, erfährt das Ehepaar. Am 15. Februar kann Stefan Otto erstmals sein Isolationszimmer verlassen, zwei Tage später darf er nach Hause. „Er hatte Lust auf Baguette mit Bismarckhering – natürlich nicht von der offenen Ladentheke, da durfte ich nichts mehr kaufen“, sagt Karin Otto. Weil alles in der Umgebung ihres Mannes so keimfrei wie möglich sein muss, hat sie vor seiner Heimkehr das Schlafzimmer renoviert. Teppich, Tapeten und Bett werden entfernt, Holzdielen gelegt, die Wände mit Silikat gestrichen und ein neues Bett aufgestellt. Auch alle Zimmerpflanzen müssen aus hygienischen Gründen verbannt werden.

Selten verlässt Stefan Otto das Haus – und wenn, dann nur mit Mundschutz aufgrund der Ansteckungsgefahr. Am 5. Mai enden die kritischen 100 Tage, doch tags darauf treten plötzlich Fieber und Appetitlosigkeit auf, später kommt eine Hautabstoßung hinzu. „Bis zum 25. Juli ging es bergab, am Ende wog Stefan infolge eines immunologischen Problems nur noch 63 Kilo, 23 weniger als vor der Erkrankung. Manche haben ihn auf der Straße nicht wiedererkannt“, erzählt Karin Otto. Von heute auf morgen ist der Spuk vorbei, der Appetit kommt wieder und es geht endlich bergauf. „Jetzt wiege ich 77 Kilo, fühle mich wohl, auch die Haut bessert sich“, so Stefan Otto und ergänzt: „Ich gehe meinem Hobby, dem Kochen nach, bin gerne am Wochenende mit meiner Frau unterwegs, meide allerdings Massenveranstaltungen.“ Die Freude am Leben habe er nie verloren....

Da er weiterhin regelmäßig in Hameln und Göttingen ärztlich behandelt wird, ist für den Berufsschullehrer ein Wiedereinstieg im Moment noch kein Thema. „Zeit, Ruhe und Geduld sind jetzt wichtig – und die bringe ich mit“, erklärt Stefan Otto und betont: „Ich gehe davon aus, eines Tages ohne ärztliche Kontrollen ein normales Leben führen zu können.“

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